Runen


Nehmen wir z. B. die germanischen Runen, von denen wir freilich herzlich wenig wissen, recht gewiß aber das eine, dass sie durchaus keine geheimnisvollen Symbole, sondern ganz einfach stark veränderte lateinische Buchstaben waren, verändert wahrscheinlich durch die gröbere Technik des Schreibens. Es ist überzeugend, wenn die Fachgelehrten uns erzählen, wie aus der lateinischen Kapitalschrift die germanischen Runen wurden. Wollte man die schön gemalten lateinischen C, F, R und S mit dem Beil in Holz hauen oder mit einem groben Instrument in Bronze ritzen, so würden naturgemäß daraus die Zeichen

Es ist also das lateinische Alphabet sehr früh in Deutschland eingeführt worden, höchst wahrscheinlich war es in einem gewissen Gebrauch bereits in jener Germania, die Tacitus beschreibt. Nun äußern sich die römischen Schriftsteller in Scherz und Ernst über die Unaussprechbarkeit der germanischen Namen. Unaussprechbarkeit muß immer gegenseitig sein, wenn sie nicht bloß auf der Ungewohnheit der Lautgruppen, sondern daneben auch auf der Unähnlichkeit der Laute selbst beruht. Wenn nun den Germanen der Tacituszeit die lateinischen Worte unaussprechbar oder schwer aussprechbar waren, wie konnten sie mit Hilfe lateinischer Buchstaben ihre eigene Sprache schreiben, ohne ihre eigenen Laute zu gefährden? Man vergleiche einmal die verschiedenen Runenalphabete und wird bald finden, dass g und k, dass t und d namentlich in den nordischen Runen nicht auseinander gehalten wurden. Weiter: der Laut th, der in seiner Runenform von der germanischen Sprachwissenschaft noch heute gebraucht wird, weil man sich anders nicht zu helfen weiß, dieser Laut hat in sämtlichen Runenalphabeten ein Zeichen, das wahrscheinlich aus dem lateinischen D entstanden ist. Ich frage also wieder: Wie hörte der alte germanische Schriftgelehrte, der dieses Zeichen einführte, das lateinische D aussprechen? Und ich komme zu meiner verfänglichsten Frage: Steht die berühmte erste Lautverschiebung der germanischen Sprache nicht vielleicht in irgend einem Zusammenhang mit der ersten Einführung der lateinischen Schrift? Richtiger gefragt: Eing die berühmte Lautverschiebung nicht mit einer Schreibung an, aus der man jetzt (bei der Schriftlichkeit aller Quellen) die "Gesetze" abzuleiten sucht? (Vgl. Paul, Grundriß I, 548.)



Quelle: www.textlog.de

 © textlog.de 2004 •
Seite zuletzt aktualisiert: 08.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright