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Januar 1917

Das österreichische Antlitz

Vor einiger Zeit sehe ich, in jede Kontur sogleich die Figur einstellend, von weitem etwas vor mir sich drehen und schieben. Ich sehe nur Gang und Rücken. Wissen Sie, was das ist? frage ich den Begleiter. Er: Ich sehe nur Gang und Rücken. Ich: Ja, aber sieht das nicht so aus wie einer der »besten Zahler« Wiens? Vielleicht der überhaupt beste! Oder ein guter Leiher. Er: Das könnte sein, jedenfalls ein alter Agent. Ich: Ja, der Agent Österreichs und unser neuer Adel. Dieses ist Emanuel Edler v. Singer! Jener Mendl, der den Tirolern die Kaisertreue versinnbildlicht hat und vor dessen Fenster sie, weil er doch kaiserlicher Rat ist, sich am 18. August zu versammeln pflegten und sangen. Sehen Sie, so ist das Leben. Ich war diesen Sommer im Kanton Aargau und habe die Ruine Habsburg besucht. Auf meine Frage, ob dort — außer einem Bild Rudolf von Habsburgs sind nur Bilder aus dem Atelier Adèle vom Kronprinzen Rudolf, der Stephanie etc. vorhanden — ob also ein Mitglied des Kaiserhauses schon dort war, wird mir geantwortet: Ja, der kaiserliche Rat kommt jedes Jahr! Es ist aber nicht der Singer, sondern ein anderer, der sich dort auch als Spender einer Büste Franz Josefs I. verewigt hat. Dies, sehen Sie, ist der kulturhistorische Schlußpunkt. Der kaiserliche Rat, den man unterschätzen würde, wenn man ihn in das Spalier einer eröffneten Jagdausstellung verwiese, ist dorthin gelangt, wo er sich am höchsten, dem Ziel am nächsten, am einsamsten fühlt und nur in der Erinnerung der Ruinenkellnerin seines Wesens Spur hinterläßt. Sollte dies nicht sinnbildlich in die kühne Wirklichkeit zurückführen, in der wir leben? Übrigens ist der Weg zur Ruine schwer zu finden, keiner der dort lebenden Schweizer kennt sich aus, jeder sagt etwas anderes, zeigt in eine andere Richtung, es sind zehn Minuten dahin und man braucht anderthalb Stunden. Man fühlt sich heimisch. Sicher möchten die Leute dort auch einen Fremdenverkehr haben, aber es gelingt ihnen nicht. — »Sehen Sie, das da ist Emanuel v. Singer!« »Regiert der wirklich in Österreich?« »Jawohl, weil er es glaubt!«

In dem auf so tragische Weise dahingeschiedenen Ministerpräsidenten Grafen Stürgkh habe ich einen lieben Förderer und Freund verloren. Vom Beginn seines Eintrittes in das politische Leben als Mitglied des verfassungstreuen Großgrundbesitzes aus Steiermark habe ich mit dem Verewigten bis gestern, seinem Todestage, ununterbrochen in freundschaftlichster Weise verkehrt. Es verging kaum ein Tag, an dem mir nicht Gelegenheit geboten war, mit ihm zu sprechen ... Graf Stürgkh war nicht nur zeit seines Lebens ein warmer Freund der Presse und der Journalisten, sondern er selbst war ein urteilssicherer Journalist ...

... Er wandte sich an mich mit dem Ersuchen, ihm eine Zigarre zu geben. Er zündete sie an, und in unglaublich kurzer Zeit diktierte er einen formvollendeten Artikel ... Ich entgegnete darauf: »Das ist dieselbe Zigarre, die mir Exzellenz früh gegeben haben.« Graf Stürgkh war auch selbst ein eifriger Zeitungsleser. Schon als Abgeordneter war er des Morgens einer der ersten Gäste im Café Landtmann oder im Café Central ... Schon um 7 Uhr morgens, auch nach der Sommerzeit, erörterte er in seinem Arbeitszimmer im Ministerratspräsidium mit mir den »politischen Speisezettel des Tages«, wie er sich auszudrücken pflegte. Gewöhnlich war ich bis 8 oder ¾9 Uhr, je nach dem Ausmaß des Tagesprogramms, bei ihm. Mittags erschien in der Regel zu dieser Tageszeit der Herr Polizeipräsident von Wien, Baron Gorup, oder der Bürgermeister von Wien, Exzellenz Dr. Weiskirchner, der oft scherzweise mein »Nachfolger« genannt wurde.

