November 1917



Eine prinzipielle Erklärung *)


Es hat vor einigen Monaten einen Augenblick in der Weltgeschichte gegeben, wo die Hoffnung aufleuchtete, daß diese zerschundene Maschine, die Mensch genannt wird, wieder zum Menschen werden könnte, und weil diese Hoffnung in Österreich geboren wurde, war's auch die Hoffnung, ein Patriot zu sein, Patriot im edelsten, längst nicht mehr vorrätigen, längst vergriffenen, längst ersetzten und verfälschten und nun plötzlich wieder lebendigen und heimatsberechtigten Sinne. Es waren Worte gesprochen worden, die mehr waren als Taten, denn sie waren die Erholung von Taten; Worte, deren letztes freilich wieder der Tat glich und darum dem Glauben die Aussicht auf Erfüllung entrückte. Dennoch, es war die Idee; nach dem verhängnisvollen Walten der Quantität doch etwas vom Geiste. Es war zum erstenmal aus dem Munde eines mitteleuropäischen Staatsmannes die Sehnsucht der Menschen bejaht worden, sich von dem furchtbarsten Erdenfluche, unter dem sie je seit Erschaffung ihren Nacken gebeugt hielt, durch ein Machtwort über sich selbst, also durch den Aufstand der Menschenwürde zu befreien, vom Militarismus nicht als einer wirtschaftlichen Last allein, sondern von dem Alpdruck der militaristischen Lebensanschauung, und nicht mehr jener, die einst als das Vorrecht eines Berufs das Leben auf die Spitze eines Säbels gestellt hat, sondern der Geistesrichtung, die das Leben unter dem Verhängnis tödlicher Zufallswirkungen und einer meuchelmörderischen Technik zum Ersatz für Menschenrechte und zur Sicherung merkantiler Interessen gefangen hält. Der Staat schien plötzlich der Menschheit Recht zu geben in ihrem bis dahin strafbaren Verlangen nach Selbstbefreiung aus der schmachvollsten Knechtschaft, in die ihr Erwerbsgeist die schuldige und unschuldige Kreatur gejagt hat, als ein organisiertes Schicksal über allem Lebendigen, Männern und Müttern, Säuglingen und Tieren, immer die würgende Faust zwischen die Sonne und dieses kurze Menschendasein gereckt. Daß diese Teufelsmacht es verstanden hatte, die Träger des staatlichen Machtideals herumzukriegen, sich gar die alte Glorie für ihre schmutzige Neuerung auszuleihen und schließlich durch den Tod der Menschheit zum hohnlachenden Triumph des Wuchers über den wehrlosen Schlachtensieg zu führen — dies ungeheuerste Erlebnis behält durch alle Wirklichkeit hindurch die närrische Gestaltung eines Fiebertraums, und die unter uns nicht stehlen, sondern nur fühlen, müssen in einem narkotischen Zustand die Zeit durchschreiten, um dieses Unmaß von Phantastik außerhalb des Tollhauses durchzuhalten. Wie könnte uns Vernunft und Ehre sonst erlauben, Raumgenossen dieser Zeitgenossen zu sein? Wie könnten wir seit vier Jahren in dieser Hyänenluft den Lebensmut aufbringen, uns um das tägliche Brot zu quälen? Nun war's ein Augenblick, zu glauben, die Menschheit hätte die Prüfung bestanden und sei reif zur Reue. Nicht mehr werde es künftig die ingeniöse Phantasiearmut vermögen, uns in diese Delirien zu treiben. Der menschheitswidrige Gedanke, der den Lebenszweck dem Lebensmittel und also dem Todesmittel unterstellt hat, liege in den letzten Zügen. Nicht fortsetzbar sei der Zustand, daß nicht nur einer Klasse von Buntgekleideten Gewalt über die Farblosen gegeben ist, sondern daß alle auf einmal durch ein Zauberwort bunt werden können, alle über alle Macht gewinnen, alle vor allen Ehre gewinnen, alle gezwungen sind, einander zu grüßen und allerhand Hochachtung vor einander zu haben. Ich, der ich vor der Gesellschaft um so weniger Hochachtung habe, je mehr sie in ihrem eigenen Ansehen steigt, der sie im Gegenteil erst dann auf das tiefste mißachtet, sobald sie ihre abgelebten Machtvorstellungen mit ihrer frischen Raubgier verbündet, sich selbst zu wechselseitiger Bewucherung mobilisiert und einen Jargon aus Fibel und Börse nachbetet, wenns die gute Sache der allgemeinen Peinigung gilt — ich muß bekennen, daß ich an den Entschluß zur Einkehr, an den Ernst der Erkenntnis, daß die Zukunft des Geschlechts bei Kant besser als bei Krupp aufgehoben sei, ernsthaft geglaubt habe. Die Einfalt kann eine Wahrheit nicht schnell genug erleben, und sie fühlt sich nicht beschämt, wenn sich herausstellt, daß ein Staatsmann zwar einmal die Wahrheit gesagt, aber an sie nicht geglaubt hat. Wenns noch zu früh ist, warte nur balde wird die Weltanschauung, die diesen Krieg bewirkt hat und die sich mit Gott durch jeden Tag des Siegs widerlegt, sich, sagen wir bis zum letzten Hauch von Mann und Roß erledigt haben. Möge es dann noch Zeugen geben! Und hätte sie's freiwillig rechtzeitig getan, wie schön wäre es gewesen und hätte dem Krieg fast die Weihe eines Plans verliehn. Nun aber haben wir von Kant zu Krupp heimg'funden und in Tat und Wort neuerdings erfahren, daß wir bei jenem uns nur so pro forma aufgehalten haben und daß wir auch weiterhin damit vorlieb nehmen wollen, Feldherrn zu Ehrendoktoren der Philosophie zu machen. Und aus dem Munde des schlechtesten und deshalb wichtigsten Menschen, der heute in Österreich zur Öffentlichkeit spricht, haben wir Schwärmer die Aufklärung empfangen, daß die Botschaft der letzten sittlichen Errettung der Menschheit ein »Handgriff« war. Man höre:

— — — Es liegt in der Persönlichkeit des Grafen Czernin, daß er das Verschleppen und Gehenlassen nicht leicht erträgt. Er hatte sofort das Bedürfnis, das Evangelium des Präsidenten Wilson, das jedoch nicht den Frieden, sondern den Krieg bringen sollte, in unsere diplomatische Sprache zu übersetzen. Die Menschen, die vom Schwünge seiner Rede in Budapest gefesselt waren, haben zuweilen übersehen, welche praktische Veranlagung sich darin zeigte und wie groß die Verlegenheit der Entente über den Handgriff war, mit der ihr eine Waffe entwunden worden ist. Nicht etwa, daß Graf Czernin die Gesinnung, zu der er sich bekannte, nicht vollständig in sich aufgenommen hätte. Der Diplomat braucht solche Meinungen als Zielpunkte, aber das tägliche Leben hat auch andere Bedingungen.

Das tägliche Leben, das tägliche Sterben. Halten wir's durch! Warten wir ab, wie lange diese Bedingungen ihre Tragfähigkeit und Geltung bewahren. Es kommt die Zeit, wo stärker als der siegreichste Staat die Erkenntnis sein wird, daß kein Machtzuwachs, aber selbst nicht die Machterhaltung den Verlust an Lebenswerten, den sie bedingen, lohnen kann. Ich spreche gegen die Hochverräter der Menschheit! Ich spreche im Namen einer Irredenta des sittlichen Ideals! Die in der deutschen Ideologie befangene Welt weiß es nicht — aber ich habe schon im Jahre 1914 nicht gezweifelt, daß dies ein Religionskrieg ist, geführt von der nüchternsten Welt gegen eine, die die eigene Nüchternheit mit abgelegten Machtfetzen »aufmachen« und gar exportieren wollte. Ich erlebe die Genugtuung, daß diese schmerzlichste Intuition nun von Männern, die im praktischen Leben das Lügen nicht erlernt haben, bestätigt wird. Weder den, der nur geahnt, noch die, welche wissen, darf es bekümmern, daß die wahren Hochverräter an der Menschheit, und am Vaterland selbst, für diese Erkenntnis den Vorwurf des mangelnden Patriotismus bereit halten. Wie es die Staaten anstellen werden, das Glück ihrer Bürger mit jenen Interessen zu vermählen, die ihnen bisher die wichtigeren waren, darüber mögen sich Politiker den Kopfzerbrechen, wenn er ihnen nur erst einmal mit Ehrfurcht vor dem Sinn des Lebens angefüllt ist. Ich habe nur zu wissen, daß jener Staat der Sieger sein wird, der die größte moralische Macht aufbietet, dem, was er bisher als Übel empfunden hat, nicht zu wehren, und der im plötzlich ausbrechenden Wettabrüsten den andern voran sein wird. Es ist unmöglich, daß der Fortschritt in der Verbreitung giftiger Gase die Entwicklung eines Gedankens aufhalten kann; es sei denn, daß es ihm inzwischen gelingen könnte, die Menschheit in einen lorbeerumhüllten Leichnam zu verwandeln. Da ich Gott sei Dank nur Optimist und nicht Staatsmann bin, also auch keineswegs imstande, meine Überzeugung einer noch vorrätigen Kriegskarte anzupassen und meinen Gottesglauben erforderlichenfalls als Handgriff einzubekennen, so kann ich nicht anders als aussprechen, was ich zugunsten der Menschheit denke. Und selbst wenn das Aussprechen auf technische Schwierigkeiten stieße — ich meine da nicht nur den Überfluß an Paragraphen, sondern auch die Not an Papier, die das Erscheinen meines Wortes in Frage stellt, während sie das Erscheinen der Zeitschande ermöglicht —, nun, auch dann wäre das Denken stark genug, schon ganz von selbst durch die Dünste