Linguistik und Historie


Nun antworten aber die Linguisten, dass sie in einer günstigeren Lage wären als die Anthropologen. Anatomisch oder überhaupt naturwissenschaftlich lasse sich den heutigen Franzosen ihre Abstammung von Kelten, Italern und Germanen nicht ansehen; in dem heutigen Französisch aber seien die keltischen, römischen und germanischen Bestandteile sehr wohl zu unterscheiden. In der Tat hat die romanische Philologie, wenn man von Sprachforschung nichts anderes verlangt als ein tüchtiges Stück Wortgeschichte, die glänzendsten Ergebnisse aufzuweisen; sie ist zuverlässiger als die Indogermanistik und reicht über einen viel größeren Zeitraum hinaus als die germanische Philologie. Sieht man aber genauer zu, so ist ihr ethnographisches Ergebnis nicht den sprachlichen Tatsachen zu danken, sondern einzig und allein den historischen Kenntnissen. Ich frage, ob ein einziger Forscher den Mut hätte oder auch nur auf den Gedanken käme, die einstige Weltherrschaft der Römer aus der bloßen Tatsache zu erschließen, dass im Italienischen, im Spanischen und im Französischen eine große Menge gleicher Wortstämme vorkommen. Man nehme einmal an, wir besäßen durchaus keine Kenntnis von der römischen Geschichte (wie wir auch die Geschichte der "Arier" nicht kennen), wir besäßen kein einziges lateinisches Wort und es wäre die lateinische "Ursprache" (ebenso wie jetzt die arische) erst zu erschließen. Ich frage, ob nicht alle romanischen Philologen Urverwandtschaft der Italer, der Iberer und der Kelten (der sogenannten Urbevölkerung von Italien, Spanien und Frankreich) annehmen würden und mit ungeheurem Scharfsinn verteidigen. Und wie würde die lateinische Ursprache aussehen, die man erschließen könnte! Diese lateinische Philologie wäre unter solchen Umständen in allen Einzelheiten falsch und in der historischen Hauptfrage der Wahrheit entgegengesetzt.

Darüber zu streiten, ob die Arier nach der Höhe ihrer Kultur befähigt waren, die Rolle eines Räuber- oder Siegervolkes zu spielen, scheint mir die Aufgabe eines Salongeschwätzes; denn was wir über den Urzustand der sogenannten Arier zu wissen vorgeben, ist — wie mir jeder Fachmann zugestehen muß — aus ein paar Dutzend Worten abstrahiert, die nicht ganz fest stehen und deren Urbedeutungen wir nicht kennen. Es ist eine Überhebung der Sprachwissenschaft, der historischen und naturwissenschaftlichen Anthropologie zu Hilfe kommen zu wollen; denn ohne historische oder naturwissenschaftliche Basis sind alle philologischen Gebäude eitle Luftschlösser. Wenn die Türken anthropologisch nichts mit ihren sibirischen "Sprachverwandten" zu schaffen haben, so hat die Sprachwissenschaft kein Recht, sie auf Grund einiger Sprachähnlichkeiten für blutsverwandt zu erklären. Nichts liegt mir ferner, als bei meiner mangelhaften Kenntnis dieser Literatur etwa das Gegenteil zu behaupten. Nur die vollständige Unwissenheit behaupte ich von mir, und ihr Eingeständnis fordere ich von anderen. Im einzelnen wage ich mich nicht vor. Ich habe freilich das Gefühl, dass der Entzifferung der Keilschrift und auch der Hieroglyphen einmal aus dem eigenen Kreise ein furchtbarer Kritiker erstehen werde. Aber selbst wenn alles richtig gelesen wäre, wie frivol ist es, aus ein paar Worten die Blutsverwandtschaft der Hottentotten mit den hochstehenden Ägyptern anzunehmen!

Scheint es mir also für einen ernsten Forscher geradezu unanständig, die Herkunft aller Menschensprachen von einer Ursprache und danach die Herkunft aller Menschen von einer einzigen Rasse mit unseren Mitteln überhaupt zu untersuchen, ist dieses Beginnen so sinnlos wie das, mit einem Steinwurf die Sonne erreichen zu wollen, so fürchte ich, dass auch die hübschen Bemühungen, die Ursprache und die Urheimat, kurz das Urvolk der Indoeuropäer entdecken zu wollen, nicht viel aussichtsvolier sind. Es wird da nicht ein Stein aus bloßer Hand geworfen, schön, es wird eine zugespitzte Kugel aus einer gezogenen Riesenkanone geschossen; es bleibt doch nur ein schlechter Witz im Stile Jules Vernes, wenn diese Kugel auch nur den Mond erreichen soll. Bevor ich aber auf eine Kritik dieser Gelehrsamkeit eingehe, will ich flüchtig wenigstens an die Geschichte dieser Bestrebungen erinnern.


 © textlog.de 2004 • 16.12.2017 16:01:05 •
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