Weltkatalog


Und damit wären wir wohl dort angelangt, wo wir die Antwort auf unsere Frage finden müssen. Eine große öffentliche Bibliothek wird bei uns gewöhnlich nach den Autoren und zwar nach dem deutschen Alphabet geordnet; sie könnte ebensogut nach dem Runenalphabet geordnet werden und mit F anfangen; sie könnte in der Ordnung irgend eines Alphabets nach den behandelten Gegenständen geordnet werden. Und so auf hunderterlei Art. Und sie wäre immer dieselbe Bibliothek, und sie wäre immer gleich benutzbar, wenn dem Publikum nur das Einteilungsschema geläufig wäre. Genau ebenso scheint es mir um die Ordnung des Wissens in einem menschlichen Kopfe zu stehen, nur freilich dass das Einteilungsschema der menschlichen Wahrnehmungen, die Sprache nämlich, mehr leistet als der Katalog für eine Bibliothek. Der Vorgang ist jedoch derselbe. Wenn wir als Kinder unsere Muttersprache erlernen, nehmen wir ein Repositorium für alle erdenklichen Notizen in uns auf, die wir zeitlebens machen werden, wir übernehmen von unseren Vorfahren ihren fragmentarischen, vorläufigen, populären Weltkatalog, um die Fächer nachher mit unseren Erfahrungen auszufüllen. Dieser fragmentarische und wissenschaftlich völlig ungenügende Weltkatalog ist alles, was wir an Intelligenz besitzen; er ist unser ganzes bißchen menschliche Vernunft. Er ist ganz unzureichend für die immer wieder versuchte Erkenntnis der Wirklichkeitswelt, er ist aber an sich betrachtet ein ungeheures Werk, die gemeinsame Arbeit von Milliarden, die vor uns und darum für uns gelebt haben.

Über die Anordnung dieses inneren Weltkatalogs wissen wir nichts. Michel Bréal hat umsonst versucht, in einem Vortrage am Institut de France "Comment les mots sont classes dans notre esprit" das Geheimnis aufzuhellen. "Nous sommes tous, plus ou moins, des dictionnaires vivants de la langue française," ruft er aus. Dann aber weiß er nichts zu sagen, als dass wir augenblicklich immer nur ein Wort und das Wort in einer einzigen Bedeutung empfinden. Er staunt die Leistung an, ohne sie zu erklären. Der unvergleichliche Wert dieser Leistung (der Wert für uns, nicht der Wert im Verhältnis zu der Aufgabe) besteht in der Ordnung und Übersichtlichkeit, die uns gestattet, unzählige Sinneseindrücke mit einer Lautgruppe zusammenzufassen, und so immer weiter bis an die Grenze der Abstraktion. Ein einzelner oder auch nur eine kleine Gruppe von Menschen hätte dieses Werk nicht schaffen können. Eine künstliche Sprache, wie sie oft versucht worden ist, könnte unmöglich alle Billionen Sinneseindrücke unterbringen; das vermochte nur die unbewußte Arbeit von Milliarden zu tun. Aber eine künstliche Sprache kann uns auch keine innere Sprachform geben, kein Sprachgefühl. Das vermag einzig und allein die Vererbung und das Volksmäßige in der Sprache. Nur weil wir alle Kategorien und Formen der Sprache schon als Kinder in uns aufnehmen, also zu einer Zeit, wo wir vielfach nur die leeren Fächer an ihnen besitzen, weil wir also diese Formen und Kategorien unseren Eltern abnehmen, wie den Glauben an den lieben Gott, weil wir dann später alle unsere Volksgenossen ohne Ausnahme ihre sämtlichen Sinneseindrücke und Abstraktionen in die gleichen und gleich bezeichneten Fächer unterbringen sehen, nur darum wächst mit uns von Jugend auf und mit unserem Volke das Gefühl, alle diese Formen und Kategorien seien notwendig. Die Dinge heißen nicht nur so, sie sind auch so.

Diese ungeheure allgemeine Überlegenheit jedes Spracherbes über die Erfahrungswelt des Einzelmenschen darf uns über den Wert der Sprache nicht täuschen. Unersetzlich und unübertrefflich ist die menschliche Sprache für die Ordnung aller Sinneseindrücke; auch der dümmste Mensch erhält durch sie etwas von den Erfahrungen der Menschheit überliefert. Der Dutzendmensch erhält durch die Sprache zum Erbteil alle Erfahrungen der Vorzeit, soweit er sie für sein Gewerbe braucht.


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