Luthers Bibelübersetzung


Ein kleines Vorspiel dessen, was Luthers Bibelübersetzung bedeutete, begab sich schon im Mittelalter, als durch das Zusammentreffen politischer und anderer Umstände die schwäbische Mundart eine Zeitlang die Modesprache und die Schriftsprache in Deutschland war. Es ist wohl nicht zu gewagt, anzunehmen, dass eine schwäbelnde Mundart die deutsche Gemeinsprache geworden wäre, hätte damals schon die Buchdruckerkunst auf ihre Weise eine Einheit hergestellt. Zu dieser Spracheinheit kam es bekanntlich erst durch Luther. Sicherlich ist seine Bibelübersetzung ein erstaunliches Werk unvergleichlicher Sprachkraft; sicherlich half die außerordentliche Erregung des Volkes mit; aber geschaffen wurde die Spracheinheit erst durch den Buchdruck, durch die Schrift, denn sonst hätte Luthers Sprache das katholische Deutschland nicht erobern können. Entscheidend war es, dass Luthers Sprache allen Buchdruckern als diejenige erschien, in welcher sie ihre Druckschriften überall in Deutschland absetzen konnten. Das war die Vorbedingung, die auch Luther zur Wahl seiner Bibelsprache bestimmte; die Neigung zur Spracheinheit mußte vorhanden sein, um den Buchdruckern den Weg zu einem gemeinsamen Idiom zu weisen; aber nachher ging die wirkliche Spracheinheit aus der Buchdruckersprache hervor. Man darf sich nicht daran stoßen, dass Fragen des Gelderwerbs und des Verkehrs so für wichtige Faktoren ausgegeben werden; das Geschäft und sein Verkehr ist oft der wichtigste Faktor der Kulturgeschichte gewesen. Und man darf sich auch nicht daran stoßen, dass eben gesagt worden ist, Luther habe die Sprache seiner Bibelübersetzung "gewählt". Es ist das eine Tatsache, und Luther selbst spricht sich klar und unbefangen darüber aus. Er habe sich nicht einer gewissen, sonderlichen, eignen Sprache im Deutschen bedient (das heißt also auch nicht seiner eignen Mundart), sondern der Sprache der sächsischen Kanzlei, welcher alle Fürsten und Könige in Deutschland folgen; die Sprache der sächsischen Kanzlei, das heißt die offizielle Dienstsprache im Reiche, sei infolgedessen die gemeine deutsche Sprache und allein geeignet, von Ober-und Niederdeutschen verstanden zu werden.

Übrigens ist die italienische Gemeinsprache, durch Dante, Boccaccio und Petrarca wundervoll geformt, erst durch den Buchdruck zum Siege über die Mundarten geführt worden. Dazu lese man einen köstlichen Dialog Machiavellis (Opere, Venezia XII, 1811), den ich noch in keinem sprachgeschichtlichen Werke erwähnt gefunden habe. Machiavelli will beweisen, dass seine Sprache die florentinische, schlimmstenfalls die toskanische, keinesfalls die italienische zu heißen habe. Er erfindet eine Unterhaltung mit Dante. Dieser hatte behauptet (überraschend ähnlich wie nach ihm Luther), er hätte in einer Kurial- oder Hofsprache geschrieben. Mit leidenschaftlichen Worten lehrt Macchiavelli, durch die fremden Elemente sei sein Florentmisch keine Gemeinsprache, sondern die fremden Elemente seien florentinisch geworden. E ben vero, che col tempo per la moltitudine di questi nuovi vocaboli (le lingue) imbastardiscono. Der Dante dieses Gesprächs erklärt, unter Kurialsprache verstehe er die Sprache, wie sie am Hofe des Papstes, des Herzogs usw. geredet werde, also von Männern, die gebildet sind und besser sprechen als man in den kleinen Provinzstädten rede. Machiavelli besteht darauf, dass Dantes Sprache florentinisch sei. "Die Römer hatten in ihrem Heere nur zwei römische Legionen, daneben 20 000 Mann fremde; dennoch hielten sie Roms Namen, Macht und Würde aufrecht. Nur du, der du in deinen Schriften zwanzig Legionen florentinischer Worte verwandt hast, dazu ihre Deklination und Konjugation, du willst, dass die Sprache durch ein paar Zufallsankömmlinge ihren Charakter verloren habe?"

Die Sprache Luthers ist also im Sinne der Sprachwissenschaft weder eine organische Fortsetzung einer mittelalterlichen Schriftsprache, noch die organische Ausbildung irgend eines damals lebendigen deutschen Dialekts: es ist, wie man sich jetzt gern ausdrückt, eine papierne Sprache. Schon Schleicher hat den Ausdruck für sie gebraucht oder doch wenigstens gesagt, dass sie ihren papiernen Ursprung deutlich an der Stirne trage. Es tut hier nichts zur Sache, inwieweit Luthers ganze Persönlichkeit und künstlerisches Sprachgefühl es ermöglicht haben, dass diese papierne Sprache groß und schön und lebendig werden konnte. Jedesfalls war der psychologische Zustand der Deutschen nach Einführung der Bibelübersetzung und vieler anderen Druckschriften der, dass kein einziger deutscher Volksstamm seine Mundart in dieser Schriftsprache wiederfand, dass dagegen jedermann, der lesen gelernt hatte, die neue Schriftsprache mit den Augen verstand und sich bemühte, sich in dieser Schriftsprache überall in Deutschland auch von Mund zu Mund verständlich zu machen. Wie war das möglich?

Die Wirkung des Bücherlesens war im 16. Jahrhundert immerhin noch so gering, dass die Mundarten in fast ungeschwächter Kraft weiter bestanden. Der Mecklenburger und der Schwabe konnten einander ebensowenig verstehen wie Bismarck und der viamische Fischer in Ostende, wie heute der Holländer und der Bayer einander verstehen können. Solange der Mecklenburger und der Schwabe die gemeinsame Schriftsprache so aussprachen, wie es ihnen die Heimatsmundart vorsprach, so lange blieb eine gegenseitige Verständigung auch nach der Erfindung der Buchdruckerkunst unmöglich. Es mußte also dasjenige geschehen, was wir heute noch bei plattdeutschen und bei schwäbischen Dorfkindern alle Tage beobachten können. Sie reden zu Hause ihre alte Mundart in langsamer Abschwächung weiter fort. Aber sie haben gelernt — wohlgemerkt: in der Schule gelernt —, dass überall in Deutschland die Sprache geredet werde, die sie schreiben und lesen können und die sie namentlich in der Religionsstunde in einer nicht eben anmutigen Weise auch sprechend üben. Kommen nun ein plattdeutscher Bauer und ein schwäbischer Bauer einmal zusammen und wollen sie sich miteinander verständigen, so reden beide die Katechismussprache, die ein Kompromiß ist zwischen ihrer Mundart und der deutschen Gemeinsprache der gebildeten Welt, die denn auch mit einer unbewußten Ironie ganz richtig die "Schriftsprache" heißt. Ich überlasse es besseren Arbeitern, als ich einer bin, diese Tatsachen sprachgeschichtlich genau zu untersuchen und die neue Lautverschiebung festzustellen, welche in sämtlichen deutschen Mundarten seit Luther in einer zentralen Richtung sich vollzogen hat. Diese neueste Lautverschiebung würde dann mit historischer Gewißheit auf etwas Schriftliches, auf die Einführung gedruckter Bücher zurückzuführen sein.


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