Schallnachahmung


Diese Bemerkung zwingt mich, noch eine andere einzuschieben, welche die Tatsache illustriert, wie überall Falsches und Wahres durcheinander geht und wie sich bei dem spiralen Gang alles Fortschritts eine chronologische Darstellung der Ursprungstheorien gar nicht aufrecht halten läßt. Es ist nämlich hinter den bis zur Gegenwart reichenden Anschauungen von einer Onomatopöie als dem Ursprung der Sprache notwendig die Erfindungstheorie verborgen. Erst meine Vorstellung von der Schallnachahmung, als von einer metaphorischen Geistestätigkeit, verzichtet auf die Erfindungstheorie und setzt über die Spracherfindung keinen sprachlos denkenden Erfinder. Eine Ahnung von dem wirklichen psychologischen Sachverhalt müssen freilich auch schon Leibniz, de Brosses, Herder gehabt haben. Mehr oder weniger deutlich wird überall zwischen "eigentlichen" Onomatopöien (wie Kuckuck) und den symbolischen Onomatopöien unterschieden, bei denen z. B. angeblich ein sanftes Geräusch durch einen sanften Buchstaben ausgedrückt wird. Leibniz weiß auch schon, dass die Mehrzahl (!) der Worte seit ihrem Ursprung einen außerordentlichen Lautwandel und Bedeutungswandel durchgemacht habe.

Wie toll und wüst es bei solchen Untersuchungen, die Spracherfindung und Schallnachahmung vermischen, in den gelehrten Köpfen aussah, das ließe sich an dem bedeutendsten Systematiker der Onomatopöie, an de Brosses ganz lustig nachweisen, wenn solche Kritik der Geschichte nicht Zeitverschwendung wäre. Nur auf den Wortaberglauben sei hingewiesen, mit welchem de Brosses aus der Bezeichnung "Onomatopöie" (Namenmachung) seine Lehre zu begründen suchte, als ob die ausschließliche Verwendung des Wortes für Schallnachahmungen etwas anderes bewiese, als dass zur Zeit dieses Bedeutungswandels die Nachahmungstheorie siegreich war.

Wir werden erfahren oder lernen, dass auch der Kuckuckruf in der Natur nicht artikuliert ist, dass die Natur überhaupt nicht mit menschlichen Sprachorganen artikuliert, dass also alle Onomatopöien symbolischer Art sein müssen, wenn das Gefühl der Schallnachahmung nicht wie gewöhnlich (oder wie immer) nachträglich in den Wortklang hineingelegt worden ist. Es ist in diesem Schallnachahmen a posteriori die feinste Form des Wortaberglaubens verborgen. Wir empfinden hunderte von Worten als "richtig", weil wir sie a posteriori als Schallnachahmung empfinden. Wir empfinden den Ausdruck "Blitz" als eine richtige metaphorische Schallnachahmung des plötzlichen Aufleuchtens, trotzdem die Linguisten uns erzählen, das Wort hänge mit "blaken" und dem indischen bharga (Glanz) zusammen.

Mir scheint es unbedingt sicher, dass bei der metaphorischen Schallnachahmung (mögen nun unartikulierte Naturgeräusche oder sichtbare Sinneseindrücke durch artikulierte Menschenlaute metaphorisch nachgebildet werden) der bewußte Menschenverstand, also die Erfindung, nichts zu tun haben könne; die Vergleichung zwischen unartikulierten Naturlauten und artikulierten Menschenlauten, die Vergleichung gar zwischen sichtbaren Eindrücken und hörbaren Zeichen kann sich gar nicht anders als unbewußt abspielen. Denn die unartikulierte oder unhörbare Hälfte des Vergleichs gehört ja der Sprache oder dem Denken gar nicht an. Man könnte mir entgegenhalten, dass es eine ganze Menge Schallnachahmungen von Tierlauten gebe, die in historischer Zeit von ganz bestimmten Menschen ersonnen worden sind. Ich wüßte aber keinen einzigen Fall zu nennen, in welchem diese Onomatopöien zu einem Teile der Gemeinsprache wurden, ganz abgesehen davon, dass der psychologische Vorgang bei dem erfindenden Dichter doch wieder um so unbewußter gewesen sein wird, je mehr er ein ganzer Dichter war. Die Verse von Julius Wolff wimmeln von solchen künstlichen Onomatopöien, aber sie sind trotz der jahrelangen Mode nicht Sprache geworden. Die prachtvollen Onomatopöien in Bürgers "Lenore" sind nicht in die Sprache übergegangen, so instinktiv sie auch entstanden sein mögen; das "hopp" gehörte der Sprache schon früher an. Zweitausend Jahre nach Aristophanes hat Hauptmann das Quaken des Froschkönigs abermals mit den Lauten "brekekekex kworax" wiedergegeben; auch solche Zuhörer, die es nicht als einen alten Scherz des Aristophanes wiedererkannten, fanden die Klangnachahmung hübsch, weil der Darsteller auf der Bühne, Herr Müller, das Quaken sehr geschickt hineinverlegte, a posteriori; der Sprache gehört weiter wie bisher das Wort "quaken" an. Und wenn wir dieses "quaken" für eine vorzügliche Schallnachahmung halten, so ist auch das wieder eine Onomatopöie a posteriori. Was ich darunter, unter dem nachträglichen Hineinverlegen des Naturschalls in die artikulierten Menschenlaute, verstehe, werde ich später deutlich zu machen haben, wenn ausführlich von der Metapher die Rede sein wird. Es scheint mir aber interessant, dass wir in diesem Worte sicher bei dem "qua" gerade die Nachahmung des Froschgesanges zu hören glauben und dass wir doch (in Norddeutschland) eben mit derselben Silbe gerade das Tönen der Menschensprache, das Tönen ohne Beziehung auf einen Inhalt, daher das unsinnige Geschwätz, schallnachahmend auszudrücken glauben, wenn wir "quaseln" sagen. Das Wort "Quatsch", das in Norddeutschland etwas Ähnliches bedeutet, läßt sich sogar auf die Bedeutung einer breiartigen Masse zurückführen, wo denn die Schallnachahmung wieder dieselbe wäre wie in "Klatsch". Die Sprache spielt mit uns, wenn wir mit ihr spielen.


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