XX.3. Kreuzzüge und ihre Folgen

 

Lange hatten Pilger und Päpste die Not der Christen zu Jerusalem geklaget; man hatte das Ende der Welt verkündigt, und Gregor der Siebente glaubte schon 50000 Mann bereit zu haben, die zum Heiligen Grabe ziehen würden, wenn er ihr Anführer wäre. Endlich gelang's einem Pikarden, Peter dem Einsiedler, in Verständnis mit Simeon, dem Patriarchen zu Jerusalem, den Papst Urban II. zu bereden, daß er zum Werk schritt. Es wurden zwei Konzilien zusammengerufen, und auf dem letzten hielt der Papst eine Rede, hinter welcher das Volk wie wütend ausrief: »Gott will es! Gott will es!« Heere von Menschen wurden also mit einem roten Kreuz auf der rechten Schulter bezeichnet; in der ganzen römischen Christenheit wurde die Kreuzfahrt gepredigt und den heiligen Kriegern mancherlei Freiheit erteilt. Ohne Einwilligung ihrer Lehnherren dorften sie Ländereien veräußern oder verpfänden (den Geistlichen wurde dies Privilegium in Ansehung ihrer Benefizien auf drei Jahre verliehen); sowohl der Person als den Gütern nach traten alle Kreuzfahrer unter den Schutz und die Gerichtsbarkeit der Kirche und genossen geistliche Rechte; sie waren während des Heiligen Krieges von allen Steuern und Gaben, von allen Rechtsansprüchen wegen gemachter Schulden und von den Zinsen derselben frei und erhielten einen vollkommenen Ablaß. Eine unglaubliche Anzahl andächtiger, wilder, leichtsinniger, unruhiger, ausschweifender, schwärmender und betrogner Menschen aus allen Ständen und Klassen, sogar in beiden Geschlechtern, versammelten sich; die Heere wurden gemustert, und Peter der Einsiedler zog, barfuß und mit einer langen Kapuze geziert, einer Schar von 300000 Menschen voran. Da er sie nicht einhalten konnte, plünderten sie, wohin sie kamen; Ungarn und Bulgaren traten zusammen und jagten sie in die Wälder, also daß er mit einem Rest von 30000 in den traurigsten Umständen vor Konstantinopel ankam. Gottschalk, ein Priester, folgte mit 15000, ein Graf Emich mit 200000 Mann nach. Mit einem Blutbade der Juden fingen diese ihren heiligen Feldzug an, deren sie in einigen Städten am Rhein 12000 erschlugen; sie wurden in Ungarn entweder niedergemacht oder ersäuft. Die erste liederliche Schar des Eremiten, mit Italienern verstärkt, wurde nach Asien hinübergeschafft; sie geriet in Hungersnot und wäre von den Türken ganz aufgerieben worden, wenn nicht Gottfried von Bouillon mit seinem regelmäßigen Heer und der Blüte der Ritterschaft von Europa vor Konstantinopel endlich angekommen wäre. Bei Chalzedon wurde das Heer gemustert und fand sich 500000 Mann zu Fuß, 130000 Mann an Reuterei stark; unter unglaublichen Gefahren und Beschwerden wurde Nizäa, Tarsus, Alexandrien, Edessa, Antiochien, endlich Jerusalem eingenommen und Gottfried von Bouillon einmütig zum Könige erwählt. Balduin, sein Bruder, war Graf zu Edessa, Böemond, Prinz von Tarent, war Fürst von Antiochien geworden; Raimond, Graf zu Toulouse, wurde Graf zu Tripoli, und außer ihnen taten sich in diesem Feldzuge alle die Helden hervor, die Tassos unsterbliches Gedicht rühmt. Indessen folgten bald Unfälle auf Unfälle; das kleine Reich hatte sich gegen unzählbare Schwärme der Türken von Osten, der Araber von Ägypten her zu schützen und tat's zuerst mit unglaublicher Tapferkeit und Kühnheit. Allein die alten Helden starben; das Königreich Jerusalem kam unter eine Vormundschaft; die Fürsten und Ritter wurden uneinig untereinander; in Ägypten entstand eine neue Macht der Mamlucken, mit welcher der tapfre und edle Saladin die treulosen, verderbten Christen immer mehr einengte, endlich Jerusalem einnahm und das kleine Schattenkönigreich, ehe es sein hundertjähriges Jubeljahr feiern konnte, ganz aufhob.

Alle Kriegszüge, es zu erhalten oder wiederzuerobern, waren fortan umsonst; die kleinen Fürstentümer waren seinem Untergange vorhergegangen oder folgten ihm nach. Edessa war nur fünfzig Jahr in christlichen Händen, und der ungeheure zweite Kreuzzug, der von Kaiser Konrad III. und Ludwig VII., Könige in Frankreich, auf das Feldgeschrei des heiligen Bernhards, mit 200000 Mann gemacht wurde, rettete es nicht.

