Fremdwörter nur kulturhistorisch erkennbar


Wie aber soll man für uralte Zeiten das Fremdwort erkennen? Ich halte die Aufgabe für unlösbar, wenn nicht zufällig kulturhistorische Tatsachen der Sprachgeschichte zu Hilfe kommen. Ich will den annähernden Beweis dafür aus einem Wortverzeichnis zu geben suchen, das zu ganz anderem Zwecke zusammengestellt ist. Kluge hat im Anhang zu seinem etymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache eine chronologische Darstellung des neuhochdeutschen Wortschatzes gegeben. Es sind da für jede Periode die nachweisbaren Fremdwörter hinzugefügt. Der Zufall, dass wir die Kulturgeschichte der Römer und Griechen ziemlich gut weiter zurückverfolgen können als die deutsche Sprache, hat es gefügt, dass Kluge selbst für die Zeit, die dem Althochdeutschen vorausgeht, gegen zweihundert Fremdwörter hat zusammenstellen können. Wären die kulturgeschichtlichen Quellen der früheren Zeit vernichtet, genau so wie wir über die Kultur der "Urarier" durch Überlieferung durchaus nichts wissen, wüßten wir nichts von der römischen Küche und von der griechischen Kirche, so würde kein Forscher auf den Einfall gekommen sein, dass z. B. die Wörter Kirche und kochen (ebenso Pfafle, Pfingsten, Sarg, Apfel, Kelter, Schüssel, Kohl usw.) Fremdwörter seien. Man hätte in einigen Fällen die Ähnlichkeit überhaupt nicht erkannt, in anderen Fällen Urverwandtschaft angenommen. Die ganze große Zahl der Fremdwörter im Urdeutschen ist nicht sprachwissenschaftlich erkannt, sondern kulturhistorisch.

Nun gibt Kluge im vorhergehenden Abschnitt eine Liste des vorgermanischen Wortschatzes, den er, wie es gerade die Wissenschaft verlangt, in die indogermanischen und in die gemeineuropäischen Worte einteilt. Dieser Liste weiß er kein einziges Fremdwort beizufügen, aus dem einfachen Grunde, weil für diese Zeit ("dunkle Beziehungen" heißt es: Paul, Grundriß I, 323) eine Erschließung durch historische Überlieferung nicht vorhanden ist und weil die vergleichende Sprachwissenschaft allein über die Existenz von Fremdwörtern nichts Sicheres aussagen kann. So kann man im allgemeinen wohl aussprechen, dass die Fremdwörter um so deutlicher erkennbar sind, je näher die Zeit ihrer Aufnahme der unsrigen liegt, und dass jeder Nachweis um so sicherer verloren geht, je weiter die Zeit der Aufnahme zurückliegt. Anstatt sich das klar zu machen und für die Urzeiten auf jede Gewißheit zu verzichten, hat die Sprachwissenschaft sich dadurch zu helfen gesucht, dass sie an die Untersuchung der Fremdwörter nur mit Widerstreben heranging. In einer verhältnismäßig jüngeren Sprache, dem Latein, hat Curtius z. B. in den Schifferausdrücken drei Schichten unterschieden: erstens die arische Schicht (wie navis, remus), zweitens die Schicht griechischer Fremdwörter (wie gubernare, ancora), drittens die römischen Neubildungen (wie velum, malus). Es sind die meisten dieser Ausdrücke übrigens in die romanischen Sprachen übergegangen. Mir scheint an dieser Liste deutlich erkennbar, wie irreleitend das Forschen nach Fremdwörtern immer sein muß. Die jüngeren und kulturhistorisch nachweisbaren Entlehnungen aus dem Griechischen erkennt Curtius bereitwillig, das heißt notgedrungen, als Fremdwörter an. Wo er aber ähnliche Laute schon im Sanskrit wieder zu finden glaubt, da empfindet er sofort einen heiligen Schauer und spricht von indogermanischem Besitz. Ob die altindischeii Schifferausdrücke seinerzeit Fremdwörter gewesen sind oder nicht, läßt sich natürlich nicht so leicht ausmachen. Aber gerade die Annahme von einer gebirgigen Urheimat der Indoeuropäer, die allgemein gültige Annahme zur Zeit von Curtius, hätte ja zu der Behauptung zwingen müssen, dass die sogenannten Arier die Dinge selbst, nämlich das Schiff und seine Teile, erst auf ihrer legendären Wanderung bei seefahrenden Völkern kennen gelernt hatten. Und die höchste Wahrscheinlichkeit spräche dafür, dass mit den neuen Dingen auch die fremden Bezeichnungen aufgenommen wurden, dass die Schifferausdrücke des ältesten Sanskrit Fremdwörter waren. Aber solche Vermutungen würden den ganzen mühsamen Bau der indogermanischen Wissenschaft stören. Man nimmt deshalb lieber an, ohne es irgendwie beweisen zu können, dass "das Wörterbuch des Rigweda (wie überhaupt des ältesten Sanskrit), das reinste und unvermischteste auf dem ganzen indogermanischen Völkergebiet, nur wenig Ausbeute (an Fremdwörtern) gewähre" (Schrader, Sprachvergleichung und Urgeschichte S. 109).

Wenn Friedrich Müller bei der Erörterung dieser Fragen sich auf sein eigenes Sprachgefühl für urindische und ursemitische Sprachen beruft, so liegt doch wohl eine starke Selbsttäuschung über die Stärke eines solchen Gefühls zugrunde. Ich möchte beinahe behaupten, dass es ein solches historisches Sprachgefühl im eigentlichen Sinne nicht gibt. Käme die Wissenschaft uns nicht zu Hilfe, wir würden mit all unserem Sprachgefühl nicht erraten, dass unser "Armbrust" (aus dem mittellateinischen arcubalista), dass Apfel, Bottich, Kachel, Kissen, Schindel, Schurz, Zoll Fremdwörter seien. Das Sprachgefühl, das zunächst nur eine gewisse Klanganalogie der Worte empfindet, ist heutzutage bei verschiedenen Völkern verschieden. Die Franzosen haben ein sehr schwaches phonetisches Sprachgefühl, die Slawen ein sehr starkes; die Deutschen stehen in der Mitte, sie empfinden das Fremdwort und nehmen es dennoch auf. Wer kann nun sagen, wie stark oder schwach das Sprachgefühl der alten Sanskritgrammatiker gewesen sei, auf deren Schultern unsere Forscher stehen? Sie trieben nach ihrer Meinung sprachgeschichtliche Studien; da ihnen aber offenbar die Kenntnis fremder Sprachen und die Methode der Sprachgeschichte fehlte, so konnten ihre Anstrengungen, ihre heilige Sprache streng puristisch aus sich heraus zu erklären, nur irre führen. So wissen wir durchaus nichts Bestimmtes über die Sprachreinheit des Sanskrit. Und ob in einer der jüngeren indoeuropäischen Sprachen die Ähnlichkeit mit den Worten einer arideren Sprache auf "Verwandtschaft" oder Entlehnung beruhe, wissen wir nur in den günstigen Fällen, wo die übrige Geschichte uns zu Hilfe kommt. Für die vorgeschichtliche Zeit wissen wir es also nicht.


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