Zahlworte als Adjektive


Dann aber gibt es einen Rückweg, auf welchem der Sprachgebrauch die Zahlworte ganz unmathematisch als allgemeine Merkmale anwendet. Namentlich die runden Zahlen werden bei uns gern so gebraucht. Der Tausendfuß hat nicht 1000 Füße, die Zentifolie hat nicht 100 Blätter. In noch seltsamerer Weise sagen wir den Orientalen nach: tausendundeine Nacht; "Jahr und Tag" dagegen ist wieder mathematisch, weil es ein Minimum bedeutet.

Wir erwachsenen Indoeuropäer unserer Zeit sind nicht so unmathematisch bei niederen Zahlen. Bis zwei und drei können wir schon zählen, auch unbewußt. Unsere kleinen Kinder sind es, die "zwei" im Sinne von "viel" gebrauchen, weil sie eben noch nicht bis zwei zählen können — etwa wie Chiquitoindianer. Aber auch uns können sich die niedersten Ordnungszahlen in Adjektive verwandeln.

Sage ich auf die Frage: "Wie fahren Sie? Zweiter oder Dritter?" — so denke ich auf keinen Fall an die Ordnungszahl. Entweder verbinde ich mit dem Worte eine Vorstellung des Preises oder — gewöhnlich — nur die Vorstellung der Einrichtung; "Zweiter" heißt Bequemlichkeit und Polstersitze, "Dritter" heißt Holzbank. Bei der Berliner Stadtbahn, die nur zwei Klassen eingeführt hat und auf der nach der Ähnlichkeit des Komforts dennoch von einer zweiten und einer dritten Klasse gesprochen wird, ist dieses Verhältnis noch auffallender.

Diese Bemerkung scheint kleinlich. Aber sie ist wichtig, wenn wir aus einem Beispiel, das wir miterleben, deutlich erkennen, dass ein Übergang vom Zahlwort zu anderen Kategorien möglich ist und dass in alten Zeiten eben auch Entlehnung oder Import von Zahlwörtern möglich war. Als die Gase entdeckt wurden, schuf ein Holländer künstlich das Wort dafür; und es wurde in alle Kultursprachen importiert. Nun war es doch auch eine Entdeckung oder Erfindung, als ein überaus genialer Mathematiker (ein Mann, der ein Denkmal verdient wie Newton) auf den überaus fruchtbaren Einfall kam, Ein Schaf mehr als vier Schafe "fünf" Schafe zu nennen. Er erfand für seine neue Weltanschauung neue Worte, er zählte, er war der erste; er zählte vielleicht bis drei, bis acht, bis zwölf, wer weiß es. Er zählte vielleicht zuerst nicht Schafe, sondern sich und seine Familienmitglieder; obwohl (ernsthaft!) das Zählen von Schafen oder anderen Eigentumseinheiten dem mathematischen Genie näher liegen mochte als das Zählen von Kindern.

Konnten aber die Zahlwörter — als neue Erfindungen — so leicht von einem Volke auf das andere übergehen (wie von den Melanesiern glaubhaft berichtet wird, dass sie, die übrigens neuerungssüchtig genug sind, um Sprachfehler, von Europäern im Melanesischen gemacht, gern anzunehmen, besonders Zahl- und Fürwörter von den Malaien entlehnt haben), so ist es schlimm bestellt um alle logischen Schlüsse, welche aus der Verwandtschaft gerade dieser Wörter (und der Fürwörter) auf Stammesverwandtschaft der Sprachen leiten sollen. Fast ausschließlich aus Ähnlichkeit von Zahlwörtern sucht man die Verwandtschaft der semitischen Sprachen mit den sogenannten hamitischen zu folgern. Ebenso gut könnte man aus dem Vorkommen einer leeren Sardinenbüchse in der Wüste Sahara darauf schließen, dass die Wüste einst Sardinen gedeihen ließ.

Ist die Entlehnbarkeit, die allgemein menschliche Brauchbarkeit des Zahlworts noch stärker als die anderer Redeteile, so könnte man daraus schließen, dass die Unbestimmtheit seines grammatischen Sinnes weniger groß sei, dass das Zahlwort der Wirklichkeitswelt besser entspreche als Substantiv, Adjektiv und Verbum. Man glaubt es auch.

 

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