Mundarten


Man kann die Bedeutung des Buchdrucks für die Geschichte der Menschheit nicht hoch genug anschlagen. Hat er einerseits eine Art Vollständigkeit des Wissens für jeden Forscher auf jedem Gebiete erst möglich gemacht, so hat er anderseits die Demokratisierung des Wissens und damit die Demokratisierung der Welt vollendet. Natürlich wurde die Buchdruckerkunst erst erfunden, als das Wissensbedürfnis allgemeiner geworden war, und so ging wie gewöhnlich das Bedürfnis der Erfindung voraus. Dann aber entwickelte sich die geistige Revolution durch die neue Erfindung um so schneller. Die gedruckten fliegenden Blätter der Reformationszeit schufen den dritten Stand; die Bewegungen des Bauernkrieges, der großen französischen Revolution und des gegenwärtigen Sozialismus hängen aufs engste zusammen mit der Geschichte der Presse, die eine Geschichte der Buchdruckerkunst ist. Ein Blatt, das in hunderttausend Exemplaren an einem Tage verbreitet wird, verhält sich in seiner Wirkung etwa zu einem polemischen Gedichte Walthers von der Vogelweide wie ein Torpedo zu der Gefechtsleistung eines einzelnen Mannes und wäre er Herakles. Herakles ist künstlerisch schöner, ein Torpedo aber ist stärker als der Halbgott.

Ich lasse nun beiseite, welche Wichtigkeit diese Veränderung für die Einheit der Sprache hat. Wohl geht neben der unaufhaltsamen sprachlichen Einigung Deutschlands gerade jetzt das Bestreben einher, die Mundarten durch künstlerische Verwertung zu erhalten. Anstatt aber die Einigung aufzuhalten, ist diese Wiederbelebung — wie mir scheint — nur ein Zeichen, dass die Mundarten dem Verfall nahe sind, was übrigens für die dichterischen Zwecke der deutschen Sprache nur zu. bedauern ist. Es will mir scheinen, als ob diese krampfhaften Versuche, die Mundarten in Dialektdichtungen zu konservieren, an die Zeit erinnern, wo die Humanisten klassisches Latein zu schreiben sich bemühten. Das war nicht eine Renaissance der lateinischen Sprache: das war — wie schon gesagt — vielmehr das deutlichste Zeichen, dass die lateinische Sprache im Begriffe war, eine tote Sprache zu werden. Es ist ein romantischer Sinn im Menschen, die Toten zu ehren und auch von den Sterbenden nur Gutes zu sagen; es ist ein romantischer Zug der Einheitssprache, nach ihrem Siege den besiegten Mundarten schöne Grabsteine zu setzen. Und wer ein Ohr hat für die Volksseele, der wird bemerkt haben, dass wenigstens bei uns in Deutschland es die Gebildeten sind, die sich zumeist durch ihre Liebe zur Mundart auszeichnen, dass das Volk dagegen nach der hochdeutschen Sprache drängt. Bismarck spricht plattdeutsch mit seinem Förster; der Waldhüter spricht mit dem Fürsten gern hochdeutsch.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
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