Das Urrasiermesser


Es tut mir selbst leid, dass von diesem Gesichtspunkte aus auch die emsigsten Forscher auf dem Gebiete der ethnographischen Sprachwissenschaft oft einen so kleinlichen Eindruck machen. An einem Beispiel will ich zeigen, wie diese angeblichen Beweise bis zur unfreiwillligen Parodie, gelangt sind. Fick hatte in seinem unergründlichen Wörterbuch dem Wortschatze der indogermanischen Ursprache auch das Wort ksura zugesprochen (griechisch ksuron) und damit aufs schönste zu beweisen geglaubt, dass die Arier bereits den Gebrauch des Rasiermessers kannten. Ein anderer Gelehrter hatte darauf in den Gräberstätten des alten Albalonga bei Rom umhergebuddelt und ein Rasiermesser nicht gefunden. Sein Schluß, es habe demnach dem Urstamme dieser Toilettengegenstand noch gefehlt, wäre von rein possenhafter Komik (ich will mich verpflichten, ein ganzes Theater mit wörtlichen Zitaten aus diesem Streite zu schallendem Gelächter zu bringen), wenn diese Art von Beweisen, der selbst in der Logik unhaltbare Schluß aus einem vereinzelten negativen Urteil, nicht in dieser ganzen Disziplin eine so verhängnisvolle Rolle spielte. Der gelehrte Benfey trat als Verteidiger der indoeuropäischen Toilettenkünste auf. Er hält streng fest daran, dass das im Sanskrit und im Griechischen ähnliche Wort für Rasiermesser schon dem Urstamme angehört habe; er leugnet also die Möglichkeit, dass zwei Völker aus dem ähnlichen Verbum für "schaben" ein ähnliches Wort für Schabmesser gebildet hätten. Lieber opfert er den guten Ruf der Männer von Albalonga, als dass er auf das Rasiermesser bei den Indoeuropäern der Urzeit verzichtete. Vielleicht waren die Männer von Albalonga so entartet, dass sie die Künste ihrer Ahnen vergaßen, dass sie "auf ihrer langen Wanderung aus dem indogermanischen Stammsitz in ihre neue Heimat, die gewiß unter großen Leiden, Bedrängnissen und Entbehrungen lange Zeit hindurch dauerte, die Lust und Kunst, sich den Bart abzunehmen, und somit auch die Instrumente dazu einbüßten". Ich kann es mir nicht versagen, eine ebenso scharfsinnige Vermutung aufzustellen. Albalonga allein unter den Nachbarstädten hatte das Rasiermesser eingebüßt. Das Aussehen seiner Männer fiel darum auf; und die Nachbarn nannten die Stadt, wo die alten Männer mangels von Rasiermessern furchtbar lange, weiße Bärte hatten: Alba Longa, wobei barba zu ergänzen ist. Man würde mir den Spott verzeihen, wenn man wüßte, dass die gelehrtesten und berühmtesten Untersuchungen der ethnographischen Sprachwissenschaft von solchen Possen nicht immer weit entfernt sind. Ich rechne dazu sogar die geistreichen Antworten auf die Frage, ob die Indoeuropäer in ihrer Urheimat schon das Salz gekannt haben. Man muß bei solchen Untersuchungen nur nicht den Faden verlieren, man muß es nur verfolgen, wie schließlich die Frage, welches Meer die Arier kannten, mit abhängt von der Salzfrage. Und das alles, weil im indischen Rigveda das Salz nicht erwähnt wird, "auffälligerweise", wie die Gelehrten sagen. Es sollte ein müßiger Philologe einmal nachsehen, ob in den Psalmen und in Goethes lyrischen Gedichten "auffälligerweise" nicht auch das Salz oder ein anderes nützliches Ding unerwähnt geblieben ist.


 © textlog.de 2004 • 24.10.2017 02:32:54 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright