II.

[Heinrich Pestalozzi an Anna Schulthess]

Nach einer mündlichen Überlieferung soll Pestalozzi den Wunsch ausgesprochen haben, auf sein Grab solle kein anderes Denkmal gesetzt werden als ein rauher Feldstein; er sei auch nur ein rauher Feldstein gewesen. Die Natur wollte Pestalozzi weniger veredeln als — wie diesem Feldstein — im Namen des Menschen ihr Halt gebieten. Und das ist auch der eigentliche Inhalt des folgenden Briefes: der Leidenschaft im Namen des Menschen Halt zu gebieten. Wie scheinbar ganz spontane Meisterleistungen so oft — und zu den meisterlichen Liebesbriefen des deutschen Schrifttums gehört der folgende — ist auch diese die Auseinandersetzung mit einem Vorbild. Vorbildlich aber sind für Pestalozzi die halb vom Pietismus begeisteten, halb schäferlich angehauchten Konfessionen der schönen Seelen und Kinder des Rokoko. Es sind im Doppelsinn des Wortes pastorale Briefe, mit denen er hier wetteifert, freilich nicht ohne gegen den klassischen Briefsteller dieses Genres, die »Nouvelle Heloise« von Rousseau, die sechs Jahre vor Abfassung dieses Schreibens erschienen war, sich abzugrenzen. »Die Erscheinung Rousseaus«, heißt es noch 1826 in der Autobiographie, »war ein vorzügliches Belebungsmittel der Verirrungen, zu denen der edle Aufflug treuer, vaterländischer Gesinnung unsere vorzügliche Jugend in diesem Zeitpunkt hinführte.« Neben dem Stilproblem aber, das durch die Wendung gegen den »gefährlichen Irrlehrer« bewältigt wird, ist das private nicht zu übersehen, das hier die Liebesstrategie zu lösen hat. Es handelt sich um die Gewinnung des »Du«. Der dient die Idealgestalt der schäferlichen Doris, die in der zweiten Hälfte des Schreibens auftritt. Sie muß die Stelle der Adressatin für die Zeit einnehmen, da Pestalozzi zum ersten Male das Du gebraucht. Soviel von der Faktur dieses Briefes. Wer aber wird darüber übersehen, daß hier Sätze über die Liebe sich finden — und allen voran der über ihren Sitz —, die es an Dauerhaftigkeit mit den Worten Homers aufnehmen können. Einfache Worte kommen nun nicht immer, wie man gern glaubt, aus einfachem Gemüt — Pestalozzis war es weniger als jedes andere — bilden sich vielmehr geschichtlich. Denn so wie nur das Einfache Aussicht zu dauern hat, ist umgekehrt die höchste Simplizität nur das Produkt von eben dieser Dauer, an der auch Pestalozzis Schriften teilhaben. »Je mehr die Zeit vorschreitet«, hat daher mit Recht der Herausgeber seiner »Sämtlichen Werke« gesagt, »desto wichtiger werden alle Schriften Pestalozzis.« Als erster hat er die Erziehung dem gesellschaftlichen Zustande nicht nur durch Religion und Moralität, sondern zumal durch wirtschaftliche Überlegungen zugeeignet. Auch hier ist er seiner von Rousseau beherrschten Epoche weit vorausgeeilt; denn wenn Rousseau die Natur als das Höchste preist und lehrt, durch sie aufs Neue die Gesellschaft einzurichten, so schreibt ihr Pestalozzi Selbstsucht zu, die die Gesellschaft zugrunde richtet. Unvergleichlicher aber als in seinen Lehren ist Pestalozzi durch die immer neuen Einsatzstellen, die er im Denken und im Handeln für sie entdeckte. Die Unerschöpflichkeit des Urgrunds, aus welchem seine Worte unberechenbar mit immer wieder neuen Stößen brechen, gibt dem Bilde, in dem sein erster Biograph seiner gedacht hat, den tiefsinnigsten Bezug: »Vulkanen ähnlich leuchtete er in die Ferne und erregte die Aufmerksamkeit der Neugierigen, das Staunen der Bewunderer, den Forschungsgeist der Beobachter und die Teilnahme der Menschenfreunde mehrerer Erdteile.« Das war Pestalozzi: Vulkan und Feldstein.

