Politik


Wir wollen sie weiter träumen, wenn es sein muß, die veränderliche Legende vom arischen Urvolk und der arischen Ursprache, aber wir wollen nicht mehr glauben, dass diese Legende Erkenntnis sei und Wissenschaft. Wenn es einmal zum blutigen Kriege kommt zwischen uns und einem Mongolenvolke, so sollen uns die Dichter in den Krieg hineinsingen mit ihrem Zorn gegen die Feinde, die nicht Arier sind. Wenn es neuerdings gegen Frankreich geht, so mögen die Nachkommen der anonymen Urbevölkerung Europas wahrsagen, dass die Franzosen keine Germanen sind, sondern Kelten. Und wenn es zur großen Abrechnung mit Rußland kommt, so werde ich wahrscheinlich selbst rufen und wahrsagen, dass diese Russen den Tod verdienen, weil sie ein elendes Mischvolk sind und keine reine Rasse. Es scheint, dass die Völker nicht leben können, ohne ihren Hunger durch ihren Haß zu adeln. Nur in einem lichten Momente des Friedens, wenn wir ruhig sind wie einst im Grabe, dann können wir vielleicht einen Blick der Wahrheit auffangen und sagen: Die armen Völker! Nur um ein paar Meilen brauchten die Gletscher des Nordens zurückzutreten und grünende Täler zu öffnen, nur um hundert Meter brauchten die Kontinente sich aus dem Meere zu heben, und für lange Zeit wäre der Hunger der drängenden Menschen gestillt; dem Hunger brauchte der Haß nicht zu Hilfe zu kommen.

Kaum aber ahnt solche Empfindungen die ethnologische Sprachwissenschaft. Unbewußt steht auch sie im Dienste des Hungers, der Liebe und der Eitelkeit, unbewußt sträubt sie sich gegen die Annahme großer Zeiträume im politischen Dienste ihres Volkes. Und vielleicht spricht noch ein anderes mit. Wie die Menschheit erschrak, als sie ihre alte Erde nicht mehr fest im Mittelpunkte der Welt sehen sollte, als der Menschheit der Weltenbau zu wanken schien, sobald das Gehirn des Einzelmenschen nicht mehr das Zentrum dieses Weltbaus war, so schaudert dieselbe kindliche Menschheit bei dem Gedanken, dass das Maß der Weltgeschichte plötzlich verrückt werden könnte. Die 1000 Jahre eines Volkes oder einer Sprache sind ein erträgliches Maß, wenn die Menschen erst 6000 Jahre auf der Erde leben und streben. Müssen wir aber an eine ungemessene, für unsere Betrachtung unendliche Entwicklung denken, so verschwinden 1000 Jahre eines Volkes und einer Sprache in der Flut der Zeiten, wie die Erde im Weltenraume. Der Einzelmensch taumelt in seiner Kleinheit vernichtendem Gefühle. Nur wenige sind stark und, taumeln nicht und wissen lächelnd, dass Kleinheit und Größe nur Worte sind, Verhältnismaße, nichts Wirkliches.


 © textlog.de 2004 • 22.10.2017 13:59:41 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
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