XX.1. Handelsgeist in Europa

 

Vergebens hatte die Natur diesen kleinen Weltteil nicht mit soviel Küsten und Buchten begrenzt, nicht mit soviel schiffbaren Strömen und Meeren durchzogen; von den ältesten Zeiten an waren auf diesen die anwohnenden Völker rege. Was den südlichen Europäern das Mittelländische Meer gewesen war, wurde den Nordländern die Ostsee: ein früher Übungsplatz der Schiffahrt und des Verkehrs der Völker. Außer den Galen und Kymren sahen wir Friesen, Sachsen, insonderheit Normänner alle west- und nördliche Meere, ja auch die Mittelländische See durchstreifen und mancherlei Böses und Gutes bewirken. Von gehöhlten Kielen stiegen sie zu großen Schiffen, wußten die hohe See zu halten und sich aller Winde zu bedienen, so daß noch jetzt in allen europäischen Sprachen die Striche des Kompasses und viele Benennungen des Seewesens deutsche Namen sind. Insonderheit war der Bernstein das kostbare Spielzeug, das Griechen, Römer und Araber an sich zog und die Nordwelt der Südwelt bekannt machte. Durch Schiffe aus Massilien (Marseille) wurde er über den Ozean, landwärts über Karnunt zum Adriatischen, auf dem Dnepr zum Schwarzen Meere in unglaublicher Menge geführt; vor allen andern blieb der Weg zum Schwarzen Meer die Straße des Völkerverkehrs zwischen der Nord-, Süd- und Ostwelt.<sup>301)</sup> Am Ausflusse des Dons und Dneprs waren zwei große Handelsplätze: Asow (Tanais, Asgard) und Olbia (Borysthenes, Alfheim), die Niederlagen der Waren, die aus der Tatarei, Indien, Tsina, Byzanz, Ägypten, meistens durch Tauschhandel, ins nördliche Europa gingen: auch als der bequemere Weg über das Mittelländische Meer besucht wurde, über die Zeit der Kreuzzüge hinaus, blieb dieser nordöstliche Handel gangbar. Seitdem die Slawen einen großen Teil der baltischen Küste besaßen, wurden von ihnen längs derselben blühende Handelsstädte errichtet; die deutschen Völker auf den Inseln und der gegenseitigen Küste wetteiferten mit ihnen und ließen nicht eher ab, als bis des Gewinnes und Christentums willen dieser Handel der Slawen zerstört war. Jetzt suchten sie in ihre Stelle zu treten, und es kam allmählich, längst vor dem eigentlichen hanseatischen Bunde, eine Art von Seerepublik, ein Verein handelnder Städte zustande, der späterhin sich zur großen Hansa aufschwang. Wie es in Norden zu. den Zeiten des Raubes Seekönige gegeben hatte, so erzeugte sich jetzt ein weitverbreiteter, aus vielen Gliedern zusammengesetzter Handelsstaat, auf echte Grundsätze der Sicherheit und Gemeinhülfe gebaut, wahrscheinlich ein Vorbild des künftigen Zustandes aller handelnden europäischen Völker. An mehr als einer nördlichen Seeküste, vorzüglich aber und am frühesten in Flandern, das mit deutschen Kolonisten besetzt war, blühten Fleiß und nutzbare Gewerbe.

 Freilich aber war die innere Verfassung dieses Weltteils dem aufstrebenden Fleiße seiner Bewohner nicht die bequemste, indem nicht nur die Verwüstungen der Seeräuber fast an allen Küsten oft den besten Anlagen ein trauriges Ende machten, sondern auch zu Lande der Kriegesgeist, der noch in den Völkern tobte, und die aus ihm entstandene Lehnverfassung ihm tausend Hindernisse entgegenlegte. In den ersten Zeiten, nachdem sich die Barbaren in die Länder Europas geteilt hatten, als noch eine mehrere Gleichheit unter den Gliedern der Nationen, auch eine mildere Behandlung der alten Einwohner bestand, da fehlte dem allgemeinen Fleiße nichts als Aufmunterung, die ihm auch, wenn mehrere Theodorichs, Karl und Alfrede gelebt hätten, nicht entgangen wäre. Als aber alles unter das Joch der Leibeigenschaft geriet und ein erblicher Stand sich zu seiner Völlerei und Pracht des Schweißes und Fleißes seiner Untersassen anmaßete, sich selbst aber jedes nützlichen Gewerbes schämte; als jede kunstfleißige Seele erst durch Gnadenbriefe oder Zins von Dämons Gewalt erlöst werden mußte, um ihre Kunst nur treiben zu dörfen: da lag freilich alles in harten Banden. Einsehende Regenten taten, was sie konnten: sie stifteten Städte und begnadeten sie; sie nahmen Künstler und Handwerker unter ihren Schutz, zogen Kaufleute, ja selbst die ebräischen Wucherer unter ihre Gerichtsbarkeit, erließen jenen die Zölle, gaben diesen oft schädliche Handelsfreiheiten, weil sie des jüdischen Geldes bedorften; bei dem allen aber konnte unter vorgenannten Umständen auf dem festen Lande Europas noch kein freier Gebrauch oder Umlauf des menschlichen Fleißes zustande kommen. Alles war abgeschlossen, zerstückt, bedrängt, und nichts war also natürlicher, als daß die südliche Behendigkeit und Wohlgelegenheit der nordischen Emsigkeit auf eine Zeit vortrat. Nur aber auf eine Zeit; denn alles, was Venedig, Genua, Pisa, Amalfi getan haben, ist innerhalb dem Mittelländischen Meer geblieben; den nordischen Seefahrern gehörte der Ozean und mit dem Ozean die Welt.

