XIX.1. Römische Hierarchie

 

Man ist gewohnt, dem, was ein Gebäude geworden ist, schon vor seiner Entstehung einen Entwurf des Baues zum Grunde zu legen; selten aber trifft dies bei den politischen Bauwerken ein, die nur die Zeiten vollführt haben. Bei Roms geistlicher Größe wäre selbst zu zweifeln, ob sie je erreicht worden wäre, wenn man mit unverwandtem Blick auf sie gearbeitet hätte. Auf dem Stuhle zu Rom saßen Bischöfe von so mancherlei Art wie auf jedem andern Throne, und auch für die fähigsten Werkzeuge gab's unglückliche Zeiten. Diese unglücklichen Zeiten aber und die Fehler der Vorgänger sowohl als der Feinde selbst zu nutzen, das war die Staatskunst dieses Stuhles, durch welche er zur Festigkeit und Hoheit gelangte. Lasst uns aus vielen nur einige Umstände der Geschichte samt den Grundsätzen betrachten, auf welche sich Roms Größe stützte.

 Das meiste sagt der Name Rom selbst: die alte Königin der Welt, das Haupt und die Krone der Völker, hauchte auch ihrem Bischöfe den Geist ein, das Haupt der Völker auf seine Weise zu werden. Alle Sagen von Petrus' Bischof- und Märtyrertum wären zu Antiochien oder Jerusalem nicht von der politischen Wirkung gewesen, wie sie in der blühenden Kirche des alten ewigen Roms wurden; denn wieviel fand der Bischof dieser ehrwürdigen Stadt, das ihn fast ohne seinen Willen emporheben mußte! Der unaustilgbare Stolz des römischen Volks, dem so manche Kaiser hatten weichen müssen, trug ihn auf seinen Schultern und gab ihm, dem Hirten des ersten Volks der Erde, den Gedanken ein, in dieser hohen Schule der Wissenschaft und Staatskunst, zu welcher man auch noch in den christlichen Zeiten, um Roms Gesetze zu lernen, wallfahrtete, sie selbst zu lernen und gleich den alten Römern durch Satzungen und Rechte die Welt zu regieren. Die Pracht des heidnischen Gottesdienstes stand vor seinen Augen da, und da dieser in der römischen Staatsverfassung mit der obrigkeitlichen Macht verknüpft gewesen war, so erwartete das Volk auch in seinem christlichen Bischöfe den alten Pontifex maximus, Aruspex und Augur. An Triumphe, Feste und Staatsgebräuche gewöhnt, sähe es gern, daß aus Gräbern und Katakomben das Christentum in Tempel einzog, die der römischen Größe würdig waren, und so wurde durch Anordnungen, Feste und Gebräuche Rom zum zweitenmal das Haupt der Völker.

Frühe äußerte Rom seine gesetzgebende Klugheit dadurch, daß es auf Einheit der Kirche, auf Reinheit der Lehre, auf Rechtgläubigkeit und Katholizismus drang, auf den die Kirche gebaut werden mußte. Schon im zweiten Jahrhundert wagete es Victor, die Christen in Asien nicht für seine Brüder zu erkennen, wenn sie das Osterfest nicht zu einer Zeit mit ihm feiern wollten; ja die erste Spaltung der Juden- und Heidenchristen ist wahrscheinlich von Rom aus beigelegt worden: Paulus und Petrus liegen in ihm friedlich begraben.285 Dieser Geist einer allgemeinen Lehre erhielt sich auf dem Römischen Stuhl; und obgleich einige Päpste sich vom Vorwurf der Ketzerei kaum haben rein erhalten mögen, so wußten jedesmal ihre Nachfolger einzulenken und traten zurück ans Steuer der rechtgläubigen Kirche. Nie hat sich Rom vor Ketzereien gebückt, sooft diese es auch mächtig drängten: morgenländische Kaiser, Ost- und Westgoten, Burgunder und Longobarden waren Arianer; einige derselben beherrschten Rom; Rom aber blieb katholisch. Ohne Nachsicht schnitt es zuletzt sich ab von der griechischen Kirche, ob diese gleich eine halbe Welt war. Notwendig mußte diese Grundlage einer unerschütterten Reinigkeit und Allgemeinheit der Lehre, die auf Schrift und Tradition zu ruhen vorgab, bei günstigen Umständen einen geistlichen Richterthron über sich gewinnen und tragen.

Solche günstige Umstände kamen. Nachdem der Kaiser Italien verlassen, als das Reich geteilt, von Barbaren überschwemmt, Rom mehrmals erobert und geplündert wurde, da hatte mehr als einmal sein Bischof Gelegenheit, auch sein Erretter zu werden. Er wurde der verlassenen Königsstadt Vater, und die Barbaren, die die Herrlichkeit Roms verehrten, scheusten desselben obersten Priester. Attila zog zurück; Geiserich gab nach; ergrimmte longobardische Könige warfen sich, noch ehe er Roms Herr war, vor ihm nieder. Lange wußte er zwischen Barbaren und Griechen die Mitte zu halten; er wußte zu teilen, damit er einst regiere. Und als die teilende Staatskunst nicht mehr gelang, da hatte er sein katholisches Frankreich zur Hülfe sich schon zubereitet; er zog über das Gebirge, erhielt von seinem Befreier mehr, als er gesucht hatte, seine Bischofsstadt mit allen Städten des Exarchats. Endlich wurde Karl der Große römischer Kaiser, und nun hieß es: ein Rom, ein Kaiser, ein Papst! drei unzertrennliche Namen, die fortan das Wohl und das Übel der Völker wurden. Unerhört ist's, was sich der römische Bischof schon gegen den Sohn seines Wohltäters erlaubte; noch mehreres wartete auf seine späteren Nachfolger. Er schlichtete zwischen den Kaisern, gebot ihnen, entsetzte sie und stieß die Krone von ihrem Haupt, die er ihnen gegeben zu haben glaubte. Die gutmütigen Deutschen, die 350 Jahre lang dieses Kleinodes halber nach Rom zogen und ihm das Blut ihrer Nation willig aufopferten, sie waren es, die den Übermut der Päpste zu seiner schrecklichsten Höhe erhuben. Ohne einen deutschen Kaiser und die traurige Verfassung seines Reichs wäre nie ein Hildebrand entstanden, und noch jetzt ist Deutschland seiner Verfassung wegen ein Ruhekissen der römischen Krone.

