Eigennamen unbestimmt


Es ist aber unmöglich für eine Urzeit der Sprachwerdung oder für die Zeit des ersten Sprachlernens bei unseren Kindern psychologisch zu unterscheiden, ob mit den ersten Worten oder deiktischen Sprachlauten mehr Eigennamen oder mehr Gattungsnamen gemeint seien. Die Verwirrung in der Seele des Kindes und des Urmenschen ist vielleicht sogar noch größer, als unsere Sprachmittel leicht auszudrücken gestatten; es verbinden sich vielleicht Extreme, welche über den Gegensatz von Eigennamen und Gattungsnamen weit hinaus gehen. Vielleicht gibt es in der Seele des Urmenschen und des Kindes einen Zustand, in welchem das Individuum "Papa" noch nicht als das immer gleiche Individuum, also als der Träger des Eigennamens "Papa" erkannt wird, wo Papa noch viel individueller "den da" ausdrückt, der augenblicklich mit seinem schwarzen Barte im Gesichtsfelde ist und der dem anderen, der vor einer Stunde da war, nur ähnlich sieht; auf dieser Stufe vermischt sich in der Seele des Kindes der Gebrauch von Papa als Gattungsname für Mann und als ein Momentname, der noch individueller ist als die Person des Vaters. Ebenso kann das Kind, welches den Mond am Himmel erst links und dann rechts von einem Gebäude erblickt, beide Erscheinungen für zwei Momentanmonde halten, sie also über den Eigennamen hinaus individualisieren und doch einen Gattungsbegriff (etwa "Lampe") unklar damit verbinden. Und anderseits kann es das Merkmal, an welchem es den Papa erkennt, in der Schwärze des Bartes entdecken, jeden dunkelbärtigen Menschen Papa nennen und hat dann scheinbar den Gattungsnamen "Mann" erfaßt, in Wahrheit jedoch nur eine adjektivische Vorstellung.

Ich glaube nicht, dass diese schwankende Haltung der Eigennamen ganz und gar aus der Sprache der Erwachsenen verschwunden sei. Hätte jeder Mensch aus eigener Kraft sprechen gelernt, das heißt aus eigener Erfahrung Begriffe abstrahiert, so wäre jeder Gattungsname für ihn ein Repräsentant von mehr oder weniger Eigennamen, da für ihn jede einzelne Erfahrung den Wert eines Individualnamens hätte. Ich habe Afrika in Algier flüchtig betreten und dort wenig Neger, gar keine Kamele und Löwen, wohl aber Münchener Bier vorgefunden; dieser Begriff, also "Algier", würde für mich mit dem Begriff Afrika zusammenfließen, wenn ich nicht von minder bequemen Reisenden erfahren hätte, dass für sie der Begriff "Afrika" Kamele und Löwen und sehr viele Neger mit umfaßt. Könnten die Menschen sich genau genug beobachten, so würden sie begreifen, dass unzähligen ihrer Begriffe Individualerfahrungen zugrunde liegen, dass diese Begriffe also Eigennamen sind. Weil nun die Sprache zwischen den Menschen entstanden ist, die Menschen aber nicht die gleichen Individualerfahrungen besitzen, so schleifen sich alle diese Individualbegriffe im Verkehr zu Gattungsnamen um. Heute noch sind für viele Dörfer die Wörter: Berg, Fluß, Kirche, Pfarrer, Graf, Jud', Wald, Schloß usw. Eigennamen; kommen aber Einwohner verschiedener Dörfer zusammen, so werden diese Worte wieder zu Gattungsnamen.

