Johannes Schmidt


Etwas abseits von den eigentlichen Junggrammatikern hielt sich mit skeptischer Vorsicht und vorsichtiger Skepsis der kritische Johannes Schmidt. Ich kann seiner Gelehrsamkeit kaum folgen, geschweige denn sie kontrollieren. Es liegt aber eine überzeugende Kraft in seinem ruhigen Häufen von Einzelbeweisen. Seine kleine Schrift über "Die Verwandtschaftsverhältnisse der indogermanischen Sprachen" wirkte in dem engen Kreise, der sich die Erforschung der Ursprache, Urheimat usw. zur Lebensaufgabe gesetzt hatte, wie eine Katastrophe. Johannes Schmidt war der skeptische Geist unter den Junggrammatikern und darum ihr Geist überhaupt. Aber auch er war zu sehr von der Zunft, um skeptisch genug zu sein. Er sagt einmal: "Zwischen den bekannten Lautgesetzen und der falschen Analogie gibt es noch ein Drittes, auf dessen Eingreifen man überall gefaßt sein muß, nämlich unbekannte Lautgesetze." Und die gescheiteren Junggrammatiker stimmen ihm bei. Fühlt denn niemand von ihnen, welch eine Selbsttäuschung darin liegt, wenn man von unbekannten Gesetzen redet? Nennt man doch in der Sprachwissenschaft so voreilig und so gefällig jede Gruppe von ähnlichen Erscheinungen schnell ein Gesetz; der Erklärung für die Erscheinungen bedarf es ja nicht. Was kann also der Begriff eines unbekannten Gesetzes anderes besagen, als dass man nicht einmal die Gruppe ähnlicher Erscheinungen beisammen habe, die man zusammenfassen will. Denn hätte man sie nur äußerlich beisammen, so würde man auch schon von einem bekannten Gesetze sprechen. Der Skeptiker Johannes Schmidt hat bei diesen Worten den Mut des Nichtwissens nicht gehabt. Er wollte doch wohl nur sagen: Es gibt in der Sprache unaufgeklärte Erscheinungen, von denen wir jedoch annehmen, dass sie ihre Gründe haben. Dann hätte er das allgemein gültige Wort aller Skepsis ausgesprochen. Die Sprache wie alle andere Wirklichkeitswelt ist eine unaufgeklärte Erscheinung, von der wir annehmen und hoffen, dass sie ihre Gründe haben werde.

Die Kritik, welche Johannes Schmidt bereits in dem Büchlein "Die Verwandtschaftsverhältnisse der indogermanischen Sprachen" (1872) an der offiziellen Sprachwissenschaft geübt hat, ist viel einschneidender, als die Wissenschaft zugesteht und als dieser Gelehrte selbst deutlich verrät. Wer vermag zu sagen, ob es große Vorsicht ist oder der ehrliche Zweifel an der Berechtigung der eigenen Skepsis, was Johannes Schmidt hinderte, seine Bedenken zu Ende zu denken?

Er fand den festen Glauben vor an die wissenschaftlich erwiesene Existenz eines Stammbaums der indoeuropäischen Sprachen. Im einzelnen bewies er nun, dass es vollkommen unwissenschaftlich war, einen so bestimmten Stammbaum aufzustellen. "Wir müssen die Idee des Stammbaums gänzlich aufgeben." Fast gegen jede der allgemein angenommenen Gruppen hatte er Gegenbeweise erbracht; nicht nur die nordeuropäische, die graeco-italische, die italisch-keltische Gruppe erwiesen sich als unzuverlässig, selbst die große europäische Gruppe wurde zu einem Phantom. In der Vorrede nennt er den "gegenwärtig als gültig anerkannten Stammbaum" nur "unsicher". Dann aber setzt er (ohne es so ausdrücklich zu sagen) die Wirkung von Tatsachen, von geographischen Tatsachen, an die Stelle von Sprachgesetzen und gelangt (S. 24) zu dem Spruche: "Dass es keine gemeinsame europäische Grundsprache gegeben hat, bewies uns schon das Slawische; jetzt sind auch die südeuropäische und die graeco-italische Grundsprache unhaltbar geworden, und wir sehen überall nur stufenweisen, kontinuierlichen Übergang von Asien nach Europa."

Viel schüchterner ist Johannes Schmidt gegenüber der indogermanischen Ursprache. "Die Ursprache (S. 31) bleibt bis auf weiteres, wenn wir sie als Ganzes betrachten, eine wissenschaftliche Fiktion." Er wagt es nicht, seinen Kollegen die Kollegienhefte unbrauchbar zu machen. "Bis auf weiteres"; die winzigen Bereicherungen der Forschung sollen die Fiktion zur Wirklichkeit machen. "Als Ganzes betrachtet"; die indogermanische Ursprache ist also Fiktion, aber einzelne Urworte werden nicht verschmäht. So vergißt sich Joh. Schmidt weit genug, um den Satz zu wagen (S. 29): "Dass eine einheitliche indogermanische Ursprache einmal vorhanden gewesen sei, ist höchst wahrscheinlich, ja ganz sicher, wenn sich erweisen läßt, dass das Menschengeschlecht von einigen wenigen Individuen seinen Anfang genommen hat:"

Nun ist doch der Wert eines ganzen Stammbaums sofort auf eine Null heruntergesunken, wenn auch nur ein einziges der älteren Glieder herausgebrochen wird. Johannes Schmidt befand sich in der Lage eines Mannes, der Kritik geübt hat am Stammbaum einer vornehmen Familie. Die Familie hat zu einer Zeit, wo man sich nichts Arges dachte bei solchen genealogischen Märchen, ihre Herkunft von einem sogenannten Gelehrten bis auf Herkules zurückführen lassen und so auch auf Zeus, den Vater der Götter und Menschen. Nun kommt der besonnene Kritiker und weist nach, dass da und dort die Abstammung Lücken aufweise. Anstatt zu sagen: Herkules hat niemals gelebt, die Zurückführung der Familie auf ihn wäre ein Trug, selbst wenn Scheinbeweise für alle Zwischenglieder vorhanden wären; anstatt dessen sagt er bescheidentlich: Die Beweise für die Abstammungsglieder sind nicht so zwingend, dass man aus ihnen zu einer Gewißheit vom Leben des Herkules gelangen könnte.


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