Lehnwörter


Begrifflich haben die Wanderungen der arischen Stämme mit der Verwandtschaft ihrer Sprachen nichts zu tun; tatsächlich aber ist immer der Reiseweg der Völker das historische Abbild gewesen von dem Stammbaum ihrer Sprache. Als nun durch die genauere Beobachtung der Verwandtschaftsverhältnisse, insbesondere durch die Übergangstheorie von Johannes Schmidt das Aufrichten von Stammbäumen zu einem müßigen Spiel geworden war, da hätte von Rechts wegen auch das Nachdenken über die Reisewege als aussichtslos aufhören müssen. Dasselbe Ergebnis hätte auch eine andere Detailforschung haben müssen, die sich etwa zu gleicher Zeit einigermaßen ausgebildet hatte: die Kenntnis der Lehnwörter.

Was ist ein Lehnwort? Ein Fremdwort, dessen fremder Ursprung dem allgemeinen Sprachgefühl nicht mehr auffällt. Der Unterschied zwischen Lehnwort und Fremdwort ist also nicht in der Sache selbst vorhanden, sondern nur in der geringeren oder größeren Gelehrsamkeit dessen, der darauf achtet. Es ist das am auffallendsten in den Fällen, welche die Franzosen Dubletten nennen, wo ein Wort nämlich zweimal zu verschiedener Zeit eingewandert ist. Z. B. combler und cumuler, welche beide das lateinische cumulare sind. Die Franzosen nennen die jüngeren Fremdworte mots savants, offenbar weil sie gelehrtem Sprachgebrauch ihre Einführung verdanken. Es ist aber nicht daran zu zweifeln, dass auch die älteren und volkstümlich veränderten Worte fast immer oder doch sehr häufig von Gelehrten, von Mehrwissern, eingeführt waren. Wir haben solche Beispiele auch im Deutschen zahlreich genug. Wir empfinden "Advokat" als Fremdwort; "Vogt" aber, welches viel früher aus demselben lateinischen vocatus entstanden ist, halten wir für deutsch, und die Sprachforscher nennen es darum ein Lehnwort. Gerade für die Sprachforscher aber gibt es also einen wirklichen Unterschied zwischen Lehnwort und Fremdwort nicht. Ich werde auch weiterhin nur noch von Fremdwörtern sprechen, damit der gelehrtere Ausdruck nicht irreführe.

Es liegt nun auf der Hand, dass die gesamte indoeuropäische Etymologie, insbesondere aber ihre ethnographische Anwendung durchaus davon abhängt, dass man eigene Wörter der Sprache von Fremdwörtern unterscheiden könne. Das gilt für die Urzeit ebenso wie für heute. Hören wir das Wort Kakao, so vermuten wir sofort aus seinem höchst undeutschen Klang, dass es ein ausländisches Ding bezeichnen müsse; das Fremdwort läßt auf fremde Herkunft der Sache schließen. Das gilt aber nicht umgekehrt. Dem Worte Rose oder Pferd hören wir das Fremdwort nicht mehr an, und dennoch hatten Wort und Sache fremde Herkunft. Ist gar erst ein deutsches Wort zur Bezeichnung eines ausländischen Dings gebildet worden (Baumwolle, Erdapfel, was freilich vielleicht Volksetymologie ist), so läßt uns das Sprachgefühl im Stich.


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