Lautgesetze


Ich kehre zu den Gesetzen des Junggrammatikers zurück. Der kleine Ausflug, den wir eben gemacht haben, läßt uns vielleicht freier atmen und denken. Wenn es nur Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten sind, was wir auch in der Sprache Gesetze nennen, so spricht aus der Lehre von der Ausnahms-losigkeit der Lautgesetze doch nur der lobenswerte Wunsch: Wir wollen künftighin nur solche Ähnlichkeiten durch eine Formel zusammenfassen, die durch ihre Regelmäßigkeit den Gedanken an einen Zufall verscheuchen. Es ist also das berühmte Wort dieser neuen Schule nicht so sehr schon eine Entdeckung als vielmehr eine Warnung vor der törichten Anwendung des Wortes Gesetz. Weil die Herren das aber nicht zugeben, weil sie doch gern im kleinen etwas Entdeckerwollust genießen möchten, darum haben sie ihr großes Gesetz verklausuliert und begnügen sich zur Not mit kleinen Gesetzchen, die dann innerhalb einer begrenzten Zeit und eines begrenzten Raums gelten sollen. Damit scheint es mir zusammenzuhängen, dass die Junggrammatiker mehr und mehr (und sehr verdienstvoll) die Mundarten moderner Sprachen zu Hilfe genommen haben, um wenigstens die Wahrscheinlichkeit ihrer Lehre zu beweisen. Von einem zwingenden Beweise sind sie nach eigenem Geständnis weit entfernt. Und ihre Aufstellungen, so erstaunlich auch die aufgewandte Gelehrsamkeit ist, und so überzeugend oft ihre Gruppenbildung, erinnern dennoch an die Ausnahmen der lateinischen Genusregeln; sie sagen allerdings, dass die Gesetze einander kreuzen, wo aber für das kreuzende Gesetz die sichere Erklärung fehlt, da hat es doch eine verzweifelte Ähnlichkeit mit einer gut beschriebenen Gruppe von Ausnahmen. Man darf sich nur von dem feierlichen Worte Gesetz nicht verblüffen lassen. Ob die kreuzende Regel gegenüber den allgemeinen Genusregeln sich auf Endungssilbe und auf Bedeutung beruft oder ob nach dem viel gerühmten Vernerschen Gesetz die germanische Lautverschiebung durch die Betonung durchbrochen wird, so dass wohl "Vater" dem lateinischen pater, aber "Bruder" dem lateinischen frater entspricht, beidemal liegen doch nur Ausnahmsgruppen vor, welche mehr oder weniger gut beschrieben, aber gar nicht erklärt sind. Auf den scheinbar wichtigen Gegensatz zwischen dem psychologischen Einfluß der Bedeutung (bei den Genusregeln) und dem physiologischen Einfluß (bei den Lautgesetzen) werde ich gleich näher zu sprechen kommen.

Immerhin wird Georg Curtius recht behalten, wenn er in seiner Kritik der neuesten Sprachforschung sagte, der Grundsatz der Ausnahmslosigkeit der Lautbewegung habe mehr die Bedeutung eines selbsterziehenden Prinzips für die Philologen. In sehr vielen Fällen haben die besser geschulten Forscher auf Grund ihrer strengeren Beobachtungen Etymologien wieder zurückgewiesen, welche von der Sprachvergleichung im ersten Taumel nach der Heranziehung des Sanskrit aufgestellt worden waren. Man schrieb solche kritische Leistungen der Konstanz der Lautgesetze zugute. Es gibt aber auch Fälle, in denen ganz offenbar eine Verwandtschaft vorliegt, trotzdem die Junggrammatiker sie leugnen müssen. Das germanische "haben" und das lateinische "habere" ist denn doch gar zu identisch, als dass man sie nicht miteinander vergleichen sollte, wenn auch alle Junggrammatiker lehren, einem lateinischen h müßte ein germanisches g entsprechen. Müßte! Wo war denn das Lautgesetz angeschlagen, wo war denn seine Übertretung mit Strafe bedroht, als das germanische Wort "haben" gebildet wurde? (Vgl. D. W. IV. II. Sp. 45 f.)

Nun aber zum Hauptpunkt. Ich habe hier wieder daran erinnert, was an anderen Stellen ausführlich gesagt ist, dass der Begriff Gesetz nicht ernsthaft auf Vorkommnisse in der Entwicklung der Sprache angewendet werden dürfe, dass der Begriff Analogie nur tatsächliche Ähnlichkeit bedeute, dass also das Vorhandensein von Gruppen ähnlichen Lautwandels — ob sie einander nun kreuzen oder nicht — nur bildlich mit der Bezeichnung Lautgesetz zu beehren sei. Nun geben aber die Junggrammatiker den Tatsachen gegenüber natürlich zu, dass die angeblich ausnahmslosen physiologischen Gesetze des Lautwandels durch psychologische Einflüsse durchbrochen werden. Sie stellen sich das entweder gar nicht vor oder vielleicht so, dass das Mechanische unwiderruflich feststeht, es aber im Willen des Menschen liege, das Mechanische nach seinem Interesse umzugestalten. Wenn es z. B. regnet, so wird man naß, ausnahmslos; aber der psychologische Wille des Menschen kann gegen den Hegen ein Haus bauen mit einem schützenden Dach, oder er kann einen dicken Mantel um die Schultern legen, oder er kann einen Regenschirm aufspannen, oder er kann gegen die Nässe sich abhärten. So kann der Lautwandel, der an sich nach dem allgemeinen Glauben rein mechanisch ist, beeinflußt werden durch irgendeine gelehrte Sichtung, durch irgendeine ästhetische Mode, durch den Nutzen, welchen die Beibehaltung alter Formen unter Umständen gewährt, oder endlich kann der mechanische Lautwandel geradezu als ein Vorzug empfunden und künstlich beschleunigt werden. Aber nach allen diesen Abzügen soll doch immer der mechanische, der physiologische Lautwandel als wichtigstes Ereignis in der Entwicklung der Sprache bestehen bleiben.


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 16:49:50 •
Seite zuletzt aktualisiert: 02.09.2006 
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