eines Zeitalters zu dringen. Denn das Ärgste, was dem Menschen bekanntlich passieren kann, ist, daß er einrückend gemacht wird; nie aber könnte er nicht denkend gemacht werden und selbst der tödliche Zufall, dem er ausgesetzt wird, kann an der eingebornen Disposition nichts ändern, weil ein einmal gedachter Gedanke stärker ist als eine millionenmal vollbrachte Tat. Die Kloake in einem Schützengraben reinigen ist überdies eine belebende Separation von der Wirkungssphäre jener, die sich dort Schatzgräber halten, und wo immer ich innerhalb dieser Zeit stünde, mein stummer Blick träfe sie vernichtender, als sie mir leiblich nahe kommen könnte, und darüber hinaus! Mir, das mögen sich alle Rädelsführer dieser Gegenwart gesagt sein lassen, kann nichts mehr geschehn, seitdem ich eine Mannheit, die sich auf den Wink ihrer Habsucht der Maschine ergeben hat, für entehrt halte und eine Weibschaft nicht minder, welche ihr Instinkt nicht davor bewahrt hat, hierin eine Befriedigung ihres mütterlichen oder erotischen Stolzes zu erblicken. Die Hoffnung also, daß die Menschheit um ein paar Jahre früher als sie dazu gezwungen sein wird, an Gott glaube — ist vorüber. Mir bleibt keine als die, daß die Zeit, von der jeder einzelne Staat glaubt, daß sie für ihn wirke, gegen sie alle wirkt. Die Menschheit aber, wenigstens die hiesige, scheint sich noch mit einer andern Hoffnung fretten zu wollen. Es ist die Hoffnung — man lache nicht vor dem Tragischesten, das uns dieser Karneval beschert hat — es ist die Hoffnung auf Hebung des Fremdenverkehrs. Wie das? Ich will es beweisen.

Ein englischer Journalist hatte den törichten Einfall, den Deutschen aufzubringen, daß sie »aus Kadavern«, er meinte aus Soldatenleichen, Fett gewinnen. Die Deutschen, nicht faul, faßten gleich den Plan zu einer wissenschaftlichen Arbeit, die nun im Auftrag des Berliner Auswärtigen Amtes flott von statten geht — der Beweis ist in meinen Händen —, also den Plan zu einer wissenschaftlichen Arbeit zu internationalen Propagandazwecken, wie es ausdrücklich heißt; sie sammeln wirklich und wahrhaftig Material, aus dem hervorgehen soll, daß die Engländer und Franzosen schon seit jeher aus Menschenleichen Fett und Öl produziert haben. Diese Kulturpropaganda hat in den Tagen unserer Postulate nach einem Verständigungsfrieden praktisch eingesetzt. Der Unglücksmensch, ein gewisser Schultze, den das Amt mit dieser Arbeit betraut hat, ist von einem Spaßvogel in Hamburg dazu verfuhrt worden, mich um fachmännische Unterstützung, »aus dem Schatze meiner Kenntnisse« wie er sagt, anzugehen, wobei das Wort »ausgerechnet« zum erstenmal seit dessen Entstehung am Platz sein dürfte. Wollte ich das Dokument vorlesen, man würde an die Geistesverfassung in Alldeutschland mit gesträubten Haaren glauben lernen. Das Werk wird den Titel führen: »Grab- und Leichenschändungen durch Engländer und Franzosen«, die deutsche Wissenschaft ist am Werke. Und Österreich? Österreich hat dafür den Fremdenverkehr. Das heißt, es hat ihn nicht und das war sein Verderben. Man lache nicht! Was es mit der Fettgewinnung aus Soldatenleichen zu schaffen hat? Es ist das nämliche; man höre:

DER FREMDENVERKEHR NACH DEM KRIEG.

Äußerungen des Leiters des niederösterreichischen Landesverbandes für Fremdenverkehr Generalsekretär Hauptmann Gerenyi.

