Sanskrit


Die alten Sanskritgrammatiker scheinen an einem tieferen Eindringen in die Sprache hauptsächlich durch zwei Umstände verhindert worden zu sein; so unsicher ich mich auf diesem Boden bewege, möchte ich die Bemerkungen nicht unterlassen, weil der Einfluß dieser alten vaiyâkaranas auf unsere Sprachwissenschaft so mächtig geworden ist.

Zunächst war den indischen Erklärern der Veden ebenso etwa wie den früheren orthodox jüdischen Erklärern der Bibel der Urtext als die Göttersprache (daivî vâk) heilig und unantastbar. Bei Indern und Juden war die ganze sprachliche Beschäftigung teils praktisch, teils abergläubisch, niemals aber eigentlich wissenschaftlich. Für den praktischen Zweck wie für die religiöse Scheu war die Aufstellung von letzten Formen der Sprache, der berühmten Sanskritwurzeln, ganz natürlich. Unbegreiflich ist es nur, wie gläubig die moderne Forschung dieses Wurzelwerk sich "methodisch" aneignen zu müssen glaubte.

Sodann aber hatten die alten Grammatiker eine bescheidene Arbeit zu leisten, die man wirklich heutzutage nicht mehr so sehr anstaunen sollte. Die Bezeichnung vaiyâkaranas auf die Grammatiker ist ganz wörtlich zu nehmen; das Wort bedeutete, was wir heute vornehm Analyse nennen, was aber einfacher Trennung, Auflösung in die Bestandteile genannt werden könnte. Ich stelle mir die unmittelbare Aufgabe der alten Vedenerklärer so vor, dass sie die durch die Schrift versteinerte Sprache eines Geschlechts, welches einige Jahrhunderte vor ihnen gelebt hatte, auszudeuten hatten. Wären die alten Texte nicht zufällig durch die damals verhältnismäßig neue Erfindung oder Einführung der Schrift fixiert worden, so hätte sich wohl das alte Sanskrit langsam zugleich mit dem Volke verändert, und eine indische Philologie wäre nicht entstanden. Nun gab es aber einen Unterschied zwischen dem Sanskrit der Grammatiker — mag dieses auch damals bereits eine tote Sprache gewesen sein — und dem Sanskrit der Veden. Die erste Arbeit bestand also darin, in den Texten, welche unpraktischerweise nicht einmal die Worte trennten, die einzelnen Worte auseinanderzuhalten und innerhalb der einzelnen Worte die Formsilben von der sogenannten Wurzel zu trennen. Nun denke man sich, unsere ganze neue Sprachwissenschaft wäre unter Indern betriebsam; wir wären Inder und hätten zufällig Kenntnis erhalten von mittelhochdeutschen Texten und mittelhochdeutschen Grammatiken, wären aber übrigens ohne jede Kenntnis der alten indischen und der griechischen Sprachzergliederung. Dann wäre uns die immerhin bescheidene Tätigkeit der ersten Erklärer des Mittelhochdeutschen ein Wunderwerk, dann wäre uns überdies das Mittelhochdeutsche höchst wahrscheinlich zur heiligen Mutter aller indoeuropäischen Sprachen geworden.


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