Vorstellungsloses Buchdenken


Mir ist es aber hier vor allem um die schriftliche Sprache zu tun, in der namentlich seit Erfindung der Buchdruckerkunst wissenschaftliche Gedankengänge niedergelegt werden und in der der Schüler die Gedankengänge wieder in sich aufzunehmen sucht. Und da muß es doch einmal gesagt werden, dass bei unserem wissenschaftlichen Betrieb, der phantasielose Dutzendmenschen zu Lehrern und zu Schülern macht, das Bücherschreiben und Bücherlesen zu der unfruchtbarsten Tätigkeit geworden ist. Ich nehme kleine und große Genies unter Lehrern und Schülern aus. Für die ist dann aber auch das Bücherschreiben und Bücherlesen eine außerordentliche Anstrengung, weil das Rückübersetzen der schriftlichen Sprache in vorstellbare Begriffe nicht einen Augenblick unterlassen werden darf. Unsere meisten Kompendien jedoch und deren gedächtnismäßige Aneignung stehen noch tiefer, als der Gebrauch der Sprache durch ihre natürlichen Mängel ohnehin gestellt ist. Wir wissen, dass wir uns auch in der lebendigen Sprache nur des menschheitlichen Erkenntnisschatzes erinnern, dass wir ihn durch die Sprache nicht vermehren können. In der lebendigen Sprache ist das Gedächtnis der Menschheit aufgestapelt. Die schriftliche Sprache ist auch Gedächtnis, aber sie erinnert nur in Worten an Worte, in Zeichen an Zeichen, während die lebendige Sprache doch wenigstens in Worten an Sinneseindrücke erinnert. Die schriftliche Sprache, wie sie im wissenschaftlichen Fabriksbetrieb unserer Universitäten vorherrscht, füllt die Köpfe mit Gedächtniskram für die Prüfung. Man achte nur darauf, wie tonlos, stimmungslos, weil vorstellungslos, so ein Dutzendkandidat seine Worterinnerungen herunterleiert. Er hat beim sogenannten Studieren das Wortbild "Baum" immer nur als Wortbild vor sich gesehen, er hat nicht ein einzigesmal vielleicht selbst beobachtet, er hat — in manchen krassen Fällen wird es keine Übertreibung sein — wie ein Papagei auswendig gelernt, bei dem doch wirklich eine Verbindung zwischen dem Wortlaut und der menschlichen Wortentstehung selten existiert. In diesen extremen Fällen ist es auch gleichgültig, dass bei der Prüfung und später im Amt die Rückübersetzung der schriftlichen Sprache in eine mündliche Sprache erfolgt. Denn nur die Übersetzung, welche zu Sinneseindrücken hinüberleitet, ist Rückkehr zu nennen. Die bloß mechanische Verlautbarung der schriftlichen Sprache ist wohl eine Übersetzung, aber keine Rückübersetzung. Es ist eine mündliche Sprache, die aber keine Verbindung mehr hat mit der lebendigen Sprache. Auch gute Lehrer, auch gute Schüler werden in schwächeren Stunden so zu Papageien, wenn sie vorstellungslos schreiben oder lesen. Sie können aber auch in solchen Stunden bei gutem Gedächtnis immer noch ihre gegenseitige Zufriedenheit erwerben.

Nur ganz im Vorübergehen will ich erwähnen, dass die schriftliche Fixierung verhängnisvoll geworden ist auf allen Gebieten der Religion. So ruchlos wie nach Einsetzen der Offenbarungen in Büchern konnten die alten Religionen Andersgläubige gar nicht verfolgen. Schon Spinoza (Tract. theol.-pol. XIV) hat das "belgische" Sprichwort angeführt: "Geen ketter sonder letter". Darum ist es ein nichtswürdiger Aberglaube, im islamischen Orient ebenso verbreitet wie im christlichen Abendlande, die Buchreligionen (nicht nur die eigene Buchreligion) für vornehmer zu halten als die unliterarischen, unschriftlichen Religionen. Nein, die Buchreligionen sind ihrem Wesen nach noch starrer und unduldsamer. "Geen ketter sonder letter."

Ich habe vorhin bemerkt, dass die technischen Ausdrücke unserer Wissenschaften den Charakter von außersprachlichen mathematischen Zeichen haben. Sie gehören vollständig der schriftlichen Sprache an. Jetzt sind wir so weit gekommen, um einzusehen, dass dieser formelhafte Charakter der schriftlichen Sprache überhaupt zugesprochen werden muß. Auch die geläufigsten Begriffe des Alltags werden in der rein schriftlichen Sprache, wie sie in den extremen Fällen gelesen und geschrieben wird, zu technischen Ausdrücken, zu mathematischen Gedankenzeichen. Immer erfordert diese schriftliche Sprache eine doppelte Arbeit: die der Sprache überhaupt und die ihrer Verlebendigung. Mit unheimlicher Gewalt hat sich diese schriftliche Sprache seit einigen Jahrhunderten der gebildeten Leute bemächtigt. In schriftlicher Sprache sind jetzt unsere wissenschaftlichen Bücher und viele Gedichte abgefaßt, auch solche Gelehrtenarbeiten und Poesien, welche die Mühe der Verlebendigung lohnen. In schriftlicher Sprache aber schwatzt man auch schon vorstellungslos und gedankenlos in Gesellschaften und in Zeitungen. Innerhalb der Poesie allein ist seit einigen Jahren eine Bewegung vorhanden, die die lebendige Sprache wieder zu Ehren bringen will, eine Bewegung, welche für revolutionär gilt und sich selbst dafür hält, welche aber im Grunde nichts ist als eine Reaktion gegen die Herrschaft der schriftlichen Sprache. Eine solche revolutionäre Reaktion will neben ihren erkenntnistheoretischen Zielen auch diese Kritik der Sprache sein.

 

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