§ 3. Der Cartesianische Umsturz und die leitende Zweckidee einer absoluten Begründung der Wissenschaft


Wir fangen also neu an, jeder für sich und in sich, mit dem Entschluß radikal anfangender Philosophen, alle uns bisher geltenden Überzeugungen und darunter auch alle unsere Wissenschaften zunächst außer Spiel zu setzen. Die unsere Meditationen leitende Idee sei wie für Descartes die einer in radikaler Echtheit zu begründenden Wissenschaft und letztlich einer universalen Wissenschaft. Aber wie steht es, nachdem wir über keine vorgegebene Wissenschaft als Exempel derart echter <Wissenschaft> verfügen — keine steht ja für uns in Geltung — mit der Zweifellosigkeit dieser Idee selbst, mit der Idee einer absolut zu begründenden Wissenschaft? Bezeichnet sie eine rechtmäßige Zweckidee, ein mögliches Ziel einer möglichen Praxis?

Offenbar dürfen wir auch das nicht voraussetzen, geschweige denn, daß wir im voraus irgendwelche Normen solcher Möglichkeiten für ausgemacht halten oder gar eine vermeintlich selbstverständliche Stilform, die echter Wissenschaft als solcher eignen muß. Denn schließlich hieße das, eine ganze Logik und Wissenschaftstheorie voraussetzen, während doch auch sie in den Umsturz aller Wissenschaft einbegriffen sein muß. Descartes selbst hatte im voraus ein Wissenschaftsideal, das der Geometrie, bzw. der mathematischen Naturwissenschaft. Es bestimmt als ein verhängnisvolles Vorurteil die Jahrhunderte und bestimmt auch, kritisch unerwogen, die Meditationen selbst. Es war für Descartes vorweg eine Selbstverständlichkeit, daß die universale Wissenschaft die Gestalt eines deduktiven Systems haben müsse, bei dem der ganze Bau ordine geometrico auf einem die Deduktion absolut gründenden axiomatischen Fundament ruhen müsse. Eine ähnliche Rolle wie in der Geometrie die geometrischen Axiome hat für Descartes in Hinsicht auf die Universalwissenschaft das Axiom der absoluten Selbstgewißheit des Ego mit den diesem Ego eingeborenen axiomatischen Prinzipien — nur daß dieses axiomatische Fundament noch tiefer liegt als das der Geometrie und dazu berufen ist, an ihrer letzten Begründung mitzuwirken.

Das alles darf uns nicht bestimmen. Wir haben als Anfangende noch kein normatives Wissenschaftsideal in Geltung; und nur soweit wir es uns neu schaffen, können wir es haben.

Aber das allgemeine Ziel absoluter Wissenschaftsbegründung lassen wir darum nicht fahren. Es soll ja den Gang unserer, wie der Cartesianischen Meditationen beständig motivieren und in ihnen sich schrittweise zur konkreten Bestimmtheit gestalten. Nur müssen wir in der Weise, wie wir es als Ziel stellen, vorsichtig sein — wir dürfen zunächst nicht einmal seine Möglichkeit präjudizieren. Aber wie ist nun diese Weise der Zielstellung klarzumachen und damit zu sichern?

Die allgemeine Idee der Wissenschaft haben wir natürlich von den faktisch gegebenen Wissenschaften her. Sind sie in unserer radikalen kritischen Einstellung zu bloß vermeinten Wissenschaften geworden, so muß auch ihre allgemeine Zweckidee in gleichem Sinne zu einer bloß vermeinten werden. Wir wissen also noch nicht, ob sie überhaupt zu verwirklichen sei. Immerhin, in dieser Form der vermeinten und in einer unbestimmten, flüssigen Allgemeinheit haben wir sie doch, also auch die Idee einer Philosophie, nämlich als, unbekannt ob und wie, zu verwirklichende. Wir nehmen sie als eine vorläufige Präsumption, der wir uns versuchsweise hingeben, von der wir uns versuchsweise in unseren Meditationen leiten lassen. Besinnlich erwägen wir, wie sie als Möglichkeit auszudenken und dann, wie sie zur Verwirklichung zu bringen wäre. Wir geraten freilich in zunächst befremdliche Umständlichkeiten — aber wie wären sie zu vermeiden, wenn unser Radikalismus nicht eine leere Geste bleiben, sondern zur Tat werden sollte? Schreiten wir also geduldig weiter.


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