XIX.2. Wirkung der Hierarchie auf Europa

 

 Vor allem muß man des Guten erwähnen, das unter jeder Hülle das Christentum, seiner Natur nach, bringen mußte. Mitleidig gegen Arme und Bedrängte, nahm es bei den wilden Verheerungen der Barbaren sie unter seinen Schutz; viele Bischöfe in Gallien, Spanien, Italien und Deutschland haben dies wie Heilige erwiesen. Ihre Wohnungen und die Tempel wurden eine Zuflucht der Bedrängten; sie kauften Sklaven los, befreiten die Geraubten und steuerten denn abscheulichen Menschenhandel der Barbaren, wo sie wußten und konnten. Diese Ehre der Milde und Großmut gegen den unterdrückten Teil des Menschengeschlechts kann man dem Christentum, seinen Grundsätzen nach, nicht rauben; von seinen ersten Zeiten an arbeitete es zur Rettung der Menschen, wie schon mehrere selbst unpolitische Gesetze der morgenländischen Kaiser zeigen. Da in der abendländischen Kirche man dieser Wohltat noch minder entbehren konnte, so sprechen viele Dekrete der Bischöfe in Spanien, Gallien und Deutschland dafür, auch ohne Zutun des Papstes.

Daß in den Zeiten der allgemeinen Unsicherheit Tempel und Klöster die heiligen Freistätten auch des stillen Fleißes und Handels, des Ackerbaues, der Künste und des Gewerbes gewesen, ist gleichfalls unleugbar. Geistliche stifteten Jahrmärkte, die ihnen zur Ehre noch jetzo Messen heißen, und befriedigten sie, wenn selbst der Kaiser- und Königsbann sie nicht sicherstellen konnte, mit dem Gottesfrieden. Künstler und Gewerke zogen sich an Klostermauern und suchten vor dem leibeigen machenden Adel Zuflucht. Mönche trieben den vernachlässigten Ackerbau durch ihre und anderer Hände; sie verfertigten, was sie im Kloster bedorften, oder gaben wenigstens einem klösterlichen Kunstfleiß sparsam Lohn und Raum. In Klöster retteten sich die übergebliebenen alten Schriftsteller, die, hie und da abgeschrieben, der Nachwelt aufbewahrt wurden. Durch Hülfe des Gottesdienstes endlich erhielt sich, wie sie auch war, mit der lateinischen Sprache ein schwaches Band, das einst zur Literatur der Allen zurück- und von ihnen bessere Weisheit herleiten sollte. In solche Zeiten gehören Klostermauern, die auch den Pilgrimen Sicherheit und Schutz, Bequemlichkeit, Kost und Aufenthalt gewährten. Durch Reisen dieser Art sind die Länder zuerst friedlich verknüpft worden; denn ein Pilgerstab schützte, wo kaum ein Schwert schützen konnte. Auch hat sich an ihnen die Kunde fremder Länder, samt Sagen, Erzählungen, Romanen und Dichtungen, in der rohesten Kindheit gebildet.

 Alles dies ist wahr und unleugbar; da vieles davon aber auch ohne den römischen Bischof geschehen konnte, so lasst uns sehen, was dessen geistliche Oberherrschaft eigentlich Europa für Nutzen gebracht habe.

 1. Die Bekehrung vieler heidnischen Völker. Aber wie wurden sie bekehrt? Oft durch Feuer und Schwert, durch Femgerichte und ausrottende Kriege. Sage man nicht, daß der römische Bischof solche nicht veranstaltet habe; er genehmigte sie, genoß ihre Früchte und ahmte, wenn er's tun konnte, sie selbst nach. Daher jene Ketzergerichte, zu denen Psalmen gesungen wurden, jene bekehrenden Kreuzzüge, in deren Beute sich Papst und Fürsten, Orden, Prälaten, Domherrn und Priester teilten. Was nicht umkam, wurde leibeigen gemacht und ist es großenteils noch; so hat sich das christliche Europa gegründet; so wurden Königreiche gestiftet und vom Papst geweiht, ja späterhin das Kreuz Christi als Mordzeichen in alle Weltteile getragen. Amerika raucht noch vom Blut seiner Erschlagnen, und die in Europa zu Knechten gemachte Völker verwünschen noch ihre Bekehrer. Und ihr zahllosen Opfer der Inquisition im südlichen Frankreich, in Spanien und in andern Weltteilen, eure Asche ist verflogen, eure Gebeine sind vermodert; aber die Geschichte der an euch verübten Greuel bleibt eine ewige Anklägerin der in euch beleidigten Menschheit.

