Herder


Die Sprachphilosophie des 18. Jahrhunderts war durch den tausendjährigen Einfluß des Christentums so tief unter die der Griechen gesunken, dass man bei der Frage nach dem Ursprung der Sprache nicht mehr zwischen Natur und Gesetzgebung unterschied, sondern darüber stritt, ob Menschenwerk oder Gottes Werk. Ein Mann wie Rousseau war in diesen Dingen schwankend. Der Theologe Herder hat das nicht geringe Verdienst, es seinen Zeitgenossen sehr wahrscheinlich gemacht zu haben, dass die menschliche Sprache mit Gottes Hilfe Menschenwerk gewesen sei. Hätte die christliche Theologie es der Mühe wert gehalten, zu behaupten, dass die Mistgabel eine Erfindung Gottes sein müsse, so wäre es ein Verdienst gewesen, auch diesen Wahn zu zerstören und die Entstehung der Gabeln im allgemeinen und der Mistgabeln insbesondere auf natürliche Weise zu erklären.

Viel bedeutender als Herders eigene sprachphilosophische Werke sind die Anregungen, welche er mittelbar dadurch gab, dass er, leidenschaftlicher und begeisternder als irgend jemand vor ihm, auf die geheime Arbeit des Volksgeistes hinwies. Er ist nicht der Entdecker des Volksliedes, aber auf ihn geht die wissenschaftliche Pflege alles Folklore zurück, das in unserer Zeit in Recht und Sitte, in Religion und Kunst, vor allem in der Sprache und in der Poesie nachgewiesen wird. Diese kulturhistorische Tat Herders brach der philosophischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts die Spitze ab. Hatte man vorher geglaubt, das heißt hatten die freieren Geister geglaubt, alle diese Einrichtungen als Schöpfungen des menschlichen Verstandes bewundern zu müssen, als mechanische Erzeugnisse des bewußten Verstandes, so schob man sie jetzt mehr und mehr der unbewußten Tätigkeit eines unbekannten Volksgeistes zu. Und weil der Begriff unklar war, so sprach man auch konsequenterweise nicht von dem Verstande des Volkes, sondern von dessen Geiste, wobei man sich irgend eine versteckte Gottheit vorstellen konnte. Die Aufklärung hatte sich eigentlich gegen die allgegenwärtige und allzu geschäftige Eindrängelei des allmächtigen Gottes gerichtet; man hatte es dem Gotte stillschweigend überlassen, den menschlichen Verstand zu schaffen, und machte diesen zum allmächtigen Erfinder. Gegen die unbefriedigende und unwahre Nüchternheit dieser Vorstellung wandte sich nun die Lehre von einem unbewußten Volksgeist. In der romantischen Poesie kehrte dieser wertvolle Protest gegen die Aufklärung um in das christliche Mittelalter oder heuchelte wenigstens eine solche Umkehr. In der romantischen Philosophie Deutschlands, von Hegel bis Eduard von Hartmann, wurde in ähnlicher Weise die gestürzte Allmacht Gottes wieder hervorgesucht; es wurde links mit dem Atheismus kokettiert, während rechts die Bewegung unbewußter Begriffe ganz mittelalterlich die zerstörte Welt göttlich wieder aufbaute. Vorher aber hatte schon für die Wissenden Kant auch den Volksgeist überflüssig gemacht. Wenn unsere Vorstellung von der Welt mit allen aus unseren Vorstellungen abstrahierten Wissenschaften an der Erscheinung haften bleibt und bis zum Ding-an-sich nicht vorzudringen vermag, wenn jede unserer Vorstellungen in Form und Inhalt abhängig ist von der Einrichtung unserer Sinne und unseres Verstandes, dann ist die mythologische Person "Volksgeist" überflüssig geworden und die Unwahrheit der Aufklärung ist ebenso vermieden wie die Unklarheit der Herderschen Romantik. Herder kämpfte für sein Lebenswerk, als er gegen Kant auftrat.

