Konkrete oder abstrakte Bedeutung


In dem Streit um die Bedeutung der Wurzeln steckt nun aber noch eine andere philosophische Naivetät, die es uns unmöglich macht, von unserem Standpunkte aus auch nur Stellung zu dem Streite zu nehmen. Es gehen nämlich die Herren, welche den Sinn der Wurzeln konkret auffassen, von der Überzeugung aus, die Objekte der Wirklichkeitswelt wären das Erste, das Gewisse, wären uns wohl bekannt, während wir doch höchstens von ihren Eigenschaften oder Tätigkeiten. etwas wissen. Die Anschauung dieser Herren ist also eine vorphilosophische. Ihnen gegenüber sind natürlich die Gegner im Recht, sobald sie behaupten, es sei uns von den konkreten Dingen überhaupt nur das Abstrakte bekannt, eine Eigenschaft oder eine Tätigkeit. Aber diese Gegner sind wieder so naiv, die letzte Abstraktion von der Wirklichkeit, die seit etwas mehr als hundert Jahren erst in einigen Dutzend Köpfen vollzogen worden ist, dem Sprachgefühl jener Menschen unterzuschieben, die vor einigen tausend Jahren eine wurzelhafte Sprache gesprochen haben sollen.

Es ist eben schwer, in das Sprachgefühl urzeitlicher Menschen mit den Mitteln unserer Sprache hineinzuleuchten. Jede Zeit glaubt mit Faustens Wagner, sie habe es herrlich weit gebracht; jede Zeit hält ihr Sichzurechtfinden in der Welt für Welterkenntnis, ebenso wie wir unser Zurechtfinden Erkenntnis nennen und sie gar hübsch in Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften einteilen. Es kann uns aber bei einiger Bescheidenheit nicht verborgen bleiben, dass auch das Tier, selbst das niederste, sich in seiner Welt zurechtfindet, dass auch das Tier dieses Sichzurechtfinden seine Welterkenntnis zu nennen berechtigt wäre. Das Weltbild der Amöbe (I, S. 388) ist vielleicht wahrer, unmittelbarer als das Weltbild des mittelbar erkennenden, sprechenden Menschen. Diese praktische Gewohnheit des Lebens ist durchaus nicht an ein Denken oder Sprechen gebunden. Wir nehmen an, dass der Hund z. B. ein paar Dutzend Begriffe besitze, die er in seiner Sprache ausdrücken oder verstehen kann. Wenn der Hund jedoch von einem Spaziergange nach Hause zurückkehrt, die nächsten Straßen wählt, den Leuten ausweicht, den Wagen und Reitern nachläuft, bei seinen Artgenossen stehen bleibt, Hündinnen beschnuppert, wenn er sich im Vorübergehen für jeden Laden interessiert, wo es Lebensmittel gibt, ja dann findet er sich in einer ganz komplizierten Welt zurecht, und er würde zugrunde gehen, wenn er es nicht könnte. Der Hundefänger würde ihn fangen und schlachten, wenn der Hund trotz aller auf ihn einstürmenden und ihn abziehenden Reize diese praktische Orientierung nicht besäße. Wir können außerordentlich weit in der Stufenreihe der Tiere hinabsteigen und stoßen immer auf die geheimnisvolle Fähigkeit der Lebewesen, sich zurechtzufinden. Nach den neuesten Untersuchungen orientiert sich sogar das mikroskopische weiße Blutkörperchen auch außerhalb des lebendigen Körpers so gut, dass es sich dem ihm zusagenden Nahrungsstoff entgegenbewegt, dass es also auf einen ihm nützlichen Reiz reagiert.


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