Januar 1917




Ein andres Antlitz


eh sie geschehn — habe ich vorgeführt, als noch

Otto Ernst

als Strandläufer von Sylt

 

seine friedlichen Wasserkünste übte; ein anderes zeigt die vollbrachte Tat:

 

(Aus einem Prospekt des

Verlags L. Staackmann)

Die Feldgrauen

über

Otto Ernst

EIN WEHRMANN: Ich habe hier einen Kameraden, nur mal um einen Fall herauszugreifen von den hunderten. Er ist ein Familienvater wie ich, die erste Zeit ging es noch, aber nach zwei Monaten schon kam es. War es das Heimweh, war es Sorge um Weib und Kinder. Ich wußte es erst nicht ... Es wurde von Tag zu Tag schlimmer, kein Lachen mehr, kein freundliches Wort kam mehr über seine Lippen ... Doch mit einem Male war's vorbei. Ich hatte bei einem Kameraden von Otto Ernst »Laßt Sonne herein« und »Appelschnut« gesehen. Und mit diesen beiden Helfern habe ich einen trüben Menschen fröhlich, einen Blinden sehend gemacht.

EIN HAUPTMANN: ... Eine Gnade Gottes, ein unschätzbarer Segen sind Ihre Werke für uns Deutsche in dieser schweren Zeit! ... Sie sind für mich die Bestätigung, die Verkörperung des männlich-deutschen Glaubens der Gegenwart. Darum kann ich nicht anders, ich muß Ihnen, gerade Ihnen mein Herz ausschütten.

EIN HAUPTMANN: Ich las Ihr Buch — wörtlich: »unter sich kreuzendem Geschoß inmitten«. Das Schlußkapitel von »Semper der Mann« — jeder Deutsche sollte es sich in das Herz schreiben, es sähe besser in Deutschland aus.

EIN OBERMATROSE: Wir haben als Zeichen unserer großen Dankbarkeit und unbeschreiblich großen Freude drei kräftige Hurras auf Sie ausgebracht.

EIN KANONIER: ... Wieviel mehr Freude gewährt ein einziges solches Buch als ein Dutzend Schmöker! Besonders wir, die wir an der Langweile der Westfront fast verkommen, bedürfen einer Aufmunterung und einer Stärkung dessen, was uns verloren zu gehen droht. Dem arbeiten am wirksamsten gute deutsche, gemütvolle Bücher wie die Ihrigen entgegen.

EIN LUFTSCHIFFER: Ohne Phrasen dreschen zu wollen: Ihr Buch war mit das Schönste, Tiefste und Erhebendste, was ich seit Jahren gelesen habe ... Und nun lächeln Sie nicht wieder so spöttisch und freuen Sie sich, daß Sie einem Erdenbürger, der alles nur grau in grau sah, so glückliche Stunden bereitet haben.

EIN OFFIZIER-STELLVERTRETER: Wir lagen in Polen im Schützengraben. Ob noch ein Angriff zu erwarten sei, konnte niemand sagen; doch übten wir die größte Wachsamkeit. Um unsere Nerven, die wieder einmal ihr Teil erhalten hatten, etwas zu beruhigen, krochen wir in den Unterstand, wo ich, um uns auf andere Gedanken zu bringen, etwas vorlesen mußte. Ich wählte Ihre Plauderei »An die Zeitknicker«, die auch viel Anerkennung fand. Eben wollte ich die »Anna Menzel« beginnen, als wir zu unseren Zügen gerufen wurden mit der Meldung: am Waldrande habe man feindliche Schützen erkannt. Der Tanz begann. Immer mehr Angreifer kommen aus dem Walde hervor. Unser Maschinengewehr, welches sich zwischen meinem und dem ersten Zug befand, fängt nun auch an mitzuwirken. Ebenso war unsere Artillerie auf der Hut gewesen und sandte nun gruppenweise ihre Schrapnells auf den Gegner. — Mir fiel die Unruhe meiner Leute auf; der Gegner hatte schon teilweise den Drahtverhau erreicht. Unter meinen Leuten waren sehr viel junge Krieger, die heute zum erstenmal im Feuer standen. Was konnte ich als Zugsführer anderes tun als ihnen zurufen, ruhig zu feuern. In diesem Augenblick dachte ich an die Worte aus der Mahnung an die »Zeitknicker«: »Ruuuhig, nur immmmer ruuuhig!« Gebückt von Mann zu Mann, von Gruppe zu Gruppe kriechend, rief ich ihnen zu. Die Wirkung war bald zu merken. Die Feinde, die schon im Begriff waren, unseren Drahtverhau zu überwinden, wurden von den nun sichtbar ruhig feuernden Schützen niedergeknallt. Der Angriff war glatt abgewiesen; wir hatten nur wenig Verluste. So ist es uns geglückt, dem Gegner wieder einmal eins auf die Nase zu geben dank unserer Wachsamkeit und dem ruhigen Feuern der Schützen, das ich wiederum in erster Linie Ihrer Erzählung verdanke. Sie hat eine ungeahnte Wirkung gehabt!