... In dem letztgenannten intimen Raum liebte er es, mich am Sonntag abends ... noch um 9 Uhr abends zu empfangen, und ich mußte dann bei ihm das Souper einnehmen. Die zwei Stunden vergingen in anregendstem Gespräch ...

... Frühmorgens um 7 Uhr, wenn ich bei ihm erschien, hatte er ... selbstverständlich alle in Wien erscheinenden sowie eine Unzahl aus der Provinz gekommenen Zeitungen gelesen, und wie gelesen! ... Dabei war er, wenn über diese seine enorme Arbeitsleistung ... gesprochen wurde, von einer seltenen Bescheidenheit ... Wie er einst seine politischen Artikel selbst schrieb, so tat er es jetzt mit all den vielen alleruntertänigsten Vorträgen, Noten, Erlässen und Staatsschriften ...

... Man muß ihn gesehen haben, wenn er von einer Audienz kam. Da war es jedesmal, als hätte ihn die Stunde des Aufenthaltes im Gemach des Kaisers verjüngt. »Es ist ein Stahlbad«, so sagte er oft und oft, »mit diesem Herrscher von einer so erlauchten Festigkeit und Weisheit zu sprechen ...«

... Und dabei darf ich auch erwähnen, wie liebenswert seine Aufmerksamkeit gegenüber dem treuen Freunde stets war. Wenn ich oft spät abends mich bei ihm einfand, war seine erste Frage, ob ich schon etwas zu mir genommen habe, und rasch war dann auf seinem Wink das wenige, das ich zu meinem bescheidenen Nachtessen brauchte, auf dem Tisch. Er war, wenn möglich, noch bescheidener in der Lebensführung als ich. Eine Regalia media, das war der größte Luxus, den er sich gönnte. Gestern morgen noch war ich bei ihm, wie allemal seit Antritt seiner Ministerpräsidentschaft, zu dergleichen Stunde ... Es ist klar, zu persönlichen sentimentalen Rückerinnerungen war in dieser Stunde, die mich, den Publizisten, bei ihm erscheinen ließ, wahrhaftig nie die Zeit ...

... Er reichte mir die Hand ... Er war tief gerührt und antwortete mir, meine Hand fassend: »Wie sprechen Sie mir aus dem Herzen! ...« Damit schied ich von ihm.

Um ½3 Uhr erhielt ich die niederschmetternde Kunde ... Ein hoher Staatswürdenträger, den ich im Laufe des Nachmittags im Ministerratspräsidium traf, sagte mir: »Wenn es angesichts dieser Tat einen Trost gibt, so ist es der, daß unser armer Freund wenigstens nicht gelitten hat, sondern sofort vom Tod ereilt worden ist.« ...

Emanuel Edler v. Singer.

Und dann erzählt er von der Zeit, da der Ministerpräsident krank war:

Ich übernahm nun die Aufgabe, ihn über alle Vorgänge im Parlament zu unterrichten. Ich erstattete ihm telephonisch genauen Bericht bis in die späteste Nachtstunde über jede Debatte, jede Abstimmung, jede Rede, kurz über alles, was für seine Urteilsbildung von Wichtigkeit war. Er gesundete und drückte mir in wärmsten Worten seinen Dank aus für meine Mühe, für meine Mitarbeiterschaft.

Der Ministerpräsident habe nicht gewußt, wie er ihm »seine Dankesschuld abstatten könnte«. Sein Lieblingswunsch? Eine Audienz! Der Kaiser selbst war von einer Krankheit kaum hergestellt. Singer trat ein und lobte den Ministerpräsidenten.

Das alles war wirklich. Und nun ist die große Gelegenheit zu der Frage, ob es, frühmorgens und spät abends, möglich sein wird.

Die Fackel, Nr. 445-453, XVIII. Jahr
Wien, 18. Januar 1917.