Falsche Analogie


Die mühsam verklausulierte Form macht diese Gesetze verdächtig. Es ist aber auch schlimm, dass ihr Inhalt, in schlichten Alltagsworten ausgedrückt, keinen ganz ernsten Eindruck machen würde. Man könnte nämlich einfach sagen: die Geschichte der Sprache vollzieht sich teils regelmäßig, teils unregelmäßig; und diese ebenso richtige wie unbrauchbare Beobachtung haben schon die Alten gemacht, da sie die ihnen bekannte Bildungsweise der Sprache in die Wirkungen der Analogie und der Anomalie zerlegten. Analogie und Anomalie waren für die Alten allerdings so etwas wie Personifikationen, Götter, besondere Kräfte; unsere modernsten Forscher wissen sich von solchem Irrtum frei, haben aber in die bewegenden Kräfte der Sprache, die sie Prinzipien nennen, arge Verwirrung gebracht. Im Grunde waren die Alten viel vorsichtiger, wenn sie gleichmäßige Erscheinungen unter den Begriff der Analogie brachten, das heißt unter den Begriff der Ähnlichkeit, weshalb denn auch die Lateiner Analogie mit comparatio übersetzten. In dem richtigen Gefühle, dass eigentlich nur unerklärte ähnliche Tatsachen vorliegen, also nur Analogien, wo sie von Lautgesetzen sprechen, in dem weiteren richtigen Gefühle, dass auch die kreuzende Tätigkeit der Anomalie fast niemals isoliert sei, fast immer durch psychologisches Anschließen an andere Gruppen zustande komme, haben nun die Junggrammatiker — besonders von Scherer angeregt — die nach ihrer Anschauung ungesetzlichen Bildungsformen "falsche Analogien" genannt. Es ist den Herren beim Gebrauche dieses Wortes nicht behaglich zumute. Osthoff schlägt dafür den Ausdruck "Assoziationsbildungen" vor, weil der Terminus "falsche Analogiebildung" mit der Sache ein nicht zu rechtfertigendes Odium verknüpfe. Auch ich glaube, dass es ebensowenig angehe, seit Jahrhunderten gebrauchte Sprachformen falsch zu nennen, wie eine neugezüchtete Art von Rosen falsche Rosen zu nennen. Aber die Gefahr im Gebrauch des Wortes Analogie liegt viel tiefer; es wird einfach — mit Erlaubnis der gelehrten Sprachforscher — ein Fremdwort von ihnen falsch angewendet.

Als die alten Griechen das Wort Analogie auf solche Gleichmäßigkeiten anpaßten, da sprachen sie — fast möchte ich sagen: deutsch. Das Wort ihrer Muttersprache war ihnen kein gelehrter Terminus. Analogie hieß ihnen die Ähnlichkeit zweier Formen, noch allgemeiner: das Verhältnis zweier Formen. Die Lateiner nannten das, wie gesagt, comparatio, aber auch proportio. Nun wurde aber von dem großen Schulmeister Aristoteles das Wort Analogie — immer noch ganz unpedantisch — auf diejenigen Schlüsse angewendet, die nichts beweisen, die nur von einer Ähnlichkeit ausgehen. Dieser vollkommen unwissenschaftliche Schluß würde in kurzen Worten lauten: wenn zwei Dinge in vielen bekannten Eigenschaften übereinstimmen, so werden sie wohl auch in den unbekannten Eigenschaften übereinstimmen; noch kürzer und noch klarer wäre die Unsinnigkeit: wenn zwei Dinge einander ähnlich sind, so werden sie wohl einander gleich sein. Viele Irrtümer in der Geschichte der Wissenschaften beruhen auf den Analogieschlüssen. Die Sonne und der Mond bewegen sich ähnlich um die Erde herum; sie werden also beide die Eigenschaften der Planeten haben. In Wirklichkeit ist weder Sonne noch Mond ein Planet. Es gehört die Lehre vom Analogieschluß gar nicht in die Logik hinein, sondern nur in eine Darstellung der Schwächen des menschlichen Verstandes, also insofern doch in die Logik oder Pathologie des Denkens. Die Lehre vom Analogieschluß ist jedoch tatsächlich mit der übrigen Logik in die Gelehrtenköpfe hineingeraten; man könnte sie die Lehre vom falschen Vergleichen nennen. Hatte man nun aber erst einen gelehrten Terminus für das nachfolgende Schließen aus Ähnlichkeiten, so wandte man diesen Terminus technicus auch auf das Entstehen solcher Ähnlichkeiten an. Wie so oft redeten da die modernen Gelehrten griechisch, wo die Griechen ungelehrt das Wort ihrer Muttersprache gebrauchten.