EINE ÖSTERREICHISCHE KRANKENSCHWESTER: Ich bin Schwester des Roten Kreuzes. Ich schreibe diese Zeilen während der Nachtwache, fortwährend unterbrochen von dem Läuteapparat, der mich zu einem Leidenden ruft. Ich habe meine Soldaten alle lieb; denn jeder ist krank und hilfsbedürftig; aber natürlicherweise fühlt man sich doch zu den Deutschen mehr hingezogen, weil man mit ihnen sprechen und ihnen erzählen und vorlesen kann ... Und dann die eifrigen Debatten über das Gehörte, und dann die Frage, wer denn so schöne Geschichtl machen könne! Und versprechen muß ich allen, ihnen ganz bestimmt Ihr Bild zu zeigen ...

EIN HAUPTMANN: Ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie ich Ihnen durch Taten Dank abstatten könnte ...

EIN GENERALMAJOR: Gestern habe ich mich an Ihrer »Weihnachtsfeier« erquickt. Leider habe ich in Ihren Büchern nicht finden können, ob Sie — wenn Sie sich mal zur Arbeit stärken müssen — dies mit Rot- oder Weißwein tun. Bei Ihren prächtigen Charaktereigenschaften und Ihrem Humor würde ich (als Mecklenburger!!) auf Rotwein schließen! Eins aber weiß ich: sollte es im Himmel Sofaplätze geben, dann bekommen Sie einen solchen.

SECHZEHN KRAFTFAHRER: Sechzehn Kraftfahrer der 10. Armee haben mit Entzücken Ihren »Offenen Brief an Annunzio« gelesen — er drückt in Worten unsere Gefühle aus! Wir können nicht unterlassen, Ihnen zu danken.

EIN SOLDAT: ... Ich war gestern, als ich von Ihnen las, in einer jubelnden, jauchzenden Stimmung; alles um mich herum war ein sonniges Tal mit blühenden Bäumen ringsum.

EIN VIZEFELDWEBEL: Innigen Dank für den »Gewittersegen«, der mich erfrischt und erquickt hat. Der Teufel hole alle Flaumacher und Nörgler; wie hat das Buch mir und allen in Feldgrau aus der Seele gesprochen!

EIN UNTEROFFIZIER: Heute haben wir Ostersonntag. Am Nachmittage wollen uns benachbarte Unterstände besuchen, und zur Feier des Tages wird Ihr »Sonntag eines Deutschen« vorgelesen. Das soll uns die schönste Osterfeierer setzen.

EIN LANDSTURMMANN: In den Freistunden findet ein richtiges Wettlesen statt. Jeder möchte zuerst dieses oder jenes Ihrer Bücher lesen, und da wir bisher drei Stück erhielten, muß hübsch gewartet werden, bis ein Kamerad das Buch zu Ende hat.

EIN FLIEGER-BEOBACHTER: Gerade Sie, der Sie sich stets als Lebensbejaher erwiesen, sind ein Erlöser in diesem Stumpfsinn des täglichen Einerlei. Dank, herzlichen Dank dafür!

EIN KRIEGSGEFANGENER: Ein tausendköpfiges Kriegsgefangenenlager im Lofthouse Park verlangt, um hinterm Stacheldraht nicht geistig zu verkommen, nach Nahrung. Sie, lieber Otto Ernst, müssen unverzüglich nach England kommen. Da aber das leider nicht geht, so verwandeln Sie sich in ein Buch, das den Namen trägt: »Flachsmann als Erzieher«. Fräulein Appelschnut oder sonst wer Liebes steckt es in ein Paketchen, und so naht uns der Befreier aus geistiger Umnachtung.

EIN MILITÄRMUSIKER: ... Über die Zeit der Trennung sollen meiner lieben, armen, unglücklichen Braut Ihre so wunderbar heilkräftigen, tröstlichen Werke hinweghelfen! ...

EIN OFFIZIER AUS ARABIEN: ... Der Dank ist ein besonderer nicht nur wegen der Stärke des Inhalts, sondern auch wegen des Ortes, an dem ich ihn zuerst empfand, nämlich als ich, als Stabsmitglied des nun heimgegangenen Marschalls v.d. Goltz-Pascha, auf dem Rückwege von Bagdad im März 1916 nach Konstantinopel am Euphrat entlang fahrend, Ihre reizenden Geschichten las, die mich in der trotz der Weltberühmtheit dieses Flusses überaus öden Umgebung desselben besonders herzerfrischend berührten.