Diese Auffassung von Herders sprachphilosophischer Tat muß dem ungerecht erscheinen, der Herders berühmte "Abhandlung über den Ursprung der Sprache" rein historisch betrachtet. Dass diese Preisschrift jedoch so rasch historisch werden, das heißt veralten konnte, das sollte doch ihre Bewunderer mißtrauisch machen. Selbstverständlich war er in seinen Ideen ein ungewöhnlicher Mann. Er war, durch eigenes Denken und durch Hamanns Einfluß, der vorkantischen Schulphilosophie entwachsen; er wußte schon, in besonders hellen Augenblicken, dass es ein besonderes Seelenvermögen Vernunft nicht gibt, dass "alle Kräfte unserer und der Tierseelen nichts sind als metaphysische Abstraktionen"; er ahnte bereits, dass es nur Individualsprachen gibt. Aber Herder bringt sich doch um jeden Kredit, wenn er seine Preisschrift schon 1772 (in einem Briefe an Hamann) als "Schrift eines Witztölpels" verleugnet; die Denkart dieser Preisschrift könne und solle auf ihn so wenig Einfluß haben als das Bild, das er jetzt an die Wand nagle. Da ist es denn kein Wunder, wenn Herder in der Folgezeit den lieben Gott wieder um die Erfindung der Sprache bemüht.

Herders Wesen ist eben voll von Widersprüchen. Man liebte ihn nicht. Kant soll so weit gegangen sein, Herder den Wahrheitssinn abzusprechen. Als moralisch unwahr erscheint Herder sogar bei Goethe, wenn der vergötterte Waldteufel "Satyros" wirklich, nach Scherers Vermutung, gegen ihn gemünzt ist. Herder und Satyros spielen mit Worten und Gedanken. Es ist bereits irgendwo einmal gesagt worden, dass Herder als Poet einer prosaischen Sprache zuneige, als Philosoph einer poetischen. Darum allein ist es schwer, seine Ansichten festzuhalten, auch wenn er ihnen treuer geblieben wäre.

Das Beste, was Herder gegen Kant vorzubringen weiß, ist Hamanns Eigentum.

"Die menschliche Seele (heißt es: Metakritik, I. Teil, S. 8 u. f.) denkt mit Worten; sie äußert nicht nur, sondern sie bezeichnet sich selbst auch, und ordnet ihre Gedanken mittels der Sprache. . . . Mittels der Sprache lernten wir denken; durch sie sondern wir Begriffe ab und knüpfen sie haufenweise ineinander. In Sachen der reinen oder unreinen Vernunft also muß dieser alte, allgemeingültige und notwendige Zeuge abgehört werden; und nie dürfen wir uns, wenn von einem Begriff die Rede ist, seines Herolds und Stellvertreters, des ihn bezeichnenden Wortes schämen. Oft zeigt uns dieses: wie wir zu dem Begriff gelangt sind, was er bedeute, woran es ihm fehle. Konstruiert der Mathematiker seine Begriffe durch Linien, Zahlen, Buchstaben und andere Zeichen; ob er gleich weiß, dass er keinen mathematischen Punkt machen, keine mathematische Linie ziehen könne, und eine Reihe anderer Charaktere von ihm gar willkürlich angenommen sind; — wie sollte der Vernunftrichter das Mittel übersehen, durch welches die Vernunft eben ihr Werk hervorbringt, festhält, vollendet? Ein großer Teil der Mißverständnisse, Widersprüche und Ungereimtheiten also, die man der Vernunft zuschreibt, wird wahrscheinlich nicht an ihr, sondern an dem mangelhaften und schlecht gebrauchten Werkzeuge der Sprache liegen; wie das Wort Widersprüche selbst sagt." Um dieses vorzüglichen Wortes willen (man vergleiche zahlreiche Äußerungen Hamanns über die Weisheit des Widerspruchs, wie dass seine eigene unnatürliche Neigung zu Widersprüchen der Tod und die Hölle der lebenden Weltweisheit sei) müssen wir freilich die Verurteilung der Herderschen Widersprüche zurücknehmen oder mildern. Sprechen oder Denken ist Widerspruch; wie erst ein Philosophieren über die Sprache.

Bin Widerspruch ist in der Wirklichkeitswelt undenkbar. Denkbar und wirklich ist er nur im Denken oder im Sprechen der Menschen. Die deutsche Sprache ist so ehrlich, das ausdrücklich anzuerkennen, da sie für den Begriff des Gegensatzes das Wort "widersprechen" gebildet hat. In Wahrheit ist der Widerspruch nur im Menschengehirn vorhanden, er ist ein Dagegensprechen, ein Dagegenreden, nicht ein Dagegensein. Diese Passivität der Wirklichkeitswelt bei der Behauptung eines Widerspruchs liegt auch in dem Worte "Gegensatz" verborgen, das eine Übersetzung des lateinischen oppositio ist. Die Wirklichkeiten sind nicht wider einander, sind einander nicht feind, nicht entgegen, sie sind einander nur entgegengesetzt, widersprechen einander nur.

 

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