In einem dritten Kreuzzuge gingen gegen Saladin drei tapfre Mächte, Kaiser Friedrich I., König Philipp August von Frankreich und Richard Löwenherz von England, zu Felde; der erste ertrank im Strom, und sein Sohn starb; die beiden andern, eifersüchtig gegeneinander, und insonderheit der Franke auf den Briten neidig, konnten nichts als Acre wiedererobern. Uneingedenk seines gegebnen Worts kehrte Philipp August zurück, und Richard Löwenherz, der Saladins Macht allein nicht widerstehen konnte, mußte unwillig ihm folgen. Ja, er hatte, da er durch Deutschland als Pilger reiste, das Unglück, vom Herzog Leopold von Österreich wegen einer bei Acre ihm vermeintlich erwiesenen Beschimpfung angehalten, dem Kaiser Heinrich VI. unedel ausgeliefert und von diesem noch unedler vier Jahre in strenger Gefangenschaft gehalten zu werden, bis er sich, da über dies unritterliche Verfahren alle Welt murrte, mit 100000 Mark Silbers loskaufen konnte.

Der vierte Feldzug, der von Franzosen, Deutschen und Venetianern unter dem Grafen von Montferrat unternommen wurde, kam gar nicht nach Palästina; ihn leiteten die eigennützigen, rachsüchtigen Venetianer. Sie nahmen Zara ein und schifften vor Konstantinopel; die Kaiserstadt wurde belagert, zweimal erobert und geplündert; der Kaiser flieht; Balduin, Graf von Flandern, wird zu Konstantinopel ein lateinischer Kaiser; Beute und Reich werden geteilt, und den reichsten Teil dieses Raubes am Adriatischen, Schwarzen und griechischen Meere erhalten die Venetianer. Der Anführer des Zuges wird König von Kandia, welche Insel er seinen habsüchtigen Bundsgenossen auch verkaufte; statt der Länder jenseit des Bosporus wird er König zu Thessalonich. Es entsteht ein Fürstentum Achaja, ein Herzogtum Athen für französische Barone; reiche Edle aus Venedig erwerben sich ein Herzogtum Naxos, Negropont; es wird ein Pfalzgraf von Zante und Cephalonia; das griechische Kaisertum geht wie ein schlechter Raub an die Meistbietenden über. Dagegen errichten Abkömmlinge des griechischen Kaiserstammes ein Kaisertum zu Nicäa, ein Herzogtum Trapezunt, das sich in der Folge auch Kaisertum nennt, eine Despotie, nachher auch Kaisertum genannt, in Epirus. Da den neuen lateinischen Kaisern zu Konstantinopel so wenig übriggeblieben war, so konnte sich dies schwache und gehasste Reich kaum fünfzig Jahre erhalten; die Kaiser von Nicäa bemächtigten sich der alten griechischen Kaiserstadt wieder, und zuletzt kamen alle diese durch Abenteuer erworbene Besitztümer in die Hände der Türken.

Der fünfte Kreuzzug, von Ungarn und Deutschen geführt, war gar unkräftig. Drei Könige, von Ungarn, Zypern und ein Titelkönig von Jerusalem, mit den Großmeistern der Ritterorden hatten den Berg Tabor umringt, die Feinde eingeschlossen, den Sieg in Händen; Zwietracht und Eifersucht aber entrissen ihnen diesen Vorteil, und die Kreuzfahrer gingen unmutig zurück.

Kaiser Friedrich II. schickt auf unablässiges Treiben des päpstlichen Hofes eine Flotte nach Palästina; ein vorteilhafter Waffenstillstand ist im Werk; der päpstliche Legat vereitelte ihn, und als der Kaiser selbst äußerst gezwungen den Feldzug übernahm, verhindert der Papst selbst durch einen unvernünftigen Bann und durch eigne treulose Angriffe auf die Staaten des abwesenden Kaisers in Europa allen guten Fortgang. Es wird ein Waffenstillstand mit dem Sultan zu Bagdad geschlossen, Palästina und Jerusalem dem Kaiser eingeräumt; das Heilige Grab aber bleibt als ein Freihafen für alle Pilger in den Händen der Sarazenen.

 Doch auch dieser geteilte Besitz von Jerusalem dauert kaum fünfzehn Jahre, und der heilige Ludwig mit seinem siebenten, dem unglücklichsten Zuge konnte ihn nicht wiederherstellen. Er selbst mit seinem ganzen Heer gerät in Ägypten den Feinden in die Hände; er muß sich teuer loskaufen und endet auf einem zweiten, ebenso unnützen und unglücklichen Zuge gegen die Mauren vor Tunis sein Leben. Sein trauriges Beispiel erstickte endlich den unsinnigen Trieb zu Religionsfeldzügen nach Palästina, und die letzten christlichen Orter daselbst, Tyrus, Acre, Antiochien, Tripoli, gingen nach und nach an die Mamlucken über. So endete diese Raserei, die dem christlichen Europa unsäglich viel Geld und Menschen gekostet hatte; welches waren ihre Erfolge?307)

 


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