EIN OBERLEUTNANT: Die Verse voll Kraft und Begeisterung wirkten direkt erhebend auf mich und meine Kameraden. »An mein Vaterland« müßte millionenfach verbreitet werden; es ist geradezu klassisch zu nennen.

EIN KOMPAGNIEFÜHRER: ... Die Bücher müssen sofort meine braven »Kerls« lesen. Draußen brüllen die Kanonen, »teils leichtere, teils schwerere« ... In dieser Umgebung habe ich einige schöne, frohe Friedensstunden erlebt, und das durch Sie ...

EIN KRIEGSFREIWILLIGER: Gestern las ich Ihr kräftiges Protestlied gegen die englischen Vettern. Wie habe ich mich gefreut! ... Es war mir ein Bedürfnis, dem lieben Meister einen herzlichen Gruß zu entbieten und ihm zu zeigen, daß ich auf meinem Platze stehe ...

EIN OBERLEUTNANT: Jede tapfere Zeile zündet wie eine pünktlich krepierende Granate. Ich bitte um einen Hinweis, wo Neues von Ihnen zu finden ist. Der Dank wird nicht ausbleiben.

EIN OBERMATROSE: ... denn es geht einem ja bekanntlich der Mund über, wenn einem das Herz voll ist.

EIN LANDSTURMMANN: Sie können mit Ihrer von Gott gesegneten Feder unserm Vaterlande mehr nützen als mit dem Bajonett.

BEDIENUNG der 9-cm-Geschütze, genannt »DIE STURMKOLONNE«: ... Unser Dienst läßt es aber nicht immer zu, daß alle daran teilnehmen, und so lesen wir den Roman doch lieber einzeln ...

EIN OBERLEUTNANT UND KOMPAGNIEFÜHRER: Bei Regen und Hagelschauern ließ ich »Sonne herein« in meine Erdhöhle ... Bei dem »Rauch- und Brandopfer« einer Liebesgabenzigarre träumte ich von »Fatima« und vergaß darüber fast Essen und Trinken, trotz Erbswurst und Speck.

ZWEI OFFIZIERE UND ZWEI UNTEROFFIZIERE: Vier wackere Schwaben grüßen den Verfasser des Herrn »Gutbier«. Wir liegen ebenso gern für deutsche Männer Ihrer Gesinnung im Felde, als wir wünschen, eine große Anzahl solcher »Gutbiers« bei uns zum Wasserschöpfen im Schützengraben zu haben.

EIN UNTEROFFIZIER: Ich erhielt zu Weihnachten durch einen Freund Ihre patriotischen Gedichte, und mache mit denselben hier großes Aufsehen, muß sie immer wieder vortragen.

EIN SOLDAT: Diese jedes brave Herz erhebenden Gedichte werden bestehen, solange die Welt deutsche Treue und englische Falschheit kennt.

EIN OBERMATROSE: Mir persönlich ist gewissermaßen die Otto Ernst-Verehrung schon in der Schule gekommen ... Dankbar dem Schicksal bin ich, daß es mir Gelegenheit gibt, dieses dem Dichter selbst mal sagen zu dürfen. Das Glück, im Gefecht zu stehen, haben wir noch nicht gehabt; unsere Zeit vergeht bis jetzt mit Warten. Aber einmal wird der Engländer uns wohl kommen müssen, und daß das bald geschieht, das wollen wir hoffen ...

EIN JUSTIZRAT: Das Otto Ernstsche prächtige Werk »Appelschnut«, welches in Ihrem Verlage erschienen ist, eignet sich in ausgezeichneter Weise zur Versendung ins Feld. Es würde manchem feldgrauen Familienvater große Freude bereiten. Ich möchte Sie bitten, eine wohlfeile Volksausgabe herstellen zu lassen. Es wäre doch außerordentlich schön, wenn das prächtige Buch möglichst vielen Familienvätern, die in der Front stehen, zugänglich gemacht würde.

EIN OFFIZIERSTELLVERTRETER: Bevor ich wieder in den Schützengraben steige, lese ich in Ihrem »Grüngoldnen Baum«, »Von zweierlei Ruhm« und anderes. Ich habe wieder mal herzliche Freude über ihren Humor und hoffe, daß die Wirkung auch im Granatfeuer nicht nachläßt.

EIN STABSARZT: Ich las Ihren offenen Brief an d'Annunzio. Mir aus dem Herzen gesprochen! ... Ich kämpfe mit dem Messer, Sie mit der Feder, jeder nach seinen Kräften. Die Hauptsache ist, daß wir durchdringen. Gott strafe England!

