Legende vom Urvolk


Und nun vergleiche man mit diesem resignierten Ergebnis der Anthropologie diejenige Lehre, welche als Ergebnis der ethnologischen Sprachwissenschaft heute noch allen Gymnasiallehrern eingepaukt wird und welche gerade jetzt, wo die Forscher der Verzweiflung nahe sind, das Publikum in populären Werken erobert. Da weiß man die Geschichte der Einwanderung beinahe dramatisch zu erzählen, da kennt man die Stationen der Einwanderer, da berichtet man nicht nur über die Staatseinrichtungen des Urvolks, sondern sogar über den Charakter derjenigen Bevölkerung, die sie aus Europa verdrängten. Das waren Hunnen, denn der Name der Heunen oder Riesen komme schon vor der Zeit des Hunneneinfalls bei den Germanen vor. Die Hünengräber werden zu Beweisen herangezogen und sogar der Name der unschuldigen Humboldt. Doch die Annahme einer ganz fremden Urbevölkerung Europas stört die schönen Freskobilder nicht, welche die Sprachwissenschaft von der Urgeschichte der Indoeuropäer, insbesondere der Germanen entwirft. Dass die Geschichte danach schreit, überall in Europa Mischvölker und darum Mischsprachen anzunehmen, dazu drückt die Sprachwissenschaft beide Augen zu. In Pauls "Grundriß der germanischen Philologie" wird aus Anlaß der Vorgeschichte altgermanischer Dialekte allerdings auf "dunkle Beziehungen" hingewiesen. Bei einem Dutzend von alten Worten (darunter unser Apfel) wird ja zugestanden, dass sie möglicherweise von einer nicht-arischen Urbevölkerung Europas herstammen mögen. Man wagt aber das Wort Mischsprache kaum niederzuschreiben. Wie könnte man dann auch weiter deklamieren über die Reinheit der Rasse und über die Reinheit der Sprache, wenn man klar erkannt hätte, was im Gange der Zeiten geworden sein muß auf dem alten Boden Europas: Menschen wohnten da und nährten sich und redeten miteinander. Niemand kann sagen, seit wann da Menschen wohnten und Menschen redeten. Niemand kann sagen, wie die Berge sich senkten und hoben seit jenen Zeiten, welche Art von Getier mörderisch wütete und neugierig glotzte unter den redenden Menschen. Niemand kann sagen, wie Hitze und Kälte sich in endlosen Zeiten heraufschoben und hinabschoben über den grünen Gürtel der Erde, wie das den grünen Gürtel versengte bald mit Frost, bald mit Hitze, die Menschen, die Völker dort verbrannte und dort erstarren ließ. Niemand kann sagen, welche Völker all in unermessenen Zeiten einander drängten und bedrängten und trieben und vertrieben. Es waren alte Zeiten, und die hungernden Völker fraßen einander und nahmen voneinander ihre armen Seelen und ihre armen Sprachen. Und das Wort, welches von Aeonen zu Aeonen beim Weltfrühlingsgruß der erstarkten Sonne zugerufen wurde, es würde heute noch unverändert erklingen am obersten Rheintal wie vor ungezählten Jahrtausenden, wenn wir nur wüßten, dass das Rheintal damals schon war, und wenn die Sprachen nicht alterten und stürben, kurzlebiger wie Eichen. So hat der Schrei, mit dem in irgend einer Urzeit der Erde die erstarkende Weltfrühlingssonne begrüßt wurde, in Wandlungen von ungezählten Epochen vielleicht seine Form gewechselt, wie der Schmetterling aus der Raupe wird und aus dem Schmetterling die Raupe. Auch wenn der Wandel unmerkbar bleibt in Jahrhunderten, einmal kommt doch der völlige Wechsel und ewige Unerkennbarkeit, und niemand kann sagen, welche Geschichte die Sprachen hatten, die vor dreitausend Jahren hier in Deutschland gesprochen wurden.

Niemand kann auch sagen, wie es gekommen ist, dass wir heute hausen in diesen Gegenden und dass wir unsere liebe Muttersprache reden, wie wir sie reden. Dass fremde Völker von den Gebirgen Asiens gekommen sind, die Urbevölkerung Europas niedergemacht oder vertrieben haben und ein reines Volk und eine reine Sprache gründeten, das. mag ja gern möglich sein, möglich wie manches andere hübsche Märchen der Brüder Grimm. Aber es ist ebensogut möglich, dass dieses Volk von anderswo herkam, oder dass es zu einer ganz anderen Zeit herüberkam oder dass es gar nicht kam. Es ist möglich, dass ein deutsches Volk in vorgeschichtlicher Zeit auf großen Eroberungszügen den Indern und Slawen, den Griechen und Kelten viele seiner Worte beigebracht hat, es ist auch möglich, dass eines von diesen Völkern das Eroberervolk war. Es ist sogar möglich, dass ein ganz anderes Volk, das wir gar nicht kennen, das Urvolk, der Sprachlehrer Europas und Indiens war. Was zu solchem Nachdenken veranlaßt, das ist ja doch nur die hübsche Bemerkung, wie von all diesen Völkern bald das eine, bald das andere mit einem seiner Nachbarvölker ein paar hundert Dinge so ähnlich nennt, dass es zu verwundern ist, und wie insbesondere — wie trumpfen die Sprachforscher dabei auf — auch ähnliche Bildungssilben nachzuweisen sind. Niemand aus unserer neualexandrinischen Zeit kann sich dem Reize solcher Forschungen verschließen. Wirklich anmutig träumt sich das Märchen zusammen von der Herkunft solcher Wunder. Und ich träume von einer so alten Zeit, dass die Bildungssilben noch saftige Worte waren, wie die Forscher ja auch lehren, dass die Bildungssilben noch lebendig und greifbar waren, dass sie also noch von einem Volke zum anderen herübergenommen werden konnten wie wichtige Erfindungen und wie wohlschmeckende Früchte, wie die große neue Erfindung des Eins, Zwei, Drei und wie die prächtige Züchtung der saftigen, lebendigen, greifbaren süßen Äpfel.


 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 02:29:40 •
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