XVII.4. Fortgang des Christentums in den lateinischen Provinzen

Fortgang des Christentums in den lateinischen Provinzen

 1. Rom war die Hauptstadt der Welt: aus Rom ergingen die Befehle entweder zu Duldung oder zu Unterdrückung der Christen; notwendig mußte auf diesen Mittelpunkt der Macht und Hoheit eine Hauptwirkung des gesamten Christentums sehr frühe streben.

 Die Duldung der Römer gegen alle Religionen überwundener Völker ist über allen Widerspruch erhoben; ohne dieselbe und ohne den ganzen Zustand der damaligen römischen Verfassung würde das Christentum sich nie so schnell und allgemein ausgebreitet haben. Es entstand in der Ferne, unter einem Volk, das man verachtete und zum Sprüchwort des Aberglaubens gemacht hatte; in Rom regierten böse, tolle und schwache Kaiser, also daß es dem Staat an einer herrschenden Übersicht des Ganzen fehlte. Lange wurden die Christen nur unter dem Namen der Juden begriffen, deren in Rom, wie in allen römischen Provinzen, eine große Anzahl war. Wahrscheinlich war es auch der Haß der Juden selbst, der die ausgestoßenen Christen den Römern zuerst kenntlich machte, und sodann lag es in der römischen Denkart, daß man sie als Abtrünnige von ihrer väterlichen Religion entweder für Atheisten oder ihrer geheimen Zusammenkünfte wegen für Ägypter ansah, die sich gleich andern Eingeweihten mit Aberglauben und Greueln befleckten. Man betrachtete sie als einen verworfenen Haufen, den Nero die Schuld seiner Mordbrennertollheit am ersten tragen lassen durfte; das Mitleid, das man ihnen über diese erlittene äußerste Ungerechtigkeit schenkte, scheint nur die Barmherzigkeit gewesen zu sein, die man einem ungerecht gequälten Sklaven schenkt. Weiter untersuchte man ihre Lehre nicht und ließ sie sich fortpflanzen, wie sich im Römerreich alles fortpflanzen konnte.

 Als die Grundsätze ihres Gottesdienstes und Glaubens mehr ans Licht traten, fiel es den Römern, die nur an eine politische Religion gewöhnt waren, vor allem hart auf, daß diese Unglücklichen die Götter ihres Staats als höllische Dämonen zu schmähen und den Dienst, den man den Beschützern des Reiches leistete, für eine Schule der Teufel zu erklären wagten. Es fiel ihnen hart auf, daß sie den Bildsäulen der Kaiser eine Ehrerbietung, die ihnen selbst Ehre sein sollte, entzogen und sich von allem, was Pflicht oder Dienst des Vaterlandes war, entfernten. Natürlich wurden sie also für Feinde desselben gehalten, des Hasses und Abscheues anderer Menschen würdig. Nachdem die Kaiser gesinnt waren und neue Gerüchte sie entweder besänftigten oder aufbrachten, nachdem wurden Befehle für oder gegen die Christen gegeben, Befehle, die in jeder Provinz nach den Gesinnungen der Statthalter oder nach ihrem eignen Betragen mehr oder minder befolgt wurden. Eine Verfolgung indessen, wie man in spätem Zeiten z.B. gegen die Sachsen, Albigenser, Waldenser, Hugenotten, Preußen und Liven vornahm, ist gegen sie nie ergangen; Religionskriege der Art lagen nicht in der römischen Denkweise. Es wurden also die ersten dreihundert Jahre des Christentums während der Verfolgungen, die man in ihnen zählt, die Triumphzeit der Märtyrer des christlichen Glaubens.

