März 1916



Das Lysoform-Gesicht


ist das der Zeit. Zu sehen, feixend, an allen Planken. Das Mittel ist eines der Mittel auf »—it«, »—in«, »—ol« und »—form«, die die Menschheit erst nötig hat, seitdem sie sie erfunden hat, und ohne welche es die Leiden nicht gäbe, gegen die sie erfunden wurden. Aber das Gesicht, das es empfiehlt, ist die Zeit selbst. Hierzulande, wo aller Verfall bunter und lauter ist als sonst in der Welt, vergeht einem Hören und Sehen, wenn man eine Planke entlang geht, nur die Zeit steht und feixt. Welch ein Tohuwabohu von Stillstand! Eine brüllende Proletenkunst feiert ihren orgiastischen Abschied vom Sinn des Lebens. Die Tobsucht empfiehlt das Lebensmittel, dessen Tyrannei den Verstand so weit gebracht hat. Die Ware ist rebellisch worden und jauchzt, springt, platzt vor Vergnügen, weil der Händler ihr die Haut des Konsumenten zur Hülle gab. Nein, an keiner Straßenecke des Fortschritts geht es so hoch her wie an der unsern. Das Ohr verspürt noch den Druck der eben verstummten Siegesschreie, deren Gewalt die Behörde eingedämmt hat, weil das Papier, nicht weil die Menschenwürde auszugehen drohte. Das Heroenzeitalter der Wiener Straße — bis auf den Sonntag, der als Unruhetag eingesetzt wurde, abgelaufen — hinterläßt im Gedächtnis einen letzten Glanzpunkt: »Kroßer Sick der Türken über die Russen: Erzerum genohmen!« Kein Schweigegebot aber unterdrückt die gemalten Extraausgabenschreie, die das Auge betäuben, die vernichtenden Anschläge der Gewinnsucht auf den Geschmack. Mestizen aus Weanern und Juden, das ewige Hindernis des Trottoirs, erscheinen in liebevoller Übertreibung noch an die Wand gemalt; ein Varieté von Wucher und Wohltat tanzt vor uns, peitscht den Lebensüberdruß zum Gaudeamus und eine Quadrille von Zentauren, halb Mensch, halb Ware, bestürmt uns, kein Spielverderber zu sein. Transzendente Antlitze von Gastwirten, melancholisch überschattete Judenbuben, die einen heitern Abend versprechen, obersschaumgeborne Aphroditen, Bulldoggs mit Hausmeistergesichtern, Mißgeburten, die strampelnd schon mit Gummiabsätzen zur Welt kommen, brave Soldaten, die außer sich vor Freude sind, weil Antinikotin siegt, während die Entente-Leute verbluten, weil sie nicht beim Jacobi kaufen — und über dieser Farbenhölle, die losgelassen ist, um die Zugkraft des Todes für ein niedriges Lebensinteresse zu verwerten, über diesem schüttelnden Fleckfieber der Zeit, über diesem Gliederkrampf von lebloser Feschität und ausgefressenem Marasmus: das gewitzte Ponem des Lysoformbengels, der zu wissen scheint, was er weiß, der sagen könnte, was er nicht sagen will, nämlich wofür das Mittel auch probat ist. Mit der lächelnden Miene eines, der eine Diskretion begeht, der sich auskennt, der in dem Punkt Erfahrungen hat, dem schon manches untergekommen ist, der viel erzählen könnte, wenn er wollte, schweigt er, und sagt: »Unentbehrlich für die Frauen.« Schweigt so die Zeit nicht? Sieht sie so nicht aus? Die Moral, die das Geschlecht verbietet und als Gegenstand des Humors für geschlossene Zirkel zuläßt, räumt ein, daß die Sache ernst ausgehen kann, und findet das komisch. Der Händler illustriert die Gefahr durch einen wissenden, eh schon wissenden Ladenschwengel, der mit gekniffenem Auge und dem von einem Ohr, das viel erlauscht hat, bis zum andern verzogenen Lächeln um keinen Preis verraten will, was er weiß, aber schließlich mit sich reden läßt. Die Passantin, der ein Rat erteilt wird, wird angegrinst und entschließt sich, weil Lysoform nun einmal so pikant sein soll, zu einem Kauf. Diesem Lockvogel ist nicht zu entgehen; diesem eingeweihten Schelm, der täglich Lysoform empfiehlt und am Sonntag auch die Plauderei schreibt, kann man nicht nein sagen. Keine Frau, keine Behörde. Solches Vorbild einer Moral, die längst Herrenabend gemacht hat, begleitet uns auf allen Wegen. So angeschaut, so von allen Sendboten der Hölle angerufen zu werden, ergötzt uns, stört uns nicht. Niemand beklagt sich, kein Steinhagel macht der Zumutung ein Ende. Und niemand erschrickt bei dem Gedanken, daß in einer durch gnädigen Zauber plötzlich ausgestorbenen Stadt diese Gesichter in ihrer überlebendigen Überlebensgröße überleben und uns in die Verwesung nachstarren könnten.

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 418-422, XVIII. Jahr

Wien, 8. April 1916.


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