Chinesische Zukunft


Das Ergebnis dieser ganzen Untersuchung scheint mir also: unsere modernen Sprachen nähern sich in ihrem Gebrauche durch die Gebildeten als schriftliche Sprachen dem chinesischen Zustande noch mehr, als man bis zur Stunde geahnt hat. Es gibt in unserem alltäglichen Sprechen nicht nur den auch von anderen beobachteten Unterschied zwischen einer familienhaft oder landschaftlich gefärbten Umgangssprache und einer für richtig gehaltenen Gemeinsprache, die sich einer idealen Schriftsprache nähert; nein, es gibt außerdem einen viel tiefer greifenden Gegensatz zwischen allen diesen (dem einzelnen oft in vielen Abstufungen zu Gebote stehenden) Formen der mündlichen Sprache und der schriftlichen Sprache im engeren Sinne, einer schriftlichen Sprache, die wie das Chinesische nur für die Augen da ist. Zwei künftige Möglichkeiten stellen sich uns vor Augen. Entweder es könnte der Versuch gemacht werden, mit dem oben als möglich aufgestellten natürlichen Alphabet des Phonographen zu einer wahrhaft phonetischen, der lebendigen Sprache unaufhörlich folgenden, beinahe idealen Buchstabenschrift zu gelangen; dieser Versuch könnte aber nur gelingen, wenn sämtliche Volksgenossen, also auch sämtliche arme Schulkinder imstande wären, ihre Muttersprache so genau zu idealisieren, wie es etwa die höhere Mathematik mit den elementaren Rechnungen und Linien tut. Ich weiß nicht, ob ich fürchten oder hoffen soll, dass diese Entwicklung der Massengehirne sich niemals vollziehen wird. Oder aber unsere schriftlichen Sprachen könnten dereinst zu Wortbildern zusammenschießen und wir würden den Forschern solcher Völker, bei denen dann die Buchstabenschrift und die schriftliche Sprache noch etwas Neues sein wird, dasselbe seltsame Bild gewähren, das heute die Chinesen uns bieten. Im einzelnen wäre zu dieser Gestaltung der schriftlichen Sprache vielleicht nötig, dass unsere Sprachen noch mehr als bisher die Neigung hätten, ihre Bildungssilben zu verlieren und so gewissermaßen zu isolierenden Sprachen zu werden. Wir brauchen nur selbst die immerhin noch bildungsreiche deutsche Sprache mit der lateinischen oder griechischen zu vergleichen, um zu erkennen, dass wir auf dem Wege dazu sind. Das Englische ist beinahe schon isolierend. Das Französische schwankt noch; in seiner historischen Orthographie, die im Zusammenhang mit der alten politischen Zentralisation sehr konstant geblieben ist, erinnert es noch stark an den alten, nichtchinesischen Zustand. Man stelle sich aber einmal vor, dass auch dort eine phonetischere Schreibung Platz griffe, dass z. B. anstatt fait, laid geschrieben würde fè und lè; wird man mir nicht beistimmen müssen, dass durch längere Einübung dieses Wortbildes schließlich auch die weiblichen Formen faite und laide seltener würden und endlich ganz verschwänden, so dass das Französische sich in diesem Falle dem Englischen und Chinesischen nähern würde? Wäre ich geneigt, historische Gesetze aufzustellen oder Gesetze überhaupt, ich würde jetzt von einem Kreislauf der Sprachen reden, der in großen Zeiträumen mit isolierender mündlicher Sprache beginnt und mit isolierender schriftlicher Sprache endet. Dieses "historische Gesetz" würde nur eine Kleinigkeit voraussetzen: die Kenntnis der Uranfänge unserer Sprache und dazu die Kenntnis ihrer Zukunft. Es wäre also Scharlatanerie, wenn ich Gesetze nennen wollte, was doch nur eine unsichere und auf wenigen Beobachtungen beruhende Analogie zwischen den chinesischen Jahrtausenden und unseren paar Jahrhunderten ist.


 © textlog.de 2004 • 20.10.2017 09:13:03 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
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