a) Vokale: Steigerung, Schwächung, Dehnung, Kürzung


Eine Steigerung zu Diphthongen erfuhren schon in ältester Zeit die Vokale i und u; sie wurden nämlich zu ai, das sich häufig zu ei, ii oder î schwächte, und zu au, das sich häufig zu eu und iu schwächte, gesteigert. Ein solcher rein äußerlicher Lautwandel ist der Übergang des mittelhochdeutschen î in den Diphthong ei, des û in au und des iu in eu. Diese Umwandlung, die Wilhelm Braune mit Recht als ein sprachliches Naturereignis bezeichnet hat, vollzog sich zuerst im bayrischen Dialekte, und zwar seit dem 12. Jahrhundert, allgemeiner wird sie am Ausgange der mittelhochdeutschen Sprachperiode. Namentlich die Kanzleisprache nimmt diesen Lautwandel auf, von da dringt er in die neuhochdeutsche Schriftsprache und wird ein wichtiges Kennzeichen des neuhochdeutschen Sprachstandes. Aus mhd. lîp wurde Leib, aus wîp Weib, aus mîn mein, aus dîn dein, aus sîn sein, aus hûs Haus, aus mûs Maus, aus triuwe Treue, aus hiuser Häuser, aus niuwe neu usw.

Umgekehrt erfuhren viele Vokale im Laufe der Zeit eine Schwächung. Die Diphthonge uo und io (mhd. ie) vereinfachten sich zu u und ie (= î), die volleren Vokale a, o, u, i der Bildungs- und Biegungssilben wurden im Laufe der Zeit, da sie nebentonig oder tonlos waren und deshalb rascher und weniger deutlich ausgesprochen wurden, zu e geschwächt, z. B. got giutan, ahd. giozan, mhd. giezen, nhd. gießen; got. biudan, ahd. biotan, mhd. bieten, nhd. bieten; mhd. bluome, nhd. Blume; mhd. guot, nhd. gut; ahd. zungâ, mhd. zunge, nhd. Zunge; ahd. silabar, mhd. silber, nhd. Silber; ahd. tagum, mhd. tagen, nhd. Tagen usw.

Endlich haben kurze Vokale der Stammsilbe infolge des auf dieser ruhenden Haupttones im Neuhochdeutschen häufig eine Dehnung erfahren. Aus mhd. văter wurde nhd. Vāter, aus săgen sāgen, aus vărn fāhren, aus hăn Hāhn usw. Umgekehrt haben lange Vokale nebentoniger oder unbetonter Silben eine Kürzung erfahren, z. B. mhd. vridelîch, nhd. friedlich, mhd. Vriderîch, nhd. Friedrich u. a.


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