 Nichts ist edler, als, seiner Überzeugung treu, sie durch Unschuld der Sitten und Biederkeit des Charakters bis zum letzten Atem zu bewähren; auch haben die Christen, wo sie als verständige, gute Menschen dergleichen Unschuld und Festigkeit zeigten, sich dadurch mehr Anhänger erworben als durch Erzählungen von Wundergaben und Wundergeschichten. Mehrere ihrer Verfolger staunten ihren Mut an, selbst wenn sie nicht begriffen, warum sie sich der Gefahr aussetzten, also verfolgt zu werden. Überdem, nur das, was ein Mensch herzhaft will, erreicht er, und worauf eine Anzahl Menschen lebend und sterbend beharret, das kann schwerlich unterdrückt werden. Ihr Eifer zündet an; ihr Beispiel, selbst wenn es nicht erleuchten kann, wärmt. Gewiß ist also die Kirche der Standhaftigkeit ihrer Bekenner jene tiefe Gründung eines Baues schuldig, der mit ungeheurer Erweiterung Jahrtausende überdauren konnte; weiche Sitten, nachgebende Grundsätze würden von Anfange an alles haben zerfließen lassen, wie ein schaleloser Saft zerfließt.

 Indessen kommt es in einzelnen Fällen doch auch darauf an, wofür ein Mensch streite und sterbe. Ist's für seine innere Überzeugung, für einen Bund der Wahrheit und Treue, dessen Lohn bis über das Grab reicht, ist's für das Zeugnis einer unentbehrlich wichtigen Geschichte, die man selbst erlebt hat, deren uns anvertraute Wahrheit ohne uns untergehen würde: wohlan! da stirbt der Märtyrer wie ein Held; seine Überzeugung labt ihn in Schmerzen und Qualen, und der offene Himmel ist vor ihm. So konnten jene Augenzeugen der ersten Begebenheiten des Christentums leiden, wenn sie sich in dem notwendigen Fall sahen, die Wahrheit derselben mit ihrem Tode zu besiegeln. Ihre Verleugnung wäre eine Absagung selbsterfahrner Geschichte gewesen; und wenn es nötig ist, opfert ein Rechtschaffener auch dieser sich selbst auf. Solche eigentliche Bekenner und Märtyrer aber konnte nur das älteste Christentum, und auch dieses ihrer nicht ungeheuer viele, haben, von deren Ausgange aus der Welt sowie von ihrem Leben wir wenig oder nichts wissen. Anders war's mit den Zeugen, die Jahrhunderte später oder Hunderte von Meilen entfernt zeugten, denen die Geschichte des Christentums nur als Gerücht, als Tradition oder als eine geschriebene Nachricht zukam; für urkundliche Zeugen können diese nicht gelten, indem sie nur ein fremdes Zeugnis oder vielmehr nur ihren Glauben an dasselbe mit Blute besiegeln. Da dies nun mit allen bekehrten Christen außer Judäa der Fall war, so muß man sich wundern, daß eben in den entferntesten, den lateinischen Provinzen so ungemein viel auf das Blutzeugnis dieser Zeugen, mithin auf eine Tradition, die sie fernher hatten und schwerlich prüfen konnten, gebaut wurde. Selbst nachdem am Ende des ersten Jahrhunderts die in Orient aufgesetzten Schriften in diese entfernteren Gegenden gekommen waren, verstand nicht jeder sie in der Ursprache und mußte sich, abermals auf das Zeugnis seines Lehrers, mit Anführung einer Übersetzung begnügen. Und wie weit seltner beziehen sich die abendländischen Lehrer überhaupt auf die Schrift, da die morgenländischen, selbst auf ihren Konzilien, mehr nach gesammelten Meinungen voriger Kirchenväter als aus der Schrift entschieden! Tradition also und Glaube, für den man gestorben sei, wurde bald das vorzüglichste und siegende Argument des Christentums; je ärmer, entfernter und unwissender die Gemeine war, desto mehr mußte ihr eine solche Tradition, das Wort ihres Bischofs und Lehrers, das Bekenntnis der Blutzeugen als ein Zeugnis der Kirche gleichsam aufs Wort gelten.