 Venedig war in seinen Lagunen wie Rom entstanden. Zuerst der Zufluchtsort derer, die bei den Streitereien der Barbaren auf unzugängliche, arme Inseln sich retteten und, wie sie konnten, nährten; sodann mit dem alten Hafen von Padua vereinigt, verband es seine Flecken und Inseln, gewann eine Regierungsform und stieg von dem elenden Fisch- und Salzhandel, mit welchem es angefangen hatte, auf einige Jahrhunderte zur ersten Handelsstadt Europas, zum Vorratshause der Waren für alle umliegende Länder, zum Besitztum mehrerer Königreiche und noch jetzt zur Ehre des ältesten, nie eroberten Freistaates empor. Es erweist durch seine Geschichte, was mehrere Handelsstaaten erwiesen haben, daß man von nichts zu allem kommen und sich auch vor dem nahesten Ruin sichern könne, solange man unablässigen Fleiß mit Klugheit verbindet. Spät wagte es sich aus seinen Morästen hervor und suchte, wie ein scheues Tier des Schlammes, am Strande des Meers einen kleinen Erdstrich, tat sodann einige Schritte weiter und stand, um die Gunst des reichsten Kaisertums bemüht, seinen schwachen Exarchen zu Ravenna bei. Dafür erhielt es denn, was es gewünscht hatte, die ansehnlichsten Freiheiten in diesem Reiche, bei welchem damals der Haupthandel der Welt war. Sobald die Araber um sich griffen und mit Syrien, Ägypten, ja fast allen Küsten des Mittelländischen Meers auch den Handel derselben sich zueigneten, stand zwar Venedig ihren Angriffen aufs Adriatische Meer kühn und glücklich entgegen, ließ sich aber auch zu rechter Zeit mit ihnen in Verträge ein und wurde durch solche mit ungemeßnem Vorteil die Verhändlerin alles morgenländischen Reichtums. über Venedig kamen also Gewürze, Seide, alle östliche Waren der Üppigkeit in so reichem Maß nach Europa, daß beinahe die ganze Lombardei die Niederlage derselben und nebst den Juden die Venetianer und Lombarden die Unterhändler der gesamten Abendwelt wurden. Der nutzbarere Handel der Nordländer litt damit auf eine Zeitlang, und nun faßte, von den Ungarn und Avaren gedrängt, das reiche Venedig auch einen Fuß auf dem festen Lande. Indem sie es weder mit den griechischen Kaisern noch mit den Arabern verdarben, wußten sie Konstantinopel, Aleppo und Alexandrien zu nutzen und setzten mit fürchtendem Eifer sich den Handelsanlagen der Normänner so lange entgegen, bis auch diese in ihren Händen waren. Eben die Waren der Üppigkeit, die sie und ihre Nebenbuhlerinnen aus Orient brachten, der Reichtum, den sie dadurch erwarben, nebst den Sagen der Pilgrime von der Herrlichkeit der Morgenländer, fachten einen großem Neid in den Gemütern der Europäer über die Besitzungen der Mohammedaner an als das Grab Christi; und als die Kreuzzüge ausbrachen, war niemand, der so vielen Vorteil davon zog als eben diese italienische Handelsstädte. Viele Heere schifften sie über, führten ihnen Lebensmittel zu und gewannen damit nicht nur unsägliche Summen, sondern auch in den neueroberten Ländern neue Freiheiten, Handelsplätze und Besitztümer. Vor allen andern war Venedig glücklich; denn da es ihm gelang, mit einem Heer von Kreuzfahrern Konstantinopel einzunehmen und ein lateinisches Kaisertum in demselben zu errichten, teilte es sich mit seinen Bundesgenossen in den Raub so vorteilhaft, daß diese wenig und das Wenige auf eine unsichere, kurze Zeit, sie aber alles, was ihnen zum Handel diente, die Küsten und Inseln Griechenlandes, bekamen. Lange haben sie sich in diesem Besitz erhalten und ihn noch ansehnlich vermehrt; allen Gefahren, die ihnen Nebenbuhler und Feinde legten, wußten sie glücklich oder vorsichtig zu entweichen, bis eine neue Ordnung der Dinge, die Fahrt der Portugiesen um Afrika und der Einbruch des türkischen Reichs in Europa, sie in ihr Adriatisches Meer einschränkte. Ein großer Teil der Beute des griechischen Reichs, der Kreuzfahrten und des morgenländischen Handels ist in ihre Lagunen zusammengeführt; die Früchte davon in Gutem und Bösen sind über Italien, Frankreich und Deutschland, zumal den südlichen Teil desselben, verbreitet worden. Sie waren die Holländer ihrer Zeit und haben sich, außer ihrem Handelsfleiße, außer mehreren Gewerben und Künsten, am meisten durch ihre daurende Regierungsform ins Buch der Menschheit eingezeichnet.302)

 


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