Invasion des Alphabets


Auf den zweiten mir wichtig scheinenden Umstand in der Geschichte der Schrift scheue ich mich beinahe einzugehen, weil Vorarbeiten nicht genügend da sind und meine Fachkenntnisse zu gering, um die Vorarbeiten selbst zu leisten. Es soll also nur eine Anregung sein; und sie steht mit dem ersten Umstand in sehr lockerem Zusammenhang. Ich möchte mit einem Worte nur darauf aufmerksam machen, wie gänzlich verschieden die Geistestätigkeit eines Mannes ist, der etwa zum Studium der russischen oder der griechischen Sprache russische oder griechische Buchstaben erlernt, von der Geistestätigkeit etwa eines Wulfila (vorausgesetzt, dass Wulfila nicht schon eine Schrift vorfand), der seine dem Klange nach vertraute Muttersprache zum erstenmal schriftlich aufzeichnen will, weil er erfahren hat, dass es Kulturvölker gibt, die eine Schrift besitzen. In der gleichen Lage sind unsere Missionare und Sprachforscher, wenn sie irgend eine Wildensprache durch Schriftzeichen fixieren wollen; in der gleichen Lage waren wahrscheinlich die Griechen, das heißt außerordentliche Köpfe unter ihnen, als sie das phönikische Alphabet aufnahmen.

So schlüpfrig ist der Boden, auf den ich mich hier wage, dass ich selbst die Andeutung nicht anders aussprechen darf als in der Form einiger Fragen.

Wie ist es bei der Ungleichheit der Laute der verschiedenen Sprachen überhaupt möglich, das Alphabet der einen auf die andere anzuwenden? Jeder Schüler weiß es, und jeder Lehrer weiß es noch besser, dass alle Versuche, die Aussprache auch nur des Französischen oder Englischen einem deutschen Kinde oder Erwachsenen schriftlich mitzuteilen, vergeblich sind, trotzdem seit Jahrzehnten auf Grund der neuern Phonetik eine große Zahl von Aussprachezeichen erfunden worden ist, eine Zahl, die weit über die der Buchstaben hinausgeht. Das bekannte Wörterbuch von Sachs-Villatte enthält für die Vokallaute allein beinahe fünfzig Zeichen und auch diese genügen natürlich nicht, um dem Lernenden die wirkliche Aussprache des Französischen vorzuführen. Man stelle sich nun den alten Griechen vor, der gar das Alphabet einer semitischen Sprache zur schriftlichen Darstellung seiner Mundart zuerst verwendete und für die Feinheiten unserer Phonetik vielleicht ein Ohr, aber ganz gewiß keinen Begriff mitbrachte. Er malte die Buchstaben nach und ließ ihnen die semitischen Namen. Konnte er ihnen auch den semitischen Klang lassen? Entsprachen auch nur die ersten Laute des Alphabets in Griechenland dem phönikischen Laut? Hätte ein Phönikier sein aleph im griechischen alpha wieder erkannt? Wir zählen gegen zwanzig verschiedene Laute, die vielleicht unter den Begriff des aleph fallen mögen. Klang das phönikische beth wie das griechische beta? Klang das phönikische beth mehr wie unser b oder mehr wie unser p, oder klang es gar ähnlich wie das bh des Sanskrit? Und gar der dritte Buchstabe, das g! Unser Bühnen-g wird durch Anlegung der Zunge an die Grenze zwischen dem harten und weichen Gaumen ausgesprochen. Wie guttural mag das ghimei (Kamel) der Phönikier geklungen haben? Und wie das gamma der Griechen, wenn die Römer damit zuerst nichts Rechtes anzufangen wußten und es dann mit ihrem c (k) verwechselten, und wenn das g in den indoeuropäischen Sprachen sich so unentwirrbar verwandeln konnte?

Nun aber weiter. Ist es wohl denkbar, dass die Einsetzung eines nicht ganz passenden, ausländischen Zeichens für einen Laut der Muttersprache, oder — wie es wohl die Regel gewesen sein wird — für eine Reihe von Lauten, ohne Einfluß blieb auf die Aussprache des Lauts in der eigenen Mundart? Ist es nicht ganz unabweisbar, dass das einheitliche Zeichen für verschiedene Laute schließlich Lautverschiedenheiten weiter und weiter abschwächen mußte? Wenn eine Sprache, die deutlich geschiedene Gutturallaute besaß, das Alphabet einer Sprache entnahm, die g und k minder deutlich unterschied: mußte da nicht in der borgenden Sprache g in k übergehen oder umgekehrt?



Quelle: www.textlog.de

 © textlog.de 2004 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright