Stammbaum der Verwandtschaft


Ein großer Zweig der Sprachwissenschaft beschäftigt sich also mit den Verhältnissen der Sprachmischung. Sind in zwei Sprachen auffallende Ähnlichkeiten entdeckt worden, so wird untersucht, ob diese Erscheinung von Verwandtschaft, von Entlehnung oder von Bastardierung herkomme. Auf Grund kümmerlichen Materials ist — wie gesagt — der Versuch gemacht worden und wird alle paar Jahre wiederholt, einen Stammbaum aller menschlichen Sprachen herzustellen. Wir sehen, dass die Erfindungen, deren sich sonst gelehrte und verrückte, gutgläubige und eitle Stammbaumverfertiger schuldig gemacht haben, auch bei den Stammbäumen der Sprache nicht fehlen. Endlose Legenden werden auf den zufälligen Gleichklang zweier Namen gestützt; und auch die Albernheit fehlt nicht, dass jede Familie für sich einen möglichst ehrenvollen Stammbaum herausfinden möchte. Der Nachteil dieses ganzen scheinwissenschaftlichen Betriebes wird dadurch noch größer, dass man bei der Aufstellung der Stammtafeln aller Völker den Sprachenstammbaum gern zugrunde legt.

Nun sind unsere adligen Familien schon sehr zufrieden, wenn sie ihre Ahnen einige Jahrhunderte lang zurückverfolgen können; zwanzig Generationen oder Ahnen sind für den Nachkommen schon so viel wie sagenhafter Ruhm. In der Geschichte der Sprachen jedoch sollte man mit unvergleichlich größeren Zeiträumen rechnen, und es ist klar, dass die Verwandtschaft der Sprachen in der Zeit vor allen Sprachdenkmälern ein ebenso fabelhaftes Ding ist wie die einst so beliebte Herleitung einflußreicher Familien von römischen Helden und griechischen Heroen.

Ein täglich wiederholtes Experiment beweist, dass das Erlernen, also auch der Gebrauch einer Sprache nicht von der Abstammung eines Menschen abhängt, sondern von der Umgebung, in welcher er aufwächst. In Deutschland geborene und erzogene Franzosen sprechen Deutsch, nichts als Deutsch, und ebenso umgekehrt. Unter lauter Engländern geborene und erzogene Chinesen sprechen englisch, reines Englisch, nichts als Englisch. Der umfassendste Versuch ist von der Geschichte mit den Juden angestellt worden. Sie sprechen je nach ihrem Geburtslande alle Sprachen der Erde. Wenn man an gewissen Gutturaltönen und dem eigentümlichen Singsang ihre Abstammung erkennen will, so befindet man sich im Irrtum. Diese Gewohnheiten sind ererbt, aber nur die mit solchen Eigenheiten behaftete Umgebung vermag das Judenkind weiter anzustecken. Wächst ein solches in vollkommen deutscher Umgebung auf, so hat die eigentliche Sprache nichts Jüdisches an sich. Dagegen lernt ein Arierkind mauscheln, wenn es unter galizischen Juden aufwächst. Nur diejenigen Eigenheiten der Sprache, die man Krankheitserscheinungen oder doch physiologische Erscheinungen nennen könnte, wie Lispeln, erben sich mitunter unabhängig von der Umgebung fort.

Diese bekannte Tatsache scheint mir genügend zu sein, um alle Schlüsse von Sprachverwandtschaft auf Stammesverwandtschaft umzustoßen. Denn Völker bestehen aus Individuen, und wenn die Individualsprache nichts für die Abstammung beweist, so kann es auch die Volkssprache nicht tun. Innerhalb historischer Grenzen spricht nur die Wahrscheinlichkeit dafür, dass Gruppen, welche die gleiche Sprache reden, wohl auch vielfach miteinander verwandt sein mögen.

 

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