EIN GEFREITER: Ihr ausgezeichneter Humor half uns über manche trübe Stimmung hinweg und förderte den Unternehmungsgeist. Solche Schriften sind von patriotischer Bedeutung.

EIN OFFIZIERSASPIRANT: Von der Walstatt aus entbiete ich Ihnen, großer Meister und Freund der Jugend, meine herzlichsten Grüße! Möge es uns bald vergönnt sein, den schon aus vielen Wunden blutenden Feind röchelnd zu unseren Füßen zu sehen. Es lebe mein österreichisches Vaterland und mein großes unsterbliches deutsches Volk, die deutsche Kunst und ihre größten Diener! Heil dem Künstler, dessen Feuergeist für seines Volkes Ehre ficht!

EIN LEUTNANT UND DICHTER: Ja, Sie haben tausendmal recht, nein, sechsundsechzigmillionenmal! Denn in uns allen spukt (und spuckt) leider Gottes dieser »Gutbier«; wer hat nicht schon fremdes Verdienst geschmälert! ...

EIN OBERLEUTNANT: Haben Ihnen nicht manchmal die Ohren geklungen, wenn ich eines Ihrer Englandgedichte in Kasinos und Kadettenkorps vortrug? Gejubelt wurde genug, um es bis an die Küste zu hören.

EIN LEUTNANT: In der Telephonbude liegt ein Buch von Otto Ernst. Die Sonnenflecke spielen über die Seiten. Ich hab' so 'ne Freud' an Ihnen gehabt, so 'ne Freud' überhaupt bekommen am Morgen, daß ich ein Ventil haben muß für all den Frühlingsübermut in mir. Fortlaufen, durch den Wald laufen, in die Welt laufen möcht' ich! Verflucht, das möchte ich, wenn ich nicht meinen Posten hätt'! Was denn dann tun? Singen! Jawohl, das hilft mir immer! Gleich will mir nicht einfallen, was nun am besten zu schmettern wär. Husch — da ist der Gedankenblitz — schwupp, da liegt der Befehlsblock! Raus mit dem Bleistift — Otto Ernst soll einen Gruß haben! Guten Morgen, Otto Ernst! Wissen Sie auch, daß Sie ein ganz alter Bekannter von mir sind? Jawohl, Sempersjung, das sind Sie! ...

EIN FLIEGER (mit einem Bilde): Dem Dichter und Meister zum Danke für sein neues Buch, das mir den rechten Genuß brachte und uns stärken wird zu neuer Arbeit im Dienste der hohen Sache.

EIN UNTEROFFIZIER: Am Dienstag war hier an der Westfront Theater, und zwar gab man, verehrtester Dichter, Ihren »Flachsmann als Erzieher« bei überfüllten! Hause. Es war mein schönster Abend an der Front.


Das Preussische Kriegsministerium:

Kriegsministerium. Berlin W 66, den 18. Dez. 1914. Zentraldepartement. Leipzigerstr. 5.

Zur Stärkung des kriegerischen Geistes unserer Truppen würde das Kriegsministerium es dankbar begrüßen, wenn Sie die Erlaubnis zum Nachdruck nicht nur für »England«*) erteilten, sondern auch gestatteten, daß einige Gedichte in der den Feldtruppen regelmäßig zugehenden Zeitung »Parole« abgedruckt würden.

I. A.: Waitz.

*) Seine vorwiegend gegen England gerichteten Kriegsgedichte hatte der Dichter mit dem Vermerk versehen: »Nachdruck in Großbritannien und dessen sämtlichen Kolonien gestattet


Ferner: Eine Oberin; Ein Oberst; Vier Offiziere, darunter ein Oberlehrer; Ein Unteroffizier; Ein Kraftfahrer und stud. hist. art.; Ein Oberleutnant und Kompagnieführer; Ein kriegsgefangener Arzt in Sibirien; Ein Soldat; Ein Soldat; Kriegsgefangene Offiziere in Sibirien; Ein Landsturmmann; Ein Vizefeldwebel; Ein Leutnant; Ein Unteroffizier; Ein Armierungssoldat; Ein Feldwebelleutnant; Ein Soldat; Ein Pionier; Ein Gefreiter; Ein Internierter; Von Sr. Königl. Hoheit dem Kronprinzen von Bayern; Aus dem Kabinett Sr. Majestät des Königs von Bayern.

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So geht der Strandläufer von Sylt trockenen Fußes durchs rote Meer.

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 445-453, XVIII. Jahr

Wien, 18. Januar 1917.


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