Unbestimmter Artikel


Nicht unähnlich ist der Weg, welchen der unbestimmte Artikel im Deutschen gemacht hat. "Ein" ist ursprünglich ein sogenanntes Zahlwort, das heißt die Bezeichnung für den Individualbegriff, für die Einheit, von welcher die Tätigkeit des Zählens dann ausgeht, wenn die Empfindung der Gleichheit zweier Individuen zum Gefühlsausdruck zwei geführt hat. Im Deutschen ist diese ursprüngliche Bedeutung durch die gehäufte Anwendung des unbestimmten Artikels so sehr unterdrückt worden, und die Schwierigkeit, die Betonung des ursprünglichen "Ein" durch den Druck hervorzuheben, hat dazu geführt, dass wir für "ein" oft den schwülstigen Ausdruck "ein einziger" finden. Die erste Abschwächung führte zu der Anwendung von "ein" im Sinne eines unbestimmten Pronomens, etwa unseres "man", wobei in einem seltsamen Vorstellungsgemisch der Begriff der bestimmten Einheit verloren gegangen ist, der Begriff der Persönlichkeit aber bestehen bleibt wie in "unser einer". Endlich wurde "ein" zum sogenannten unbestimmten Artikel, was ein sehr unglücklicher Ausdruck ist. Denn mit dem sogenannten bestimmten Artikel bezeichnet "der Löwe" jeden Löwen, also ein unbestimmtes Individuum der Art; fängt jedoch eine Fabel mit "ein Löwe" an, so ist ein bestimmtes Individuum gemeint, und wenn sich im Verlaufe der Fabel "er" auf den Helden der Fabel bezieht, auf "einen Löwen", so ersetzt dieses "er" ein bestimmtes Individuum, einen Eigennamen. In unserer Tierfabel steht Reineke nicht für "der Fuchs", sondern für "ein Fuchs".

Um zu zeigen, wie widersprechend sich die Sprache zu scheinbar so durchsichtigen Verhältnissen wie die der Eigennamen verhält, will ich diesen bisher übersehenen Charakter des unbestimmten Artikels durch Verbindung mit einem Eigennamen illustrieren. Heißt es in einer kurzen Chronik der Familie Bismarck irgendwo: "Ein Bismarck hat das neue deutsche Reich gegründet", so wird der Eigenname Bismarck zunächst zu einem Gattungsnamen, der hundert Individuen umfaßt, und dann erst wird gerade durch den sogenannten unbestimmten Artikel ein bestimmtes Individuum hervorgehoben und sein Name wieder zu einem Eigennamen gemacht, genau so wie durch die übliche Bezeichnung "Otto von Bismarck". Sage ich aber: "Die Bismarck kommen nicht in der Mehrzahl vor", so mache ich aus dem Eigennamen Otto von Bismarck zunächst einen wirklichen Gattungsnamen, um nachher von ihm auszusagen, dass es von ihm eine Mehrzahl nicht gebe, dass er also in vollendeter Weise ein Eigenname sei; man schlägt der Sprache ein Schnippchen, indem man die Einzigkeit des Mannes dadurch hervorhebt, dass man seine Mehrzahl bildet und die Möglichkeit dieser Mehrzahl leugnet.


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