Mängel der Buchstabenschrift


Wie dem auch sei, wir furchtbar gebildeten Menschen haben in unserer Schrift vielfach reine. Gedankenzeichen, die mit der vielgerühmten Buchstabenschrift so wenig zu tun haben wie die Zeichen, die der Wirt auf seinem Kerbholz macht, wie die Schlitze in den Ohren, mit denen etwa ein Hirte die Schweine seiner Herde bezeichnet. Alle diese Gedankenzeichen haben keinen Einfluß auf die lebendige Sprache, und darum auch keinen schädlichen Einfluß. Um diesen zu begreifen, müssen wir uns auf die eigentliche Buchstabenschrift beschränken. Die Geschichte unserer Schriftzeichen geht uns hier nichts an. Die Empfindung für die Bilder, aus denen unsere Buchstaben wahrscheinlich hervorgegangen sind, ist noch weit gründlicher verloren gegangen als die Empfindung für den Sinn der sogenannten Sprachwurzeln. Kein Mensch mit Ausnahme einiger weniger Spezialforscher sieht in den Buchstaben etwas anderes als Lautzeichen. Der Irrtum besteht nur darin, dass der naive Mensch, der Nichtphonetiker, sich einbildet, der bestimmte Buchstabe entspreche einem bestimmten Laut. Ich brauche hier nicht zu wiederholen, dass es bestimmte Laute kaum in derselben Sprache gibt, geschweige denn in verschiedenen Sprachen. Die Aufgabe, etwa die Schnalzlaute afrikanischer Mundarten mit unserem Alphabet sichtbar zu machen, ist unlösbar. Aber auch die Anwendung des gleichen Alphabets z. B. für das Französische und das Englische beruht doch nur darauf, dass das eine Volk nichts vom hörbaren Alphabet des anderen Volkes weiß. Auch das große, künstliche, verschiedentlich aufgestellte Alphabet der Phonetiker ist nur ein Ungefähr, abgesehen davon, dass es technisch ist, dass es keinem Volke geläufig geworden ist. Hermann Paul hat einmal hübsch gesagt, die Sprache verhalte sich zu der Schrift wie die Linie zu der Zahl. Das künstliche große Alphabet der Phonetiker erinnert mich an die Formeln, mit denen die mathematische Analyse Linien durch Zahlen ausdrückt; nur dass im unendlich Kleinen der Sprache die gesetzliche Stetigkeit fehlt.

Unsere Schriftzeichen, wie sie in jeder Sprache nach der üblichen Orthographie angewandt werden, weisen eine große Zahl von Mängeln auf, die sich historisch erklären lassen. Es ereignete sich ja regelmäßig, dass das Alphabet einer fremden Sprache der Muttersprache untergelegt wurde, und es ist klar, dass es dabei ohne Gewaltsamkeit nicht abgehen konnte. Es ereignete sich ferner, dass die Schreibung eines Worts konstanter blieb als die Aussprache; die gesamte Orthographie, soweit sie nicht dem unerreichbaren Ideal einer phonetischen Rechtschreibung nahe kommt, würde sich so historisch erklären lassen. Aber das alles scheint mir nur die sekundären Mängel der Schrift zu betreffen. Ihr wesentlicher Mangel liegt in der Gleichgültigkeit unseres Ohres für kleinere Unterschiede oder vielmehr in unserer Unfähigkeit, die Unterschiede, die wir wohl hören und unbewußt mit den Sprachwerkzeugen nachahmen, bewußt in Begriffe zu fassen. Ich glaube beinahe, dass da die metaphorische Tätigkeit unseres Geistes mit tätig ist. Wie gesagt ist, dass die scheinbare Schallnachahmung, die sich durch viele sprachwissenschaftliche Werke hindurchschleppt, nur auf einer falschen Analogie, auf einem ungefähren Bilde, auf einer Metapher beruht, so mag es in der psychologischen Wirklichkeit eines Volkes zugegangen sein, als es sich in seiner Armut, die man gern Sparsamkeit nennt, damit begnügte, halbwegs ähnliche Laute mit einem einzigen Lautzeichen auszudrücken. Die meisten Menschen erfahren diese Tatsache überhaupt erst, wenn sie Phonetik studieren. Dass das ch ein vollkommen anderer Laut ist in Bach und in Bäche, darauf muß man erst aufmerksam gemacht werden, trotzdem der Unterschied für mein Bewegungsgefühl nicht geringer ist als der zwischen R und L. Spricht man gar einem Ostpreußen das Wort "Buchchen" nach, so stoßen die beiden ungleichen Laute hart aufeinander; und dennoch wird es mir ein Ostpreuße kaum glauben, dass die beiden Konsonanten so verschieden sind, wie etwa R und L in "Erle".

Haben Wir diese Ungenauigkeit unserer Buchstaben, in Übereinstimmung mit der heutigen Wissenschaft, erst erkannt, so werden wir einsehen, dass für den geübten Leser die Druckschrift nicht nur durch seine Übung zu lauter Wortzeichen werden mußte, sondern auch durch die Mangelhaftigkeit des Alphabets. Erkennt er doch erst aus dem Worte, wie der Buchstabe auszusprechen sei, und nicht umgekehrt. Ja selbst der Zusammenhang des Satzes wird ihn mitunter über die Aussprache aufklären. Ist ihm das Wortbild nicht geläufig, so wird er beim Anblick des Wortbildes "erblassen" stocken und nicht gleich wissen, ob er erb-lassen oder er-blassen zu lesen habe. Ja wir bemerken an diesem Beispiel wieder, dass unsere Schrift für wichtige Unterschiede der Aussprache, wie die Silbentrennung, gar keine Zeichen besitzt. Wir trennen aber wenigstens die Teile der Rede, die wir als verschiedene Worte empfinden. Wir schreiben "Erblasser", wir schreiben "(als) er blasser (wurde)". Es gibt aber hochentwickelte Sprachen, deren Schrift die Worte nicht trennt. Sollen wir annehmen, dass eine solche Sprache (wie das Sanskrit) vollendetere Buchstabenschrift sei, weil sie keine Wortbilder bietet, oder dass sie noch hinter der Wortschrift zurückstehe, weil sie ihren Büchermenschen ganze Satzbilder auf einmal gibt? Ich fürchte, wir sind allesamt Chinesen und wissen es nicht.


 © textlog.de 2004 • 14.12.2017 21:59:21 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
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