Begriff der Verwandtschaft


Die Wahrheit ist, dass der Begriff der Verwandtschaft nur bildlich auf die Sprachen anwendbar ist. Und diese Wahrheit scheint mir wichtiger, als ihre unscheinbare Form vermuten läßt. Es ist keine Zeugung, welche die Verbindung zwischen einer jüngeren und einer älteren Sprache herstellt; das ist selbstverständlich. Es gibt aber auch kein sprachliches organisches Wesen, welches mit einem anderen vorhergegangenen organischen Wesen in Verbindung zu setzen wäre. Es sind immer nur Worte, welche mit früheren Worten Ähnlichkeiten haben, Bewegungen also, welche mit früher üblichen Bewegungen Ähnlichkeiten haben. Die Metapher, welche den Begriff der Verwandtschaft auf die Sprachen anwendet, wird also immer unverständlicher. Die ganz unklare Vorstellung, dass die Sprachen, wenn sie schon nicht durch die zweigeschlechtliche Zeugung der höheren Tiere entstanden sind, doch in ähnlicher Weise auseinander hervorgehen wie etwa die Protozoen durch Teilung, Sprossung usw., auch diese unvorstellbare Vergleichung muß fallen gelassen werden. Denn auch bei den Protozoen liegt ausgesprochene Zeugung vor, eine Vererbung, gegen welche die verändernde Anpassung nur eine bescheidene Rolle spielt. Es ist mir wenigstens nichts davon bekannt, dass man Geißelschwärmer, Labyrinthläufer und Radiolarien bloß miteinander zu vermischen brauche, um neue Tierarten zu gewinnen, wie doch ohne Frage Sprachen entstanden sind (Englisch, Neupersisch) und wie ganz gewiß jeden Tag neue Sprachen entstehen können und entstehen. Historische Fakta wie der Einfluß Englands in China haben z. B. zum sogenannten Pidgin-Englisch geführt (pidgin verdorben aus business). Wir können das so ausdrücken, dass die Worte oder Sprachbewegungen sich zwar von Menschen auf Menschen übertragen, nicht durch Fortpflanzung, sondern durch Nachahmung, und dass eine konservative Tendenz vorhanden ist, dass jedoch neben dieser Tatsache (die man meinetwegen bildlich eine Vererbung nennen mag) das Anpassungsvermögen der Sprachen, das heißt die Willkür des Menschen seine Bewegungen zu ändern, unbegrenzt ist. Nur ein Narr könnte den linearen Zusammenhang einer jüngeren Sprache mit ihrer älteren Form leugnen; nur ein Blinder könnte leugnen, dass außer diesem offenbar und historisch sichtbaren linearen Zusammenhang auch seitliche Verknüpfungen mit gleichzeitigen Sprachen bestehen. Es sei auch zugegeben, dass alle solche seitlichen Verknüpfungen und Verbindungen schließlich auf die Form von einem linearen Zusammenhange zurückgeführt werden können. Ich behaupte aber, dass es völlig unzulässig ist, diesen linearen Zusammenhang eine Verwandtschaft zu nennen. Ich glaube auch beobachtet zu haben, dass die Sprachforscher für den historisch nachweisbaren Zusammenhang den Begriff der Verwandtschaft gar nicht anzuwenden lieben. Man sagt nicht gern, die neuhochdeutsche Sprache sei mit der althochdeutschen "verwandt", noch weniger gern, es sei das heutige Französisch mit dem Vulgärlateinischen "verwandt". Man kann da den wirklichen linearen Zusammenhang ziemlich genau verfolgen und fühlt instinktiv, dass der Begriff der Verwandtschaft die Tatsache der Identität (die gleiche wie bei dem jungen und demselben alten Menschen) mehr verdunkle als erkläre. Erst da, wo die historische Kenntnis aufhört, wo der lineare oder der seitliche Zusammenhang unterbrochen ist, erst da wird der Begriff der Verwandtschaft hervorgeholt: das Neuhochdeutsche ist mit dem Gotischen, das Latein mit dem Griechischen verwandt.

Und so komme ich zu der allerdings sehr unbequemen Behauptung, dass bei der unbegrenzten Anpassungsfähigkeit der menschlichen Sprachbewegungen ein Artunterschied zwischen seitlich entlehnten Worten und linear überkommenen Worten gar nicht zu statuieren sei, dass da nur ein Gradunterschied sei. Es wäre im 17. Jahrhundert möglich gewesen, dass durch furchtbare politische Ereignisse Deutschland vernichtet worden wäre und dass die infame Invasion romanischer Worte in unsere liebe Muttersprache noch weiter um sich gegriffen hätte; dann wäre eine neue romanische Sprache entstanden, für unser Gefühl ekelhaft, objektiv betrachtet ebenbürtig dem Spanischen und Französischen. Und wenn wir keine schriftsprachlichen Belege für den Zusammenhang des Spanischen und des Französischen mit dem Lateinischen hätten, so würden wir auch in diesen Sprachen linearen und seitlichen Zusammenhang nicht auseinanderhalten können.

Johannes Schmidt war kühn genug zu verlangen, man müsse die Idee des Stammbaums gänzlich aufgeben. Er versuchte dafür bald die unklare Wellentheorie zu setzen, bald das etwas bessere Bild von einer schiefen Ebene, auf welcher sich die Sprachen von ihrer ältesten Form bis zur jüngsten herab bewegen und in welcher sie, durch politische, religiöse, soziale Verhältnisse gedrängt, Treppen bilden. So glaubt Schmidt hübsch die Tatsache bildlich auszudrücken, dass die Sprachen trotz Wellentheorie und schiefer Ebene doch nicht allmählich ineinander übergehen, sondern scharf begrenzte Absätze bilden. Es kommt dem überaus verdienstvollen Manne darauf an, zu zeigen, dass die uns erreichbare Grundform einer Lautgruppe immer nur das jeweilige Ergebnis der augenblicklichen Forschung ist, nur für die Sprachgeschichte von einigem Wert, dass aber die Zusammenstellung solcher Grundformen zu einer angeblichen Ursprache sinnlos sei. Schon chronologisch schwinde aller Boden unter den Füßen. Damit hat Johannes Schmidt ein Phantom der Sprachwissenschaft vernichtet, das Streben nach Entdeckung der Ursprache; den weiteren Schritt hat er nicht getan, das andere Phantom mit seiner gründlichen Kenntnis völlig aus der Welt zu schaffen, den unhaltbaren Begriff einer Sprachverwandtschaft.



Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 02.09.2006 
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