XX.6. Schlußanmerkung


 Wie kam also Europa zu seiner Kultur und zu dem Range, der ihm damit vor andern Völkern gebührt? Ort, Zeit, Bedürfnis, die Lage der Umstände, der Strom der Begebenheiten drängte es dahin; vor allem aber verschaffte ihm diesen Rang ein Resultat vieler gemeinschaftlichen Bemühungen, sein eigner Kunstfleiß.

 1. Wäre Europa reich wie Indien, undurchschnitten wie die Tatarei, heiß wie Afrika, abgetrennt wie Amerika gewesen, es wäre, was in ihm geworden ist, nicht entstanden. Jetzt half ihm auch in der tiefsten Barbarei seine Weltlage wieder zum Licht; am meisten aber nutzten ihm seine Ströme und Meere. Nehmt den Dnjeper, den Don und die Düna, das Schwarze, Mittelländische, Adriatische und Atlantische Meer, die Nord- und Ostsee mit ihren Küsten, Inseln und Strömen hinweg; und der große Handelsverein, durch welchen Europa in seine bessere Tätigkeit gesetzt wurde, wäre nicht erfolgt. Jetzt umfassten die beiden großen und reichen Weltteile Asien und Afrika diese ihre ärmere, kleinere Schwester; sie sandten ihr Waren und Erfindungen von den äußersten Grenzen der Welt, aus Gegenden der frühesten, längsten Kultur zu und schärften damit ihren Kunstfleiß, ihre eigne Erfindung. Das Klima in Europa, die Reste der alten Griechen- und Römerwelt kamen dem allen zu Hülfe; mithin ist auf Tätigkeit und Erfindung, auf Wissenschaften und ein gemeinschaftliches, wetteiferndes Bestreben die Herrlichkeit Europas gegründet.

 2. Der Druck der römischen Hierarchie war vielleicht ein notwendiges Joch, eine unentbehrliche Fessel für die rohen Völker des Mittelalters; ohne sie wäre Europa wahrscheinlich ein Raub der Despoten, ein Schauplatz ewiger Zwietracht oder gar eine mogolische Wüste worden. Als Gegengewicht verdienet sie also ihr Lob; als erste und fortdaurende Triebfeder hätte sie Europa in einen tibetanischen Kirchenstaat verwandelt. Jetzt brachten Druck und Gegendruck eine Wirkung hervor, an welche keine der beiden Parteien dachte: Bedürfnis, Not und Gefahr trieben zwischen beiden einen dritten Stand hervor, der gleichsam das warme Blut dieses großen wirkenden Körpers sein muß, oder der Körper geht in Verwesung. Dies ist der Stand der Wissenschaft, der nützlichen Tätigkeit, des wetteifernden Kunstfleißes; durch ihn ging dem Ritter- und Pfaffentum die Epoche ihrer Unentbehrlichkeit notwendig, aber nur allmählich zu Ende.

3. Welcher Art die neue Kultur Europas sein konnte, ist aus dem Vorhergehenden auch sichtbar. Nur eine Kultur der Menschen, wie sie waren und sein wollten, eine Kultur durch Betriebsamkeit, Wissenschaften und Künste. Wer dieser nicht bedorfte, wer sie verachtete oder mißbrauchte, blieb, wer er war; an eine durch Erziehung, Gesetze und Konstitution der Länder allgemein durchgreifende Bildung aller Stände und Völker war damals noch nicht zu gedenken; und wenn wird daran zu gedenken sein? Indessen geht die Vernunft und die verstärkte gemeinschaftliche Tätigkeit der Menschen ihren unaufhaltsamen Gang fort und sieht's eben als ein gutes Zeichen an, wenn auch das Beste nicht zu früh reift.


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