 Und doch läßt sich bei dem Ursprunge des Christentums kaum eine andere Weise der Fortpflanzung als diese gedenken; denn auf eine Geschichte war es gebaut, und eine Geschichte will Erzählung, Überlieferung, Glauben. Sie geht von Munde zu Munde, bis sie, in Schriften aufgenommen, gleichfalls eine festgestellte, fixierte Tradition wird, und jetzt erst kann sie von mehreren geprüft oder nach mehreren Traditionen verglichen werden. Nun aber sind auch meistens die Augenzeugen nicht mehr am Leben; wohl also, wenn sie der Sage nach das von ihnen gepflanzte Zeugnis mit ihrem Tode bekräftigt haben: hier beruhigt sich der menschliche Glaube.

 Und so baute man zuversichtvoll die ersten christlichen Altäre auf Gräber. An Gräbern kam man zusammen; sie wurden in den Katakomben selbst Altäre, über welchen man das Abendmahl genoß, das christliche Bekenntnis ablegte und demselben, wie der Begrabene, treu zu sein angelobte, über Gräbern wurden die ersten Kirchen erbaut, oder die Leichname der Märtyrer wurden unter die erbauten Altäre gebracht, bis zuletzt auch nur mit einem Gebein derselben der Altar geweiht werden mußte. In Cerimonie und Formel ging nun über, was einst Ursprung der Sache, Entstehung und Besiegelung eines Bundes christlicher Bekenner gewesen war. Auch die Taufe, bei der ein Symbolum des Bekenntnisses abgelegt wurde, feierte man über der Bekenner Gräbern, bis späterhin die Baptisterien über ihnen erbaut oder Gläubige, zum Zeichen, daß sie auf ihr Taufbekenntnis gestorben sein, unter ihnen begraben wurden. Eins entstand aus dem andern, und fast die ganze Form und Gestalt der abendländischen Kirchengebräuche kam von diesem Bekenntnis und Gräberdienst her.270)

 Allerdings fand sich viel Rührendes bei diesem Bunde der Treue und des Gehorsams über den Gräbern. Wenn, wie Plinius sagt, die Christen vor Tage zusammenkamen, ihrem Christus als einem Gott Loblieder zu singen und sich mit dem Sakrament wie mit einem Eidschwur zur Reinheit der Sitten und zu Ausübung moralischer Pflichten zu verbinden, so mußte das stille Grab ihres Bruders ihnen ein redendes Symbol der Beständigkeit bis zum Tode, ja eine Grundfeste ihres Glaubens an jene Auferstehung werden, zu welcher ihr Herr und Lehrer, auch als Märtyrer, zuerst gelangt war. Das irdische Leben mußte ihnen vorübergehend, der Tod als eine Nachfolge seines Todes rühmlich und angenehm, ein zukünftiges Leben fast sichrer als das gegenwärtige dünken, und Überzeugungen dieser Art sind allerdings der Geist der ältesten christlichen Schritten. Indessen konnte es auch nicht fehlen, daß durch solche Anstalten die Liebe zum Märtyrertum unzeitig erweckt wurde, indem man, satt des vorübergehenden irdischen Lebens, nach der Blut- und Feuertaufe als nach der Heldenkrone Christi oft mit nutzlosem Eiter lief. Es konnte nicht fehlen, daß den Gebeinen der Begrabenen mit der Zeit eine fast göttliche Ehre angetan wurde und sie zu Entsühnungen, Heilungen und andern Wunderwerken abergläubig mißgebraucht wurden. Es konnte endlich am wenigsten fehlen, daß diese Schar christlicher Helden in kurzem den ganzen Kirchenhimmel bezog und, so wie ihre Leichname ins Schiff der Kirche mit Anbetung gebracht waren, auch ihre Seelen alle andere Wohltäter der Menschen aus ihren Sitzen vertrieben; womit dann eine neue christliche Mythologie anfing. Welche Mythologie? Die wir auf den Altären sehen, von der wir in den Legenden lesen.

 


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