 

HEINRICH PESTALOZZI AN ANNA SCHULTHESS

Wenn ein heiliger Mönch in dem frommen Stuhl der römischen Kirche einem Mädchen seine Hand bietet, ohne sie mit dem rauhen Tuche seine Kutte zu bedecken, so muß er Buße tun, und wenn ein Jüngling einem Mädchen von einem Kuß redet, ohne ihn zu geben und zu empfangen, so muß er billig Buße tun. Darum tue auch ich Buße, daß mein Mädchen nicht zürne. Denn ein Mädchen zürnet zwar nicht, wenn es sieht, daß ein Jüngling der's wert ist, glaubt, daß sie ihn liebe, aber wenn ein Jüngling von einem Kuß nur redet, so zürnet ein Mädchen gewiß, denn man küßt ja nicht einen jeden, den man liebt und die Küsse der Mädchen sind ja nur auf den Mund ihrer Freundinnen bestimmt. Darum ist es eine große, schwere Sünde, wenn ein Jüngling ein Mädchen zu einem Kuß zu verführen sucht. Am allermeisten ist die Sünde groß, wenn er ein einziges Mädchen und noch gar das Mädchen, das er liebt, dazu zu verführen sucht.

Ein Jüngling soll auch ein Mädchen, das er liebt, niemals allein zu sehen wünschen. Der Sitz einer reinen, unschuldigen Liebe sind geräuschvolle Gesellschaften und unsichere Stadtzimmer und das war in allem ein gefährlicher Irrlehrer, der »Hütten« für einen se-jour des amants hielt, denn um Hütten herum sind einsame Wege und Wald und Flur und Wiesen und schattige Bäume und Seen. Die Luft ist da so rein und atmet Freude und Wonne und Heiterkeit: wie sollte wohl da ein Mädchen den bösen Küssen seines Geliebten widerstehen können? Nein, der Ort, wo ein bescheidener Jüngling seine Geliebte zu sehen wünscht, ist mitten in der Stadt. Am heißen Sommerabend wartet er seiner Geliebten gerade unter den glühenden Dachziegeln in einem dunstvollen Zimmer, wo gegen das Lispeln des Zephyrs Bollwerke von Mauern getürmt sind. Hitze und Dampf und Gesellschaft und Furcht erhalten den Jüngling in ehrbarer, sittsamer Stille und oft erfolgt da ein Beweis der allergrößten Tugend, einer auf dem Lande unerhörten Tugend: daß den Jüngling in Gegenwart seiner Geliebten anfängt zu schläfern.

Darum sollte ich Buße tun, denn ich habe einsame Spaziergänge und Küsse gewünscht; aber ich bin ein ruchloser Sünder und mein Mädchen weiß es, es würde meine Buße nur eine heuchlerische Buße heißen und vielleicht doch eine andere nicht wünschen. Darum will ich nicht Buße tun und wenn Doris zürnt, will ich auch zürnen und ihr dann sagen:

»Was hob' ich getan? Du hast mir den Brief ja genommen und ohne Erlaubnis gelesen, er war nicht Dein. Darf ich nicht schreiben für mich, auch schreiben und von Küssen träumen, wie ich will? Du weißt ja, daß ich keine gebe, daß ich keine stehle; Du weißt ja, daß ich nicht kühn bin; nur meine Feder ist kühn. Wenn Deine Feder mit meiner Feder Streit hat, so lasse sie schreiben und mit papiernen Vorwürfen meine Papierkühnheit strafen. Uns aber geht der ganze Streit nichts an. Laß Deine Feder, wenn Du willst, über meine Feder zürnen. Dein Gesicht aber zwinge nicht mehr in zürnende Falten und laß mich nicht mehr wie heut von Dir weg.«

Ich habe die Ehre, mich Ihnen gehorsamst anstandshalber zu empfehlen und zeitlebens zu sein

dero gehorsamster Diener

H. P.


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