Periodische Eiszeiten


Ganz anders wäre es, wenn die Eiszeit wirklich mit der Bewegung der Erde in Zusammenhang stünde, wie gelehrt worden ist. Damit wäre auch die Eiszeit, oder vielmehr die Eiszeiten, ebenso wie der gewöhnliche Lauf der Jahreszeiten auf der Erde, aus der einfachen großen und schönen Hypothese der Gravitation erklärt. Es handelt sich dabei um die periodische Wiederkehr der Erde in eine frühere Stellung zur Sonne. Die Ziffern der Astronomie sind genauer als die der Geologie. Man weiß, dass der Rhythmus dieser Erdbewegung einen Zeitraum von einundzwanzig Jahrtausenden umfaßt. Da unabhängig von dieser Hypothese auf unserer Erdhälfte allein (in jeder Periode von einundzwanzig Jahrtausenden müßte auch die südliche Erdhälfte ihre Eiszeit haben) zwei Eiszeiten festgestellt worden sind, so würden diese Beobachtungen den bescheidenen Zeitraum von 42 000 Jahren umfassen. Ferner läge die Sache nach dieser Hypothese so, dass wir uns gegenwärtig — allerdings sehr langsam und erst im Beginn stehend — einer abermaligen Eiszeit annähern, dass die wärmste Periode ins 13. Jahrhundert nach Christi Geburt fiele, dass der letzte Höhepunkt der Kälte auf unserer Halbkugel im 10. Jahrtausend vor Christi Geburt gewesen wäre.

Ich will diese astronomischen Verhältnisse mit den Worten Herbert Spencers wiedergeben, weil dieser große Sammler an der anzuführenden Stelle (Grundlagen der Philosophie, deutsch von Vetter S. 261) gar keine chronologische Nebenabsicht hat, vielmehr die veränderliche Richtung der Erdachse nur als ein Beispiel für seine Vorstellung von einem allgemeinen Rhythmus aller Bewegung anführt. Er sagt: "Jeder Planet bietet der Sonne zur Zeit seiner größten Annäherung an dieselbe während eines bestimmten, sehr langen Zeitraums einen größeren Teil seiner nördlichen als seiner südlichen Halbkugel, und dann wieder während eines gleichen Zeitraums einen größeren Teil seiner südlichen als seiner nördlichen Halbkugel dar: und dieses wiederkehrende Verhältnis, obwohl es auf mehreren Planeten keine wahrnehmbaren klimatischen Veränderungen hervorbringt, bedingt doch für die Erde eine Epoche von 21 000 Jahren, während welcher jede Halbkugel einen Kreislauf von gemäßigten zu außerordentlich heißen und kalten Jahreszeiten durchmacht. Ja noch mehr: innerhalb dieser Veränderung besteht noch eine weitere Veränderung. Denn die Sommer und Winter der ganzen Erde treten in mehr oder weniger starkem Gegensatz auf, je nachdem die Exzentrizität ihrer Bahn zu- oder abnimmt. Sonach müssen die Epochen der gemäßigt verschiedenen und die Epochen der bedeutend verschiedenen Jahreszeiten, welche jede Halbkugel abwechselnd durchläuft, während der Zunahme der Exzentrizität in der Größe ihrer Gegensätze mehr und mehr auseinandergehen, und umgekehrt während der Abnahme der Exzentrizität. So dass also in der Summe von Licht und Wärme, welche irgend ein Teil der Erdoberfläche von der Sonne empfängt, ein vierfacher Rhythmus stattfindet: der von Tag und Nacht; der von Sommer und Winter; der, welcher durch die veränderliche Lage der Achse in der Sonnennähe und Sonnenferne bedingt wird und zu seinem Ablauf 21 000 Jahre braucht; und der, welcher aus der Veränderung in der Exzentrizität der Bahn hervorgeht und in Millionen von Jahren durchmessen wird."

