§ 14. Der Strom der cogitationes.
Cogito und cogitatum


Das Schwergewicht der transzendentalen Evidenz des ego cogito (dieses Wort im weitesten Cartesianischen Sinne genommen) verlegen wir jetzt (während wir die Fragen der Tragweite der Apodiktizität dieser Evidenz zurückgestellt denken) vom identischen Ego auf die mannigfaltigen cogitationes, also auf das strömende Bewußtseinsleben, in dem das identische Ich (meines, des Meditierenden) lebt, was immer diesen letzteren Ausdruck näher bestimmen mag. Auf dieses Leben, z. B. auf sein sinnlich wahrnehmendes und vorstellendes oder auf sein aussagendes, wertendes, wollendes, kann es jederzeit seinen reflektierenden Blick richten, es betrachten und nach seinen Gehalten auslegen und beschreiben.

Man wird vielleicht sagen, dieser Forschungsrichtung folgen, sei nichts anderes als psychologische Deskription auf dem Grunde rein innerer Erfahrung, der Erfahrung von seinem eigenen Bewußtseinsleben, vollziehen, wobei die Reinheit solcher Beschreibung es natürlich fordere, daß alles Psychophysische außer Betracht bleibe. Indessen eine rein deskriptive Bewußtseinspsychologie, so sehr ihr echter methodischer Sinn sich erst mit der neuen Phänomenologie erschlossen hat, ist nicht selbst transzendentale Phänomenologie in dem Sinne, wie wir sie durch die transzendental-phänomenologische Reduktion bestimmt haben. Zwar ist reine Bewußtseinspsychologie eine genaue Parallele zur transzendentalen Bewußtseinsphänomenologie, aber gleichwohl muß beides streng auseinandergehalten werden, während die Vermengung den transzendentalen Psychologismus charakterisiert, der eine echte Philosophie unmöglich macht. Es handelt sich hier um eine jener scheinbar geringfügigen Nuancen, die philosophische Wege und Abwege entscheidend bestimmen. Es ist immerfort zu beachten, daß die gesamte transzendental-phänomenologische Forschung an die unverbrüchliche Innehaltung der transzendentalen Reduktion gebunden ist, die nicht verwechselt werden darf mit der abstraktiven Beschränkung anthropologischer Forschung auf das bloße Seelenleben. Demgemäß ist der Sinn psychologischer und transzendental-phänomenologischer Bewußtseinsforschung abgrundtief unterschieden, obschon die beiderseits zu beschreibenden Gehalte übereinstimmen können. Einmal haben wir Daten der als seiend vorausgesetzten Welt, nämlich aufgefaßt als seelische Bestände des Menschen, das andere Mal ist für die parallelen, inhaltlich gleichen Daten davon keine Rede, da die Welt überhaupt in phänomenologischer Einstellung nicht in Geltung ist als Wirklichkeit, sondern nur als Wirklichkeitsphänomen.

Bleibt diese psychologistische Vermengung vermieden, so ist nun noch ein anderer Punkt von entscheidender Wichtigkeit (der übrigens in entsprechender Einstellungsänderung es auch auf dem natürlichen Erfahrungsboden ist, für eine echte Bewußtseins­psychologie). Es darf nicht übersehen werden, daß die epoché hinsichtlich alles weltlichen Seins daran nichts ändert, daß die mannigfaltigen cogitationes, die sich auf Weltliches beziehen, in sich selbst diese Beziehung tragen, daß z. B. die Wahrnehmung von diesem Tisch nach wie vor eben Wahrnehmung von ihm ist. So ist überhaupt jedes Bewußtseinserlebnis in sich selbst Bewußtsein von dem und dem, wie immer es mit der rechtmäßigen Wirklichkeitsgeltung dieses Gegenständlichen stehen mag und wie immer ich als transzendental Eingestellter dieser wie jeder meiner natürlichen Geltungen mich enthalten mag. Der transzendentale Titel ego cogito muß also um ein Glied erweitert werden: Jedes cogito, jedes Bewußtseinserlebnis, so sagen wir auch, meint irgend etwas und trägt in dieser Weise des Gemeinten in sich selbst sein jeweiliges cogitatum, und jedes tut das in seiner Weise. Die Hauswahrnehmung meint ein Haus, genauer als dieses individuelle Haus, und meint es in der Weise der Wahrnehmung, eine Hauserinnerung in der Weise der Erinnerung, eine Hausphantasie in der Weise der Phantasie; ein prädikatives Urteilen über das Haus, das etwa wahrnehmungsmäßig dasteht, meint es eben in der Weise des Urteilens, wieder in neuer Weise ein hinzutretendes Werten usw. Bewußtseinserlebnisse nennt man auch intentionale, wobei aber das Wort Intentionalität dann nichts anderes als diese allgemeine Grundeigenschaft des Bewußtseins, Bewußtsein von etwas zu sein, als cogito sein cogitatum in sich zu tragen, bedeutet.


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