Bekanntlich fand dieser Tage im Anschluß an die Tagung der ärztlichen Abteilungen der waffenbrüderlichen Vereinigungen ein Gedankenaustausch unter Vertretern der Fachgruppen für Fremdenverkehr der waffenbrüderlichen Vereinigung Deutschlands, Ungarns und Österreichs statt. — — Nun werden selbstverständlich die französischen und belgischen Fremdenverkehrsplätze aller Voraussicht nach von den Reichsdeutschen nicht aufgesucht werden. Für die Nordseebäder bietet ja die deutsche Küste ausreichenden Ersatz. Die französische Riviera mit ihren klimatischen Vorzügen als Frühlings- und Herbstaufenthalt zu ersetzen, dazu ist sicherlich die österreichische Küste der Adria vorzüglich geeignet, die demnach auch einen großen Fremdenzufluß zu erwarten haben wird. Außerdem werden die Alpenländer mit ihren hervorragenden Kriegserinnerungen einen Anziehungspunkt des mitteleuropäischen Reisepublikums bilden, wie schließlich auch der pietätsvolle Besuch der Heldengräber und Soldatenfriedhöfe eine lebhafte Verkehrsbewegung zur Folge haben wird. Es handelt sich ja, unser Haus wiederum zu bestellen ....

Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben! sagt Jesajas. Und nichts, was wir seit dem 1. August 1914 mit starren Augen gelesen haben, vermöchte an dieses hinanzureichen. Gefallen zur Hebung des Fremdenverkehrs! Keine Heiterkeit, die sonst mit den Hanswurstiaden unserer Fremdenverkehrssehnsucht verbunden bleibt, dämpfe das Grauen dieser Idee. Als die Reste des Regiments von Uszieczko vor einem Theaterparkett defilieren mußten, wähnte ich, die Entmenschung sei nicht mehr zu überbieten. Nun aber sollen die Toten des Regiments zur Parade vor den zahlenden Besuchern! Gefallen zur Hebung des Fremdenverkehrs! Nein, aller Abscheu vor allem, was diese Zeit uns angetan hat, trete scheu zur Seite vor diesem Plan. Meine Metapher ist wahr geworden: Wir lugen, schrieb ich, noch auf Leichenfeldern nach einem Fremdenverkehr und wir können es uns nicht versagen, schrieb ich, die endlich herankommenden Hyänen zu würzen. Nun wird es mir buchstäblich erfüllt! Die Gesellschaft, die nach Heringsdorf ging, ehe sie der Menschheit den Krieg ansagte, soll unsere Soldatengräber besichtigen kommen, so hoffen wir Waffenbrüder. Wenn sich der noch lebendige seelische Rest in uns gegen diese Erfüllung, gegen diese Erwartung nicht aufbäumt, so werden es die irdischen Reste unserer Toten tun! Und wenn sie's nicht tun, weil selbst der Tod von dieser Diebszeit um sein Wunder geprellt wurde, wenn sich unter uns kein Rächer dieses Frevels erhebt — ich werde fern von der Landesgrenze sein, innerhalb deren es sich begeben soll, in Gegenden, in denen die Sprache, die ich schreibe, nicht gesprochen und darum besser verstanden wird. Die Fremden mögen kommen — um einen Einheimischen, der diese Blütenträume reifen sieht, wird es weniger geben. Ich bestelle mein Haus! Ich gehe zu den Fremden! Keine Macht wird stark genug sein, mich bei lebendigem Leib zu zwingen, der Mitbürger jener Menschen zu bleiben, die es erdacht haben und die es geschehen ließen. Denn nie, solange ich Atem habe, werde ich zugeben, daß mir meine Freunde getötet wurden, damit einer aus Berlin, der daran verdient hat, ihre Gräber besichtigen könne und Geld unter die Leute komme. Solange es unwidersprochen bleibt, solange nicht feierlich kundgemacht wird, daß es nie gesprochen wurde, erkläre ich den Staat und jeden seiner Bürger, die es gelesen oder durch meinen Bericht empfangen haben und es dennoch geschehen ließen, alle Amtlichkeit und Sozietät an dem Gottesfrevel für mitschuldig! Unwürdig des tragischen Inhalts dieser durchlittenen Jahre! Unwert der Ehre, daß ein toter Soldat in den Alpen begraben liegt! Und wehe der Gewalt, die die Wirksamkeit dieses Fluches anzutasten wagt!

 

_______________

*) Gesprochen am 11. November 1917.

 

 

Vgl.: Die Fackel, Nr. 484-498, XX. Jahr

Wien, 15. Oktober 1918.


 © textlog.de 2004 • 15.12.2017 05:16:12 •
Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2007 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright Die Fackel: » Glossen » Gedichte » Aphorismen » Notizen