Eiszeit


Die Berechnungsmethoden großer geologischer Zahlen sind für die Hebung von Skandinavien, für die Schlammablagerungen des Nils und des Mississippi stark in Zweifel gezogen worden. Anders steht es mit der Lehre von der Eiszeit; die ersten Beobachtungen, auf welche sich die Annahme einer oder mehrerer Eiszeiten gründet, sind bekanntlich nicht von einem Gelehrten gemacht worden, sondern von einem ganz ungebildeten Schweizer Gemsjäger namens Perraudin. Über diese Beobachtungen, dass nämlich die Gletscher einmal weit hinaus über die jetzt fruchtbarsten Täler gereicht haben müssen, dass nur durch die Bewegung des Gletschereises der Transport der ungeheueren erratischen Blöcke verständlich sei, darüber ist die Wissenschaft im wesentlichen nicht hinausgekommen. Die Forschungen der Mineralogen, welche den Ursprung solcher Blöcke aus der Gleichheit des Minerals genau feststellten, die Herstellung von Moränenkärtchen, ja selbst die interessanten Versuche unseres Helmholtz, die die Elastizität des Eises unter starkem Drucke nachweisen, waren nur etwas genauere Beschreibungen der Tatsache, welche dem Schweizer Gemsjäger bekannt war.

Größeren Wert hätte es für die Wissenschaft, wenn man die Ursache der Eiszeit, die Ursache ihrer größeren Kälte nämlich erforscht hätte. Denn da zur Eiszeit ganz gewiß schon Menschen in Europa lebten, so ließe sich vielleicht aus den Bedingungen der Eiszeit auf die Bedingungen menschlichen Lebens und damit auf das Alter des Menschengeschlechtes in Europa schließen. Die Wissenschaft ist aber sehr weit davon entfernt, über die Ursache der Kälteperiode irgend etwas ausmachen zu können. Nur eins scheint wichtig und gewiß zu sein, dass die früheren phantastischen Vorstellungen von einer unerhörten Kälte und von einer Vergletscherung der ganzen Erde unrichtig waren. Man hat ausgerechnet, dass eine Verminderung der mittleren Temperatur um vier Grade hinreichen würde, um die Gletscher des Berner Oberlandes wieder bis gegen Basel reichen zu lassen. Und es will mir scheinen, dass gerade die Kleinheit dieser Temperaturdifferenz ihre Erklärung besonders erschwert. Ganz und gar in das Gebiet dichterischer Träume gehört es, wenn man den Grund der Erkältung der Erde darin suchen will, dass die Sonne auf ihrem vermuteten Wege durch den Himmelsraum einmal in eine kältere Region geraten sei. Sollte gar die Temperatur des Weltraums sich allgemein dem absoluten Nullpunkte nähern, so wäre dieser Traum völlig sinnlos. Wir wissen darüber wirklich nichts Gewisses. Fast ebenso ist eine frühere bedeutendere Erhebung der Alpen, die Ablenkung des warmen Golfstroms durch eine andere Gestaltung der englisch-französischen Küste, fast ebenso ist die Abkühlung der Sahara durch Meeresbedeckung und Ausbleiben des Föhnwindes infolge dieses Umstandes — fast ebenso sind alle anderen Erklärungen nur Veranlassungen zu geistreichen Ideenassoziationen, weiter nichts.


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