Doch auch in streng wissenschaftlicher Anwendung, und da erst recht, haben die Eigennamen einen Charakter, der leicht zeitlich und räumlich zu den Kollektivnamen hinüber schwanken kann. Man hat schon darauf aufmerksam gemacht, dass musterhafte Eigennamen wie Berlin nur dann Eigennamen sind, wenn man unter ihnen eine Stadt in einer bestimmten Epoche, pedantisch genommen: in einem bestimmten Augenblicke, versteht. Berlin vor tausend Jahren und das heutige Berlin haben miteinander nur den Ort, ungefähr die Gegend auf der Erdoberfläche gemeinsam; im übrigen gibt es gewiß nicht einen Stein, nicht einen Balken, der von dem alten Berlin noch übrig geblieben ist. Und während der Mensch, welcher mit Eigennamen Friedrich Wilhelm Schulze heißt, bei zwanzigjähriger Veränderung sämtlicher Atome doch durch ein Geheimnis seines Organismus wenigstens einigermaßen seine Form bewahrt, hat, bietet Berlin auch ein durchaus anderes Bild als das Berlin vor tausend Jahren. Spricht man also von einer "Geschichte Berlins", so ist Berlin kein Eigenname mehr; dem Individuum Friedrich Wilhelm Schulze das Recht auf einen Eigennamen abzusprechen, wäre darum bedenklich, weil Schulze ein Gedächtnis hat, eine Kontinuität seines Bewußtseins und damit, mit Recht oder Unrecht, die Vorstellung von seiner Individualität.

Gehen so historische Eigennamen, ich meine Eigennamen, welche sich entwickelnde Menschen oder Menschenschöpfungen oder Menschengruppen bezeichnen, leicht in zeitliche Kollektivnamen über, so sind Eigennamen von konkreten Dingen streng genommen fast immer räumliche Kollektivnamen, welche wieder dem Gattungsnamen sehr nahe stehen. Sprachlich wird selten ein Unterschied gemacht, z. B. kann "Bibliothek" ein Gattungsname sein, aber ohne jede sprachliche Änderung auch ein Eigenname, wenn ich nach der "Bibliothek" schicke und die königliche Bibliothek meine, oder aus der "Bibliothek" ein Buch herunterholen lasse und an meine eigene Bibliothek denke. Jede individuelle Bibliothek umfaßt zahlreiche Bücher, und "Buch" kann wieder Gattungsname, Sammelname oder Eigenname sein. Mit Beispielen dafür könnte ich ein Buch füllen oder ein Blatt eines Buches vollschreiben oder dieses Buch um ein Blatt vermehren: Gattungsname, Sammelname und Eigenname.

Ein Schwanken zwischen den verschiedenen Arten der Substantive ist auch da möglich, wo das Wort auf den ersten Blick als ein guter Eigenname erscheint. So ist "Erde" ganz gewiß etwas, was unter die Definition der Eigennamen fällt. Ich sehe natürlich ab von der Mehrdeutigkeit des Wortes, infolge deren es bald einen Stoffnamen (Ackererde), bald einen Gattungsnamen (Erden = Erdarten), dann wieder den unbestimmten Teil des Erdbodens, auf welchem wir gerade stehen, bezeichnen kann; ich sehe ferner ab davon, dass die Erde eine Entwicklungsgeschichte hat und insofern ebensowenig wie Berlin oder Friedrich Wilhelm Schulze zu verschiedenen Zeiten ein und dasselbe Individuum ausdrückt. Nehmen wir Erde einzig und allein als Wortzeichen für unseren Planeten, so ist es doch etwas wie ein Sammelname für die Vorstellung des Geologen, ein Gattungsname, wenn z. B. Klopstock von den Planeten als von Erden redet, und ein Eigenname erst für die astronomische Anschauung, die nur diesen einen Weltkörper so nennt, oder gar für die kosmische Anschauung Fechners, die diesem Weltkörper auch noch eine Individualseele zuweist. Wer diese kosmische Anschauung schikanieren wollte, könnte dann weiter fragen, ob auch die Meteorsteine im Fluge zu diesem Erdenindividuum gehören, wie doch sicherlich die Atmosphäre, welche wieder in der Gemeinvorstellung nicht zur Erde gehört.


 © textlog.de 2004 • 18.12.2017 17:23:10 •
Seite zuletzt aktualisiert: 22.04.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright