Worte und Wurzeln


Man hüte sich davor, die Sprachwurzeln, die toten Konstruktionen indischer und arabischer Grammatiker, zu verwechseln mit ururalten Sprachgebilden, wie sie teils vorgefunden, teils rekonstruiert, teils phantastisch angenommen worden sind. So ein ururaltes Lautzeichen konnte wohl, mit den Mitteln unserer Sprache dargestellt, materiell einen außerordentlich weiten Umfang besitzen und ähnlich wie die aufgestellte Wurzel viele Begriffe zugleich bezeichnen, die wir heute durch immer wieder neue Worte ausdrücken. Ebenso konnte jenes alte Wort, mit den Mitteln unserer heutigen Sprache definiert, in formeller Beziehung die Kategorien des Nomens, des Verbums, des Adjektivs usw. umfassen, während wir uns heute für jede Kategorie besondere Bildungsformen angewöhnt haben. Es ist aber doch offenbar ganz willkürlich, wenn wir die Differenzierung der Begriffe unserer Vorstellungswelt, die Trennung der Kategorien unserer Analogieweit auf jene alte Zeit anwenden. Jenes Lautzeichen konnte — mit der Weite unserer Begriffe gemessen — noch so umfassende oder unklare Vorstellungen erwecken, die Sprecher jener Zeit glaubten dennoch fest-umrissene Vorstellungen auszudrücken, genau so wie wir mit unseren Differenzierungen und Kategorien genau definierbare Vorstellungen auszudrücken glauben. Es war jenes Lautzeichen ein Wort und keine Wurzel.

Die sogenannten Wurzeln, mit welchen die eigentliche Sprachwissenschaft zu tun hat, sind nie und nirgends im Sprachgefühl redender Menschen vorhanden gewesen; sie sind Hypothesen der Grammatiker, Fiktionen der Wissenschaft, die eine gewisse Ähnlichkeit haben mit den Urtypen der Tiere und Pflanzen, welche von Zoologen und Botanikern angenommen und von ihnen nachher vergebens unter den Resten ausgestorbener Tiere gesucht werden. So wollte sich mit den Wurzeln eine besondere Paläontologie der Sprache beschäftigen, eine hypothetische Wissenschaft, die sich am liebsten Sprachphilosophie nennt.

Es sind die Gelehrten dieser Richtung, welche sich namentlich mit der Frage beschäftigt haben, ob die Wurzeln ursprünglich die konkreten Dinge selbst benannten oder ob sie ursprünglich Eigenschaften beziehungsweise Tätigkeiten bezeichneten, die erst später zur Namengebung für konkrete Dinge dienten. Wir wollen diese Forscher nicht dadurch in Verlegenheit bringen, dass wir auf ja und nein Antwort darauf verlangen, ob ihre Wurzeln schon Worte gewesen seien oder nicht. Wir wollen auch an dieser Stelle nicht untersuchen, wann und wo in dem kurzen Abriß der menschlichen Sprachentwicklung, den wir an der Kindersprache vor uns haben, Wurzeln gesehen oder gehört worden sind. Wir können aber nicht die Frage umgehen, was wohl diese Forscher unter dem Begriff der Entwicklung verstehen, wenn sie eine so ausgebildete Sprachform, wie sie z. B. in den Wurzeln des Sanskrit vorhanden war, an den Anfang setzen.


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