XX.5. Anstalten und Entdeckungen in Europa

 

1. Die Städte sind in Europa gleichsam stehende Heerlager der Kultur, Werkstätten des Fleißes und der Anfang einer bessern Staatshaushaltung geworden, ohne welche dies Land noch jetzt eine Wüste wäre. In allen Ländern des römischen Gebiets erhielt sich in und mit ihnen ein Teil der römischen Künste, hier mehr, dort minder; in Gegenden, die Rom nicht besessen hatte, wurden sie Vormauern gegen den Andrang neuer Barbaren: Freistätten der Menschen, des Handels, der Künste und Gewerke. Ewiger Dank den Regenten, die sie errichteten, begabten und schirmten, denn mit ihnen gründeten sich Verfassungen, die dem ersten Hauch eines Gemeingeistes Raum gaben; es schufen sich aristokratisch-demokratische Körper, deren Glieder gegen- und übereinander wachten, sich oft befeindeten und bekämpften, eben dadurch aber gemeinschaftliche Sicherheit, wetteifernden Fleiß und ein fortgehendes Streben nicht anders als befördern konnten. Innerhalb der Mauer einer Stadt war auf einen kleinen Raum alles zusammengedrängt, was nach damaliger Zeit Erfindung, Arbeitsamkeit, Bürgerfreiheit, Haushaltung, Polizei und Ordnung wecken und gestalten konnte; die Gesetze mancher Städte sind Muster bürgerlicher Weisheit. Edle sowohl als Gemeine genossen durch sie des ersten Namens gemeinschaftlicher Freiheit, des Bürgerrechtes. In Italien entstanden Republiken, die durch ihren Handel weiter langten, als Athen und Sparta je gelangt hatten; diesseit der Alpen gingen nicht nur einzelne Städte durch Fleiß und Handel hervor, sondern es knüpften sich auch Bündnisse derselben, ja zuletzt ein Handelsstaat zusammen, der über das Schwarze, Mittelländische, Atlantische Meer, über die Nordund Ostsee reichte. In Deutschland und den Niederlanden, in den nordischen Reichen, Polen, Preußen, Ruß- lind Livland, lagen diese Städte, deren Fürstin Lübeck war, und die größesten Handelsörter in England, Frankreich, Portugal, Spanien und Italien gesellten sich zu ihnen: vielleicht der wirksamste Bund, der je in der Welt gewesen. Er hat Europa mehr zu einem Gemeinwesen gemacht als alle Kreuzfahrten und römische Gebräuche; denn über Religions- und Nationalunterschiede ging er hinaus und gründete die Verbindung der Staaten auf gegenseitigen Nutz, auf wetteifernden Fleiß, auf Redlichkeit und Ordnung. Städte haben vollführt, was Regenten, Priester und Edle nicht vollführen konnten und mochten: sie schufen ein gemeinschaftlich wirkendes Europa.

2. Die Zünfte in den Städten, so lästig sie oft der Obrigkeit, ja der wachsenden Kunst wurden, waren als kleine Gemeinwesen, als verbündete Körper, wo jeder für alle, alle für jeden standen, zu Erhaltung redlichen Gewerbes, zu besserer Bearbeitung der Künste, endlich zur Schätzung und Ehre des Künstlers selbst damals unentbehrlich. Durch sie ist Europa die Verarbeiterin aller Erzeugnisse der Welt worden und hat sich dadurch, als der kleinste und ärmste Weltteil, die Übermacht über alle Weltteile erworben. Seinem Fleiß ist es Europa schuldig, daß aus Wolle und Flachs, aus Hanf und Seide, aus Haaren und Häuten, aus Leim und Erden, aus Steinen, Metallen, Pflanzen, Säften und Farben, aus Asche, Salzen, Lumpen und Unrat Wunderdinge hervorgebracht sind, die wiederum als Mittel zu andern Wunderdingen dienten und dienen werden. Ist die Geschichte der Erfindungen das größeste Lob des menschlichen Geistes, so sind Zünfte und Gilden die Schulen derselben gewesen, indem durch Vereinzelung der Künste und regelmäßige Ordnung des Erlernens, selbst durch den Wetteifer mehrerer gegeneinander und durch die liebe Armut Dinge hervorgebracht sind, die die Gunst der Regenten und des Staats kaum kannte, selten beförderte oder belohnte, fast nimmer aber erweckte. Im Schatten eines friedlichen Stadtregiments gingen sie durch Zucht und Ordnung hervor; die sinnreichsten Künste entstanden aus Handarbeiten, aus Gewerken, deren Gewand sie, zumal diesseit der Alpen, nicht zu ihrem Schaden lange Zeit an sich getragen haben. Lasst uns also auch jene Förmlichkeiten und Lehrstaffeln jeder solchen praktischen Ordnung nicht verlachen oder bemitleiden; an ihnen erhielt sich das Wesen der Kunst und die Gemeinehre der Künstler. Der Mönch und Ritter bedorfte der Lehrgrade weit minder als der tätige Arbeiter, bei welchem die ganze Genossenschaft gleichsam den Wert seiner Arbeit verbürgte; denn allem, was Kunst ist, steht nichts so sehr als Pfuscherei, Mangel des Gefühls an Meisterehre entgegen; mit diesem geht die Kunst selbst zugrunde.

Ehrwürdig sein uns also die Meisterwerke der mittleren Zeit, die vom Verdienst der Städte um alles, was Kunst und Gewerb ist, zeugen. Die gotische Baukunst wäre nie zu ihrer Blüte gelangt, wenn nicht Republiken und reiche Handelsstädte mit Domkirchen und Rathäusern so gewetteifert hätten wie einst die Städte der Griechen mit Bildsäulen und Tempeln. In jeder derselben bemerken wir, woher ihr Geschmack Muster nahm und wohin sich damals ihr Verkehr wandte; Venedig und Pisa haben in ihren ältesten Gebäuden eine andere Bauart als Florenz oder Mailand. Die Städte diesseit des Gebirges folgten diesen oder andern Mustern; im ganzen aber wird die bessere gotische Baukunst am meisten aus der Verfassung der Städte und dem Geist der Zeiten erklärbar. Denn wie Menschen denken und leben, so bauen und wohnen sie; auch auswärts gesehene Muster können sie nur nach ihrer Art anwenden, da jeder Vogel nach Gestalt und Lebensweise sein Nest baut. An Klöstern und Ritterkastellen wäre die kühnste und zierlichste gotische Baukunst nie geworden; sie ist das Prachteigentum der öffentlichen Gemeine. Desgleichen tragen die schätzbarsten Kunstwerke der mittlern Zeit in Metallen, Elfenbein oder auf Glas, Holz, in Teppichen und Kleidern das Ehrenschild der Geschlechter, der Gemeinheiten und Städte, weshalb sie auch meistens dauernden Wert in sich haben, und sind mit Recht ein unveräußerliches Besitztum der Städte und Geschlechter. So schrieb der Bürgerfleiß auch Chroniken auf, in welchen freilich dem Schreibenden sein Haus, sein Geschlecht, seine Zunft und Stadt die ganze Welt ist; desto inniger aber nimmt er mit Geist und Herz an ihnen Anteil, und wohl den Ländern, deren Geschichte aus vielen dergleichen und nicht aus Mönchschroniken hervorgeht. Auch die römische Rechtsgelehrsamkeit ist zuerst durch die Ratgeber der Städte kräftig und weise beschränkt worden; sonst würde sie die besten Statuten und Rechte der Völker zuletzt verdrängt haben.

 


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