 2. Man eignet der Hierarchie das Verdienst zu, die Völker Europas zu einer Christenrepublik verbunden zu haben; worin hätte diese bestanden? Daß alle Nationen vor einem Kreuz knieeten und einerlei Messe anhörten, wäre etwas, aber nicht viel. Daß in geistlichen Sachen sie alle von Rom aus regiert werden sollten, war ihnen selbst nicht ersprießlich; denn der Tribut, der dahin ging, und das unzählbare Heer von Mönchen und Geistlichen, Nuncien und Legaten drückte die Länder. Zwischen den europäischen Mächten war damals weniger Friede als je; nebst andern Ursachen auch des falschen Staatssystems halben, das eben der Papst in Europa festhielt. Der heidnischen Seeräuberei war durchs Christentum gewehrt; mächtige Christennationen aber rieben sich hart aneinander, und jede derselben war innerlich voll Verwirrung, von einem geist- und weltlichen Raubgeist belebt. Eben diese Doppelherrschaft, ein päpstlicher Staat in allen Staaten, machte, daß kein Reich auf seine Prinzipien kommen konnte, an die man nur dachte, seitdem man von der Oberherrschaft des Papstes frei war. Als christliche Republik hat sich Europa also nur gegen die Ungläubigen gezeigt, und auch da selten zu seiner Ehre; denn kaum dem epischen Dichter sind die Kreuzzüge ruhmwürdige Taten.

 3. Es wird der Hierarchie zum Ruhm angerechnet, daß sie dem Despotismus der Fürsten und des Adels eine Gegenmacht gewesen und dem niedern Stande emporgeholfen habe. So wahr dieses an sich ist, so muß es dennoch mit großer Einschränkung gesagt werden. Der ursprünglichen Verfassung deutscher Völker war der Despotismus eigentlich so ganz zuwider, daß sich eher behaupten ließe, die Könige haben ihn von den Bischöfen gelernt, wenn diese Seelenkrankheit gelernt werden dörfte. Bischöfe nämlich brachten aus ihrer mißbrauchten Schrift, aus Rom und ihrem eigenen Stande morgenländische oder klösterliche Begriffe von blinder Unterwerfung unter den Willen des Oberherren in die Gesetze der Völker und in seine Erziehung; sie waren's, die das Amt des Regenten zur trägen Würde machten und seine Person mit dem Salböl göttlicher Rechte zu Befugnissen des Eigendünkels weihten. Fast immer waren Geistliche die, deren sich die Könige zu Gründung ihrer despotischen Macht bedienten; wenn sie mit Geschenken und Vorzügen abgefunden waren, so dorften andere wohl aufgeopfert werden. Denn überhaupt, waren es nicht die Bischöfe, die in Erweiterung ihrer Macht und Vorzüge den Laienfürsten vorangingen oder ihnen eifersüchtig nachfolgten? Heiligten nicht eben sie die widerrechtliche Beute? Der Papst endlich, als Oberrichter der Könige und der Despot der Despoten, entschied nach göttlichem Rechte. Er erlaubte zur Zeit der karlingischen, fränkischen und schwäbischen Kaiser sich Anmaßungen, die ein Laie sich nur mit allgemeiner Mißbilligung hätte erlauben mögen, und das einzige Leben Kaiser Friedrichs des Zweiten aus dem schwäbischen Hause, von seiner Minderjährigkeit an unter der Vormundschaft des rechtsgelehrtesten Papstes bis zu seinem und seines Enkels Konradins Tode, mag die Summe dessen sein, was vom oberrichtlichen Amt der Päpste über die Fürsten Europas gesagt werden kann. Unvertilgbar klebt das Blut dieses Hauses am Apostolischen Stuhle. Welch eine fürchterliche Höhe, Oberrichter der Christenheit zu sein über alle europäischen Könige und Länder! Gregor VII., wahrlich kein gemeiner Mann, Innozenz III., Bonifacius VIII. sind davon redende Beweise.

 


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