Ist die Voraussetzung richtig, so fällt je eine Eiszeit für unsere Halbkugel auf 21 000 Jahre. Haben die Geologen recht mit ihrer Aufstellung von zwei getrennten Eiszeiten, so hätten wir in ihnen einen Zeitraum von rund 30 000 bis 40 000 Jahren bemessen. Nun ist aber nachgewiesen, dass die erhaltenen organischen Reste der Eiszeit mit den jetzt lebenden Tieren und Pflanzen zusammenstimmen, dass also der Mensch, der schon des Mammuts Zeitgenosse war, vor der Eiszeit auf der Erde gelebt haben konnte. Nun halte man sich vor, dass es der Geologie wohl nicht möglich sein wird, etwa gar noch weiter zurückliegende Eisperioden einzeln festzustellen, dass aber unsere ganze Weltanschauung dazu drängt, die erste Abkühlung und Bewohnbarkeit der Erdkruste in ungeheuer entfernte Zeiträume zurückzuversetzen, dass nichts uns hindert, solche Eisperioden im Rhythmus von 21 000 Jahren vielfach und vielfach anzunehmen. Es wäre Willkür, wollte ich jetzt eine Ziffer nennen: 10 oder 1000, Man nehme dazu die Tatsache, dass der äußerste Norden (Grönland) einmal (oder öfter) ein wärmeres Klima hatte. Dann wird man nichts mehr gegen die Vorstellung einzuwenden haben, dass eine unbekannt lange Reihenfolge von Eiszeiten im Rhythmus von 21 000 Jahren die Bevölkerung der Erde hierhin und dorthin geschoben haben mag. Wenn es nach etwa 9000 Jahren abermals zu einer Eiszeit für die nördliche Erdhälfte gekommen sein sollte, wenn dann die Kultur noch über Schrift und Wissenschaft verfügen sollte, so wird man das Ereignis für die Nachwelt verzeichnen. Was aber wissen wir von solchen Dingen, wenn sie auch nur 10 000 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung liegen? Keine Sage ist bis zu uns gedrungen. Keine Sage weiß mehr zu erzählen, wie ureinst die Völker — im Rhythmus von 21 000 Jahren — weggedrängt wurden von ihren Weideplätzen und wie sie wieder neue Weideplätze fanden — nach Jahrtausenden. Wie bei den Insekten der skandinavischen Küste keine Kunde mehr ist von der "Bodenerhebung", wie die Fische und Muscheln nichts mehr davon wissen, dass sie sich vor Zeiten, als dieser selbe Boden noch tief im Meere versenkt war, in diesen selben Schluchten von Wasserpflanzen genährt haben, so leben die Menschen da und dort und wissen nichts von der Eiszeit. Sie wissen nicht, dass es einmal am Äquator zu heiß war, selbst für Neger zu heiß, dass die Menschen, falls sie so organisiert waren wie die heutigen, nicht am Äquator zuerst wohnen konnten und nicht in der gemäßigten Zone, sondern allein an den Polen. Sie wissen nicht, dass unzählige Kälteperioden im Rhythmus von 21000 Jahren vorübergehen mußten, bevor die jetzige Gruppierung der Rassen zustande kam, die uns so ewig scheint und die doch in den nächsten 21 000 Jahren so vielen anderen Gruppierungen wird Platz machen müssen. Sie wissen nichts von den furchtbaren Kämpfen gerade in Europa, die ausbrachen, als die vorletzte und die letzte Eiszeit erst langsam aber unaufhaltsam eine Tatsache wurde. Wie da das Eis bergehoch sich von den Alpen, von den Karpathen, von Skandinavien über ehemals fruchtbare Lande hinschob, wie da ungeheuerste Verzweiflung sich der Menschen bemächtigte, furchtbarer noch als die Kämpfe der letzten Menschen in der legendaren Sintflut. Welche Rassen immer damals in Europa hausten, am Rhein und an der Elbe, in Rußland und in England, mit dem Hunger wilder Tiere mußten sie übereinander herfallen. Nicht Menschen, Völker wurden vernichtet. Und die Sieger starben fast wie die Besiegten, bis in dem ruhigen Rhythmus von 21000 Jahren wieder langsam, unaufhaltsam die Täler sich öffneten und grünten und von überall Völkerströme herbeistürzten — auf Jahrtausende verteilt — um Besitz zu ergreifen von eisfreiem Lande. Man stelle sich einmal diesen Zustand lebhaft genug vor, die Gletscher als Ordner der Erde; wie sie die Schranken öffnen und wieder schließen, unförmliche Automaten im Rhythmus von 21 000 Jahren, wie sich zu gleicher Zeit Kontinente bilden und trennen, wie das Meer bald siegt, bald unterliegt, wie die Atlantis sich breit zwischen die alte Welt und Amerika legt, wie ganze Kontinente aus der unergründlichen Wassermasse der Südsee auftauchen und die Südspitzen von Afrika und Amerika nach dem Pole zustrecken, wie da braune und rote, schwarze und gelbe und weiße Völker gierig wie hungernde Wölfe um nährendes Land streiten, um ein Stück Erde, das nicht Meer und nicht Gletscher ist, um einen Fleck, wo ihnen wohl ein Grashalm wüchse, wie da die langsamen Gletscher mit eisigen Händen den braunen und roten, den schwarzen und gelben und weißen Völkerschaften — oder was es davon damals gab — die Wege wiesen und verboten, wie das sich blutig mischte und mordete und liebte und verstand und mißverstand im stillen Rhythmus der 21 000 Jahre, hinauf und hinab, und wieder 21 000 Jahre, hinauf und hinab: wer das vor Augen sieht, der wird vielleicht nicht mehr mit der alten Andacht die Fragen untersuchen: ob die Menschen alle von einem Paare abstammen, ob die Indoeuropäer vor ihrer "Trennung" am Hindukusch gewohnt haben, welchen Weg sie auf ihrer Wanderung nahmen, und ob die Schädel der Mammutmenschen dolichokephal oder brachykephal waren.


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