 Wie das heidnische Rom seinen Eroberungen bequem lag, so war das christliche Rom den seinigen wohlgelegen. Von der Nord- und Ostsee, vom Schwarzen Meer und der Wolga kamen zahllose Völker, die der Bischof zu Rom mit dem rechtgläubigen Kreuz doch endlich bezeichnen mußte, wenn sie in dieser rechtgläubigen Gegend friedlich wohnen sollten; und die nicht selbst kamen, suchte er auf. Gebete und Weihrauch sandte er den Nationen, wofür sie ihm Gold und Silber weihten und seine zahlreichen Diener mit Äckern, Wäldern und Auen begabten. Die schönste Gabe aber, die sie ihm darbrachten, war ihr unbefangenes rohes Herz, das mehr sündigte, als es Sünden kannte, und von ihm Sündenregister empfing, damit es den Ablaß derselben empfangen möchte. Hier kamen die Schlüssel Petrus' in Übung, und sie erklungen nie ohne Belohnung. Welch ein schönes Erbteil der Geistlichen waren die Länder der Goten, Alemannen, Franken, Angeln, Sachsen, Dänen, Schweden, Slawen, Polen, Ungarn und Preußen! Je später diese Völker ins Himmelreich traten, desto teurer mußten sie den Eintritt, oft mit Land und Freiheit, bezahlen. Je nördlicher oder östlicher, desto langsamer war die Bekehrung, desto ansehnlicher ihr Dank; je schwerer ein Volk ans Glauben ging, desto fester lernte es glauben. Nach Grönland hinauf, zur Düna und zum Dnepr gen Osten, westlich bis zu jedem äußersten VorGebirge reichte endlich des römischen Bischofs Hürde.

 Der Bekehrer der Deutschen, Winfried oder Bonifacius, hat dem Ansehen des Papstes über Bischöfe, die außer seiner Diözese saßen, mehr emporgeholfen, als es irgendein Kaiser hätte tun mögen. Als Bischof im Lande der Ungläubigen hatte er dem Papst einen Eid der Treue geschworen, der nachher durch Überredung und Federungen auch auf andere Bischöfe überging und endlich in allen katholischen Reichen zum Gesetz wurde. Mit den öftern Teilungen der Länder unter den Karlingern wurden auch die Diözesen der Bischöfe zerrissen, und der Papst bekam reiche Gelegenheit, in ihren Sprengeln zu wirken. Die Sammlung der Dekrete des falschen Isidors endlich, die in diesen karlingischen Zeiten, wahrscheinlich zwischen dem fränkischen und deutschen Reich, zuerst öffentlich erschien und. da man sie aus Unachtsamkeit, List und Unwissenheit gelten ließ, alle eingerissene jüngere Mißbräuche auf einmal mit dem ältesten Ansehen feststellte, dies einzige Buch diente dem Papst mehr als zehn Kaiserdiplome; denn überhaupt waren Unwissenheit und Aberglaube, mit denen die ganze Abendwelt überdeckt war, das weite und tiefe Meer, in welchem Petrus' Netz fischte.

 Am meisten zeigt sich die Staatsklugheit der römischen Bischöfe darin, daß sie die widerwärtigsten Umstände ihnen zu dienen zwangen. Lange waren sie von den morgenländischen, oft wurden sie auch von den abendländischen Kaisern gedrückt, und doch mußte ihnen Konstantinopel zuerst den Rang eines allgemeinen Bischofs zugestehn, Deutschland endlich die Investitur der geistlichen Reichsstände doch überlassen. Die griechische Kirche trennte sich; auch zum Vorteil des Papstes, der in ihr nie zu dem Ansehen hätte kommen können, nach welchem er im Okzident strebte; jetzt schloß er die seinige desto fester an sich. Mahomed erschien, die Araber bemächtigten sich eines großen Teils des südlichen Europa, sie streiften selbst nahe an Rom und versuchten Landung; auch diese übel wurden dem Papst ersprießlich, der sowohl die Schwäche der griechischen Kaiser als die Gefahr, mit der Europa bedroht wurde, sehr wohl zu gebrauchen wußte, sich selbst als Retter Italiens ins Feld wagte und fortan das Christentum gegen alle Ungläubigen zum Feldpanier machte. Eine fürchterliche Art der Kriege, zu denen er mit Bann und Interdikt zwingen konnte und in denen er nicht etwa nur Herold, sondern oft auch Schatzmeister und Feldherr wurde. Das Glück der Normänner gegen die Araber nutzte er gleichfalls; er belieh sie mit Ländern, die ihm nicht gehörten, und gewann durch sie den Rücken frei, um vor sich hin zu wirken. So wahr ist's, daß der am weitsten kommt, der anfangs selbst nicht weiß, wie weit er kommen werde, dafür aber jeden Umstand, den ihm die Zeit gewährt, nach festen Maßregeln gebraucht.

 



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 26.10.2004 
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