Schleicher


Es ist darum nicht wunderbar, dass eine ausreichende Definition des Begriffes der Sprachverwandtschaft auch bei minder modernen und minder skeptischen Forschern als Schmidt nicht zu finden ist. Ich habe mich wenigstens vergebens nach einer wissenschaftlich brauchbaren Definition umgesehen. Diejenige, welche in ihrer hilflosen Formulierung die Tatsachen am besten wiedergibt und für die Praxis der Sprachvergleicher auszureichen scheint, steht bei Schleicher (Die deutsche Sprache S. 26): "Wenn zwei oder mehr Sprachen so stark übereinstimmende Laute zum Ausdruck der Bedeutung und Beziehung verwenden, dass der Gedanke an zufälliges Zusammentreffen durchaus unstatthaft erscheint, und wenn ferner die Übereinstimmungen sich so durch die ganze Sprache hindurch ziehen und überhaupt derart sind, dass sie sich unmöglich durch die Annahme einer Entlehnung von Worten erklären lassen, so müssen die in solcher Weise übereinstimmenden Sprachen von einer gemeinsamen Grundsprache abstammen, sie müssen verwandt sein." Sieht man sich diesen Definitionsversuch genauer an, so bemerkt man, dass Schleicher doch nicht sehr weit über den Begriff der Ähnlichkeit hinausgelangt. Wenn zwei Sprachen einander so ähnlich sind, dass die Annahme eines Zufalls "unstatthaft", das heißt wohl unwahrscheinlich, dass die Annahme einer Entlehnung "unmöglich", das heißt wohl wieder unwahrscheinlich ist, dann nennt Schleicher diese Ähnlichkeit Verwandtschaft. Und wir alle stehen mit ihm so sehr unter dem Banne der sprachvergleichenden Disziplin, dass wir bis zur Stunde glauben, die Verwandtschaft von Sprachen sei uns ein klarer Begriff. Offenbar aber wird der Begriff der Verwandtschaft nur bildlich auf das Verhältnis der Sprachen untereinander angewendet. Diese letzte Bemerkung ist so einfach und unschuldig, dass ihr kritischer Wert für die vergleichende Sprachwissenschaft nicht gleich in die Augen fällt. Ich muß darum etwas pedantisch werden. Im Französischen fällt die Bezeichnung parent so deutlich mit dem lateinischen parens (der oder die Erzeugende, Gebärende) zusammen, dass der wahre Sinn der Verwandtschaft auf der Hand liegt. Parents sind einzig und allein diejenigen lebendigen Wesen, die durch einen Akt der Zeugung miteinander zusammenhängen. Unser deutsches "verwandt" ist glücklicherweise ebenso gebildet. Es ist das Partizip zu dem mittelhochdeutschen "verwenden" in der seltenen Bedeutung von "verheiraten". Früher war im Deutschen das Wort Sippe oder Sippschaft häufiger, welches nichts als Blutverwandtschaft bedeutete. Es braucht nicht besonders darauf hingewiesen zu werden, dass in jedem Stammbaum einer Familie der Zusammenhang ebenfalls nur durch Akte der Zeugung herzustellen ist, wobei üblicherweise außer acht gelassen wird, dass bei der Abstammung der Menschen, wie bei allen höheren Tieren, zwei parentes nötig sind, dass der verwandte Teil sich mit einem unverwandten verbinden konnte; es braucht auch nicht darauf hingewiesen zu werden, dass die Stammbäume, wie sie von den Schülern Darwins für das Tierreich aufgestellt worden sind, einzig und allein auf Akten der Zeugung beruhen. Es wird also der Begriff der Verwandtschaft von menschlichen Familien ganz gut auf die angenommenen Stammbäume der Darwinisten übertragen. Ganz schief aber ist die bildliche Übertragung desselben Begriffs auf das Verhältnis der Sprachen. Und gerade Schleicher, der Darwins Theorie zuerst auf die Sprachwissenschaft anwandte, hätte den Begriff der Sprachverwandtschaft, der bis dahin von den Sprachvergleichern naiv gebraucht worden war, als einen metaphorischen erkennen müssen. Denn er hat in seinem Sendschreiben an Ernst Häckel ("Die darwinische Theorie und die Sprachwissenschaft") einmal vorsichtig darauf hingewiesen, dass die bezüglichen Ausdrücke, deren sich die Sprachforscher bedienen, von denen der Naturforscher abweichen. Er brauchte nur einen Schritt weiter zu tun, um zu bemerken, dass der Begriff der Blutsverwandtschaft auf die Sprachsippe keine Anwendung finde. Er bemerkt es jedoch nicht und hilft sich weiter mit metaphorischen Redewendungen, denen ein gutes Sprachgefühl die Verlegenheit ansehen müßte. In einem einzigen Satze spricht er zuerst von den aus dem Lateinischen "hervorgegangenen" romanischen Sprachen und sodann von den aus dem Sanskrit "gewordenen" neueren indischen Sprachen. Er hätte es nur wagen sollen, anstatt hervorgegangen und geworden "gezeugt" zu setzen, und die Wahrheit hätte ihm nicht verborgen bleiben können.


 © textlog.de 2004 • 19.10.2017 20:25:52 •
Seite zuletzt aktualisiert: 02.09.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright