Vergleichende Darstellung
der deutschen Vor- und Nachsilben


Bevor der Ausländer sich in das Studium der deutschen Synonymen vertieft, dürfte es von Vorteil für ihn sein, die Hauptpunkte der deutschen Wortbildungslehre kennen zu lernen, da gerade diese für die Sinnverwandtschaft der Wörter oft von maßgebender Bedeutung ist. Die Wortbildungslehre beschäftigt sich mit der Entstehung und fortschreitenden Gestaltung der Wörter und Wortformen. Die Veränderungen der Wörter durch Flexion jedoch gehören nicht in das Gebiet der Wortbildungslehre. Die sprachliche Entwicklung, die im Laufe der Zeit zu bestimmten Veränderungen und Umgestaltungen der Wörter führt, findet nach zwei Seiten hin statt: 1. in bezug auf die Lautform; 2. in bezug auf die Wortbedeutung. Beide Veränderungen können für sich allein auftreten, können aber auch gleichzeitig zusammenwirken. Jede Veränderung der bloßen Lautform heißt Lautwandel. Die Veränderung der Wortbedeutung dagegen, bei der eine Veränderung der Lautform nicht mit auftritt, heißt Bedeutungswandel.

Lautwandel ist es z. B., wenn a in ä, o in ö, u in ü übergeht, z. B. Wald, Wäldchen, Hohn, höhnen, gut, gütig. Bedeutungswandel ist es, wenn Zimmer, d. i. ursprünglich Bauholz, in die Bedeutung: "etwas aus Bauholz Gezimmertes, eine Stube" übergeht. Tritt zu dem Lautwandel zugleich eine Veränderung der Bedeutung hinzu, so nennt man das Formenwandel. Wenn sich im Neuhochdeutschen bei vielen Zeitwörtern in der Vergangenheit der Vokal des Singulars und Plurals einander angeglichen haben, z. B. ich ritt, wir ritten (statt mittelhochd.: ich reit, wir ritten); ich band, wir banden (statt mittelhoch.: ich band, wir bunden) usw., so ist das ein Formenwandel. Diese Formenausgleichung ist hier durch Analogiebildung herbeigeführt worden, indem diese Zeitwörter im Neuhochdeutschen sich nach dem Vorbild der überwiegenden Mehrheit aller Zeitwörter richteten, die im Singular und Plural der Vergangenheit gleichen Vokal hatten, wie: trug, trugen; gab, gaben; rief, riefen; schlief, schliefen usw. In der Analogiebildung haben wir die häufigste Gestalt des Formenwandels, so daß man kurz sagen kann: Lautwandel, Bedeutungswandel und Analogiebildung sind die umgestaltenden Kräfte aller Wort- und Sprachentwicklung.


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