Die beiden Gesetze Osthoffs, welche an die Stelle der alten Begriffe "Analogie und Anomalie" die neuen Begriffe physiologisches Gesetz und psychologische Durchkreuzung setzen möchten, sind also nichts anderes als: Analogie und falsche Analogie oder einfacher: richtiger und unrichtiger Sprachgebrauch, wobei ich allerdings gleich bemerken muß, dass unter unrichtigem Sprachgebrauch jede kleinste Änderung zu verstehen ist, die später selbst zum sogenannten richtigen Sprachgebrauch wird. Analogie ist es und nebenbei sicherlich das Ende einer langen lautgesetzlichen Entwicklung, wenn wir das Imperfekt der Zeitwörter mit der Endsilbe te bilden, liebte von lieben usw. Falsche Analogie ist es, wenn gegenwärtig die Form buk von backen verschwindet und für die transitive wie für die intransitive Bedeutung die Form backte aufkommt. Es ist bekannt, dass die Kinder unaufhörlich den Versuch machen, diese falsche Analogie zu einem ausnahmslosen Gesetze zu erheben. Hat das Kind erst die Kategorie des Imperfekts und die Endsilbe te begriffen, so sagt es auch gewiß "ich trinkte". Ein Prachtstück falscher Analogie im Kindermund ist "er hat geseit" anstatt "er ist gewesen". Das Kind bildet "er hat geseit" von "sein" nach der Analogie von "er hat gefragt".

Der Fehler in der Anwendung der logischen Analogie auf die Geschichte der Sprache wird noch klarer, wenn wir dasselbe Wort auf die Geschichte der Organismen anzuwenden suchen. Ist nämlich wirklich die Entstehung der differenzierten Tierformen aus den niedersten oder einfachsten durch die einander kreuzenden Wirkungen der Erblichkeit und der Anpassung zu erklären, so könnte man ja die Erblichkeit, das heißt die Tendenz, das Kind den Eltern identisch zu schaffen, Analogie nennen, — die Anpassung jedoch, das heißt die Tendenz, kleine Unterschiede zu häufen und zu konservieren, die falsche Analogie. Sofort wäre damit die Sprache, welche durch die Worte Vererbung und Anpassung erklärende Gesetze aufzustellen versucht hat, zu der Banalität zurückgekehrt, dass die Tiere einander teils ähnlich, teils unähnlich sind. Aber die Worte der menschlichen Sprache sind nicht einmal Organismen, sondern nur Bewegungen oder Tätigkeiten von Organen. Man darf die Sprache nicht mit den lebenden Tieren vergleichen, sondern nur mit ihren anderen Tätigkeiten, z. B. mit der Fortbewegung der Tiere. Das wäre — wie schon einmal hervorgehoben — eine recht fruchtbare Vergleichung, weil ja doch das Schwimmen, Fliegen und Gehen der Tiere zuerst und zuletzt eine Annäherung entweder an Nahrungsmittel oder an den Gegenstand der Geschlechtsvereinigung bezwecken, und weil wohl die menschliche Sprache außer den Zielen der Eitelkeit zuerst und zuletzt ebenfalls die Annäherung des Nahrungsmittels und des Weibchens beziehungsweise Männchens will. Ich wage es nicht, da ich mich auf keine physiologische Vorarbeit berufen könnte, eine Vergleichung durchzuführen zwischen der Entwicklung der Sprache und zwischen dem Wege, welcher von den zuckenden Bewegungen der Seeanemone (um ein auffallendes Beispiel zu nennen anstatt den weniger bekannten Bewegungen der Moneren, die hier richtiger stünden) in unendlichen Zeiträumen bis zum Fluge des Adlers und zum Gang und Tanz des Menschen geführt haben mag. Die Entwicklung des Organismus wäre dabei eine Sache für sich. Aber der Gebrauch des Organs, der dann freilich wieder die Entwicklung beeinflußt haben wird, dürfte doch wohl dem Gebrauch des menschlichen Sprachorgans entsprechen. Und es ist kein Zufall, wenn man befreundete Menschen ebensogut an der Sprache wie am Gang erkennen kann, ja sogar am Schall der Tritte kann man sie erkennen. Das ist nicht wunderbar; "Sprache" ist ein Abstraktum, es gibt nur Individualsprachen, eigentlich nur Augenblicksworte; "Gang" ist ein Abstraktum, es gibt nur individuelle Gangarten, eigentlich nur ähnliche Schreitbewegungen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 20.06.2006 
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