XVII.2. Fortpflanzung des Christentums in den Morgenländern

 

In Judäa wuchs das Christentum unter dem Druck hervor und hat in ihm, solange der jüdische Staat währte, seine gedrückte Gestalt behalten. Die Nazaräer und Ebioniten, wahrscheinlich die Reste des ersten christlichen Anhanges, waren ein dürftiger Haufe, der längst ausgegangen ist und jetzt nur noch seiner Meinung wegen, daß Christus ein bloßer Mensch, der Sohn Josephs und der Maria gewesen, unter den Ketzern steht. Zu wünschen wäre es, daß ihr Evangelium nicht auch untergegangen wäre; in ihm hätten wir vielleicht die früheste, obwohl eine unreine Sammlung der nächsten Landestraditionen vom Leben Christi. Ebenso wären jene alten Bücher, die die Sabäer oder Johanneschristen besaßen, vielleicht nicht unmerkwürdig; denn ob wir gleich von dieser aus Juden und Christen gemischten fabelnden Sekte nichts weniger als eine reine Aufklärung uralter Zeiten erwarten dörfen, so ist doch bei Sachen dieser Art oft auch die Fabel erläuternd.258) Wodurch die Kirche zu Jerusalem auf andere Gemeinen am meisten wirkte, war das Ansehen der Apostel; denn da Jakobus, der Bruder Jesu, ein vernünftiger und würdiger Mann, ihr eine Reihe von Jahren vorstand, so ist wohl kein Zweifel, daß ihre Form auch andern Gemeinen ein Vorbild worden. Also ein jüdisches Vorbild, und weil beinah jede Stadt und jedes Land der ältesten Christenheit von einem Apostel bekehrt sein wollte, so entstanden allenthalben Nachbilder der Kirche zu Jerusalem, apostolische Gemeinen. Der Bischof, der von einem Apostel mit dem Geist gesalbt war, trat an seine Stelle, mithin auch in sein Ansehen; die Geisteskräfte, die er empfangen hatte, teilte er mit und wurde gar bald eine Art Hohepriester, eine Mittelperson zwischen Gott und Menschen. Wie das erste Konzilium zu Jerusalem im Namen des Heiligen Geistes gesprochen hatte, so sprachen andere Konzilien ihm nach, und in mehreren asiatischen Provinzen erschrickt man über die früh erworbene geistliche Macht der Bischöfe. Das Ansehen der Apostel also, das auf die Bischöfe leibhaft überging, machte die älteste Einrichtung der Kirche aristokratisch, und in dieser Verfassung lag schon der Keim zur künftigen Hierarchie und zum Papsttum. Was man von der reinen Jungfräulichkeit der Kirche in den drei ersten Jahrhunderten sagt, ist übertrieben oder erdichtet.

Man kennt in den ersten Zeiten des Christentums eine sogenannte morgenländische Philosophie, die sich weit umher gebreitet hat, näher betrachtet aber nichts als ein Aufschößling der eklektischen, neuplatonischen Weisheit ist, wie ihn diese Gegenden und Zeiten hervorbringen konnten. Er schlang sich dem Juden- und Christentum an, ist aber aus ihm nicht entsprossen, hat ihm auch keine Früchte getragen. Vom Anfange des Christentums belegte man die Gnostiker mit dem Ketzernamen, weil man keine Vernünftler unter sich dulden wollte, und. mehrere derselben wären unbekannt geblieben, wenn sie nicht auf der Ketzerrolle ständen. Es wäre zu wünschen, daß dadurch auch ihre Schriften erhalten wären, die uns über den Kanon des Neuen Testaments nicht unwillkommen sein dürften; jetzt sieht man bei den aufbehaltenen einzelnen Meinungen dieser zahlreichen Sekte nur einen rohen Versuch, morgenländisch-platonische Dichtungen über die Natur Gottes und die Schöpfung der Welt dem Juden- und Christentum anzufügen und eine metaphysische Theologie meistens in allegorischen Namen samt einer Theodizee und philosophischen Moral daraus zu bilden. Da die Geschichte der Menschheit keine Ketzernamen kennt, so ist jeder dieser verunglückten Versuche ihr schätzbar und merkwürdig, ob es gleich für die Geschichte des Christentums gut ist, daß Träume dieser Art nie das herrschende System der Kirche wurden. Nach so vieler Mühe, die man sich kirchlich über diese Sekten gegeben, wäre eine rein philosophische Untersuchung, woher sie ihre Ideen genommen, was sie mit solchen gemeint und welche Früchte diese gebracht haben, für die Geschichte des menschlichen Verstandes nicht unnützlich.259 Weiter hinauf ist die Lehre des Manes gedrungen, der keinen kleinern Zweck hatte, als ein vollkommenes Christentum zu stiften. Er scheiterte, und seine ausgebreiteten Anhänger wurden zu allen Zeiten, an allen Orten dergestalt verfolgt, daß der Name Manichäer, insonderheit seitdem Augustinus die Feder gegen sie geführt hatte, fortan der schrecklichste Name eines Ketzers blieb. Wir schaudern jetzt vor diesem kirchlichen Verfolgungsgeist und bemerken, daß mehrere dieser schwärmenden Häresiarchen unternehmende denkende Köpfe waren, die den kühnen Versuch machten, nicht nur Religion, Metaphysik, Sitten- und Naturlehre zu vereinigen, sondern sie auch zum Zweck einer wirklichen Gesellschaft, eines philosophisch-politischen Religionsordens, zu verbinden. Einige derselben liebten die Wissenschaft und sind zu beklagen, daß sie nach ihrer Lage keine genauere Kenntnisse haben konnten; die katholische Partei indes wäre selbst zum stehenden Pfuhl geworden, wenn diese wilden Winde sie nicht in Regung gesetzt und wenigstens zur Verteidigung ihrer buchstäblichen Tradition gezwungen hätten. Die Zeit einer reinen Vernunft und einer politischen Sittenverbesserung aus derselben war noch nicht da, und für Manes' Kirchengemeinschaft war weder in Persien noch Armenien, auch späterhin weder unter den Bulgarn noch Albigensern eine Stelle.

 Bis nach Indien, Tibet und Sina drangen die christlichen Sekten, obwohl für uns noch auf dunkeln Wegen260); der Stoß indessen, der in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung auf die entferntesten Gegenden Asiens geschah, ist in ihrer Geschichte selbst merklich. Die Lehre des Buddha oder Fo, die aus Baktra hinuntergestiegen sein soll, bekam in diesen Zeiten ein neues Leben. Sie drang bis nach Ceylon hinab, bis nach Tibet und Sina hinauf; indische Bücher dieser Art wurden ins Sinesische übersetzt, und die große Sekte der Bonzen kam zustande. Ohne dem Christentum alle Greuel der Bonzen oder das ganze Klostersystem der Lamas und Talepoinen zuzuschreiben, scheint es der Tropfe gewesen zu sein, der von Ägypten bis Sina alle altern Träume der Völker neu in Gärung brachte und sie mehr oder weniger in Formen schied. In manche Fabel von Buddha, Krischnu u. f. scheinen christliche Begriffe gekommen zu sein, auf indische Art verkleidet; und der große Lama auf den Gebirgen, der vielleicht erst im fünfzehnten Jahrhundert entstanden, ist mit seiner persönlichen Heiligkeit, mit seinen harten Lehren, mit seinen Glocken und Priesterorden vielleicht ein weitläuftiger Vetter des Lama an der Tiber, nur daß bei jenem der Manichäismus und Nestorianismus auf asiatische, so wie bei diesem die rechtgläubige Christenreligion auf römische Ideen und Gebräuche gepfropft ist. Schwerlich aber werden sich die beiden Vettern anerkennen, sowenig sie einander besuchen werden.

 


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