Junggrammatiker


Dabei soll nicht geleugnet werden, dass die Junggrammatiker das vorhandene Sprachmaterial weit sorgsamer beobachtet haben als alle ihre Vorgänger, was übrigens der selbstverständliche historische Gang ist. Ihr Fanatismus für ihren obersten Grundsatz der Ausnahmslosigkeit hat sie zu vielen hübschen und neuen Beobachtungen geführt. Sie geben zu, dass ihr Satz nicht zu beweisen ist; aber sie suchen von seiner Wahrheit dadurch zu überzeugen, dass sie möglichst viele von den hergebrachten Ausnahmefällen gruppieren und die neuen Gruppen mit neuen Namen zu besonderen Gesetzchen machen. Das ist eine sehr reizvolle und geistreiche Beschäftigung. Sie haben darauf aufmerksam gemacht, dass Konsequenz in der Aussprache vorhanden sei, wo die Schreibweise inkonsequent ist, wie sie nicht nur an gelehrten Beispielen, sondern auch an unserem "das" und "dass", "man" und "Mann" zeigen. Sie haben die Wirkung einander kreuzender Lautgesetze nachgewiesen. Sie haben die immer noch phantastischen Etymologien aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts strenge gesichtet. Aber es ist ein Irrtum, wenn sie glauben, die Grundfrage: "Wie ist die Sprache entstanden, die wir reden?" besser beantwortet zu haben als ihre Vorgänger. Ja, es verbirgt sich hinter der gelehrten Arbeit dieser Schule ein Alexandrinismus, der trotz vieler klarer Einsichten wie Handwerk erscheint gegenüber der kühneren Arbeit von Humboldt und auch von Steinthal. Wahrhaftig nicht viel besser als eine Fabriksordnung klingt, was Brugmann in der akademischen Antrittsvorlesung "Sprachwissenschaft und Philologie" zum besten gibt. Es sei angemessen und nützlich, dass eine Gruppe von Philologen sich ausschließlich dem Studium der indogermanischen Sprachen widme. Arbeitsteilung sei nötig, weil eine vollständige Kenntnis der bis jetzt gewonnenen Resultate von Seiten eines einzelnen nur ein Idealbild sei. Seitenlang wird darüber gesprochen, dass sich die Indogermanisten doch auch Philologen nennen dürfen. Brugmann bemerkt fein, dass es sich schlecht mit dem Wesen der Wissenschaft verträgt, wenn ein Spezialist beim anderen Arbeit bestellt, ohne sie selbst auf ihren Wert und ihre Zuverlässigkeit prüfen zu können; er ahnt also wohl den Fehler unseres wissenschaftlichen Betriebes, wo nicht nur hier und da durch nichtswürdige Kameraderie, sondern auch überall bona fide durch die herrschende Arbeitsteilung eine Assekuranz, auf Gegenseitigkeit zu finden ist. Er ahnt die Gefahr, aber dennoch verteilt er die Geschäfte wie ein tüchtiger Zwischenmeister an die Detailarbeiter. Er ist kein Sprachphilosoph, weil er ein Spezialist ist. Er wendet die letzten Grundsätze nicht an, die sich ihm bei größerer Unbefangenheit ergeben müßten. Er ist dicht daran zu begreifen, dass alle die Gesetze, die wir in den alten und neuen Sprachen nachweisen, nur in den Köpfen der Sprachforscher stecken, aber nicht in den Sprachen selbst; aber dieses Begreifen ist in ihm nicht lebendig geworden. Er erkennt aus Bosheit, dass von den älteren Philologen die methodischen Grundsätze aus einer konstruierten Ursprache geschöpft wurden, zu der sie doch wieder erst durch Anwendung eben dieser Grundsätze gekommen waren. Aber er sagt es nicht ausdrücklich, dass die gesamte Sprachwissenschaft sich in einer ähnlichen Lage befindet, dass sie nämlich Prinzipien aus Sprachgesetzen herleitet, zu deren Aufstellung sie durch ihre Prinzipien geführt worden ist. Die seit einigen Jahren verfaßten und lesenswerten Bücher, welche sich selbst "Prinzipien der Sprachgeschichte" oder ähnlich nennen, haben darum auch einen recht unklaren Titel; ich gestehe wenigstens, dass ich niemals weiß, ob mit den "Prinzipien" die allgemeinsten und nicht erst zu beweisenden Grundsätze der methodischen Forschung oder umgekehrt die letzten und darum wieder allgemeinsten Ergebnisse dieser Forschung semeint sein sollen.

 

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Quelle: www.textlog.de

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Seite zuletzt aktualisiert: 02.09.2006 
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