Kant


Kant geht von der guten scholastischen Beobachtung aus, dass ein Vernunftschluß die Vergleichung eines Merkmals mit seiner Sache vermittels eines Zwischenmerkmals sei. Die allgemeinste Regel aller Vernunftschlüsse ist ihm der Satz: ein Merkmal vom Merkmal ist ein Merkmal der Sache selbst. Ist es z. B. ein Merkmal des Begriffs "Körper", schwer zu sein, und nennt man die Luft einen Körper, so muß die Luft Schwere besitzen. Ganz scholastisch bleibt Kant darin, dass er die Unbeweisbarkeit dieses obersten logischen Grundsatzes logisch zu beweisen sucht. Wir bemerken sofort, dass dieser ganze Gedanke gar nicht der Logik angehört, sondern nur eine psychologische Tatsache feststellt. Die nämlich, dass wir uns bei jedem Wort oder Begriff je nach der Richtung der Aufmerksamkeit an seine Teilvorstellungen erinnern.

Nun unterscheidet Kant zwischen reinen und vermischten Vernunftschlüssen. Reine Vernunftschlüsse sind ihm diejenigen Syllogismen, die (wie eben reinlich nur bei der ersten Figur) aus drei Urteilen bestehen; vermischte Vernunftschlüsse sind ihm diejenigen, bei denen die eine oder andere Prämisse ausdrücklich oder heimlich erst noch verändert, zu einem vierten Urteil umgedreht werden muß, damit der Schlußsatz aus allem hervorgehe. Darin besteht eigentlich Kants Beweis, das heißt also in der Unterscheidung zweier Arten und in der Verurteilung der einen. Wenn ein Vernunftschluß unmittelbar nach der obersten Regel (eventuell nach ihrer Anpassung an die verneinenden Schlüsse) geführt wird, so ist es jederzeit nach der ersten Figur. Er beweist an recht sehr scholastischen Beispielen, dass die zweite und dritte Figur nur durch Zurückführung auf die erste eine logische Beweiskraft habe.

Kein Geist ist teilbar,

alle Materie ist teilbar,

________________

also: keine Materie ist ein Geist.

Kant lehrt — in vollkommener Übereinstimmung mit Aristoteles —, dass der Obersatz "kein Geist ist teilbar" zuerst umgekehrt werden müsse in den Satz "nichts Teilbares ist ein Geist", um sodann den Schlußsatz nach der ersten Figur zu ergeben.

Erst bei der vierten Figur wird Kant übermütig; er spricht in dem Ton grimmigen Witzes, der ihm leider in späterer Zeit immer mehr verloren gegangen ist. Der Syllogismus in der vierten Figur sei so unnatürlich, dass die aus ihm abgeleitete Regel sehr dunkel und unverständlich sein würde. Es sei schade um die Mühe, die sich ein kluger Geist geben würde, an einer unnützen Sache bessern zu wollen. "Man kann nur was Nützliches tun, wenn man sie vernichtigt." Aber er versagt es sich doch nicht, eine geistreiche Verspottung der vierten syllogistischen Figur zum besten zu geben.

Kein Dummer ist gelehrt,

einige Gelehrte sind fromm.

Aus diesen beiden Prämissen ergebe sich unmittelbar gar nichts; man muß beide erst zurechtrücken, man muß sagen:

kein Gelehrter ist dumm,

einige Fromme sind gelehrt,

um nach der ersten Figur zu dem köstlichen Schlußsatz zu kommen:

einige Fromme sind nicht dumm.

Kant lehnt den Einwand ab, dass die drei anderen Figuren höchstens unnütz, nicht aber falsch seien. Dabei muß er freilich gegen seine bessere Ahnung von dem hohen Werte der ersten Figur und der Logik überhaupt ausgehen. Die Logik bringe alles auf die einfachste Erkenntnisart; die komplizierten Regeln müßten "bei diesen Seitensprüngen sich selbst ein Bein unterschlagen". Die sogenannten Modi (die einzelnen Schlußweisen, die in den bekannten barbarischen Gedächtnisversen gelernt werden) "werden künftighin eine schätzbare Seltenheit von der Denkungsart des menschlichen Verstandes enthalten, wenn dereinst der ehrwürdige Rost des Altertums einer besser unterwiesenen Nachkommenschaft die emsigen und vergeblichen Bemühungen ihrer Vorfahren an diesen Überbleibseln wird bewundern und bedauern lehren".

Hier vergißt Kant schon die Verteidigung der ersten Figur, die er vielleicht nur aus Vorsicht geschont hat. Er vergleicht alle Schlußweisen mit dem Schachbrettspiel; wer sich über das Hervorgehen des Schlußsatzes wundere, der scheint ihm nicht klüger als einer, der mit einem Anagramm spielt. Kant wagt nicht zu glauben, "dass die Arbeit von einigen Stunden vermögend sein werde, den Koloß umzustürzen, der sein Haupt in die Wolken des Altertums verbirgt und dessen Füße von Ton sind". Der ganze logische Koloß sei besonders in einem gelehrten Wortwechsel brauchbar, der aber doch mehr zur "Athletik der Gelehrten" gehöre.

Wie gering aber Kant von der Logik überhaupt dachte, kommt doch erst im Schlußparagraphen heraus, wo er fast ohne Zusammenhang seine letzten Gedanken hinwirft. Ich glaube eine Stelle ganz und gar für mich in Anspruch nehmen zu dürfen. "Ich sage demnach erstlich: dass ein deutlicher Begriff nur durch ein Urteil, ein vollständiger aber nicht anders, als durch einen Vernunftschluß möglich sei. Es wird nämlich zu einem deutlichen Begriff erfordert, dass ich etwas als ein Merkmal eines Dings klar erkenne; dieses aber ist ein Urteil. Um einen deutlichen Begriff vom Körper zu haben, stelle ich mir die Undurchdringlichkeit als ein Merkmal desselben klar vor. Diese Vorstellung ist aber nichts Anderes als der Gedanke: ein Körper ist undurchdringlich." Er tadelt es daher, dass in der gewöhnlichen Logik die Lehre vom Begriff früher als die Lehre vom Urteil und vom Syllogismus abgehandelt werde. Zweitens aber bemerkt Kant — was er leider in seinen späteren und abgründigen Schriften völlig wieder vergessen hat —, dass es ein und dieselbe Grundkraft der Seele sein müsse, die den deutlichen und den vollständigen Begriff, also in unserer Sprache das Urteil und den Schluß vollzieht, dass also Verstand und Vernunft ein und dasselbe Vermögen zu urteilen seien. Dieses weit über seine Zeit hinausgreifende Aperçu wendet Kant sofort sehr unglücklich auf den Unterschied von Menschen und Tieren an, während es gerade geeignet gewesen wäre, die Armut dieses Unterschiedes aufzudecken. Aber groß und einfach nennt Kant gerade in diesem Augenblicke seine Lehre stolz bescheiden seine "jetzige Meinung".  


 © textlog.de 2004 • 23.02.2017 15:10:37 •
Seite zuletzt aktualisiert: 30.05.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright