Christentum und Sprachwissenschaft


Das Christentum hat von seinen ersten Anfängen an das unleugbare Verdienst gehabt, den beschränktesten Barbarenbegriff über Bord zu werfen. Wohl gemerkt, das Christentum, bevor es offiziell wurde. Die Hierarchie des offiziellen Christentums freilich hat es von Kaiser Konstantin bis zum heutigen Tage mit den Mächtigen gehalten. In seinen Anfängen aber war das Christentum die Religion derer, die gar nichts anderes hatten, keinen Besitz und kein Vaterland, also auch keine Hausgötzen und keine Lokalgötter. Der Pöbel hatte das Christentum angenommen; eine theologische Schöpfung ist es zuerst nicht gewesen. Den christlichen Genossen des dritten Jahrhunderts war keine Völkerschaft zu verächtlich, keine Sprache zu schlecht für die Propaganda. Die Gleichheit der Menschen vor dem Vater im Himmel ließ auch die Völker und ihre Sprachen gleichberechtigt scheinen. Aus Barbarensprachen holten sich die Genossen ihren Glauben, in anderen Barbarensprachen wurde er weiter getragen. Christen lernten koptisch, syrisch, armenisch, ein Christ übersetzte die Bibel ins Gotische. Diese Bewegung hat bis zur Stunde noch nicht aufgehört, da die englischen Bibelgesellschaften heute noch einen Sport daraus machen, die Bibel in alle möglichen und unmöglichen Sprachen übersetzen zu lassen. Und so lächerlich, so blödsinnig auch der Gedanke ist, den Karaiben dadurch die Gedanken Jesu Christi beizubringen, dass man ihnen einige Worte vorsagt, die außer dem Zusammenhang eine gewisse Bedeutungsähnlichkeit mit den lateinischen Worten des Vaterunser, der Bergpredigt hätten, so ist doch bei diesem Sport eine Menge Sprachgut in Europa bekannt geworden.

Ebenso unfreiwillig erwarb sich das Christentum ein anderes Verdienst um die Sprachwissenschaft dadurch, dass es wohl oder übel die hebräischen Schriften der Juden mit in Kauf nehmen mußte und dass es somit auf die Begründung einer semitischen Philologie angewiesen war. Es konnte natürlich nicht ausbleiben, dass der methodische Wahnsinn der klassischen Etymologie sich mit scheinbarer Wissenschaftlichkeit wiederholte, als nach der Reformationszeit das Hebräische von konfusen Köpfen mehr und mehr gepflegt und für die von Gott eingesetzte Ursprache der Menschheit gehalten wurde.

Wichtiger aber als die Tatsache, dass in der Christenheit die Beschäftigung mit dem Hebräischen sprachwissenschaftlich mehr S.chaden als Nutzen stiftete und dass die sprachwissenschaftliche Ausbeute der christlichen Propaganda ein geringer Ersatz für die Schäden dieser Eroberungszüge war, scheint mir ein Punkt, der vielleicht die Ähnlichkeit zwischen dem semitischen und dem indoeuropäischen Sprachbau besser aufklären hilft, als es bisher die unbeweisbare Annahme einer Verwandtschaft oder gar die vollständig schemenhafte Zuteilung zu der gleichen Sprach k l a s s e zu tun vermochte. Man kann wirklich nicht ohne Hohn Sätze wiederholen wie den, dass beide Sprachfamilien darum einen ähnlichen Bau haben, weil sie beide zur flektierenden "Klasse" gehören; bescheidener müßte man sagen, dass sie beide zur flektierenden Klasse gerechnet werden, weil die Grammatik der einen und der anderen für unseren ordnenden Verstand einen ähnlichen Bau zu besitzen scheint. Wenn aber Benfey (Geschichte der Sprachwissenschaft 191) mit seiner sehr vorsichtig ausgesprochenen Vermutung recht hat, dass die griechische Grammatik auf dem Wege über Persien auf die Anfänge der arabischen Grammatik eine gewisse Wirkung ausgeübt habe, dann ist es, da doch die hebräische Grammatik eine Nachahmung der arabischen ist, gar nicht unmöglich, dass alle Ähnlichkeiten der semitischen und der indoeuropäischen Sprachen — so wie wir sie sehen — erst durch die Anwendung der gleichen grammatischen Kategorien in die semitischen Sprachen hineingetragen worden sind. Es ist das in der Geschichte der Wissenschaften ein gar nicht so seltener Fall, dass man die Umrißlinien, die man sucht, auch findet, — nicht etwa weil sie vorhanden wären, sondern weil man sie eben gesucht hat. Es liegt das zu tief im Wesen des menschlichen Verstandes begründet, um nicht vermuten zu lassen, was niemals Seziermesser und Mikroskop werden aufweisen können: dass die bloße Richtung der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Vergleichspunkt diesen Punkt zum Range eines Einteilungsgrundes oder gar einer Kategorie erheben kann. Man kann diese Eigentümlichkeit des menschlichen Verstandes schreiend deutlich aufzeigen in dem Gedankengang der statistischen Forscher, welche ihre ungeheuren Ziffermassen je nach der Richtung der Aufmerksamkeit immer neu gruppieren müssen; und wer einem Statistiker einen noch so widersinnigen Vergleichungspunkt (z. B. Zunahme der Eigentumsverbrechen und Zunahme der kurzsichtigen Schüler) wichtig erscheinen lassen könnte, der hätte ihn auch gezwungen, seine Aufmerksamkeit auf die Vergleichung zu richten und eine neue Tatsache zu sehen, so wie alle Welt in einem fernen Gebirgszuge einen Mönch oder einen Löwen sieht, sobald die Aufmerksamkeit auf diese Ähnlichkeit gelenkt worden ist. Ähnlich ist am Ende alles; nur auf den Grad der Ähnlichkeit kommt es an. Ein Karikaturenzeichner kann mit einer geringen Zahl sehr ähnlicher Bilder aus jedem Ding jedes Ding machen.

Wie soll man da nun gar keine Ähnlichkeit zwischen den semitischen und den indoeuropäischen Grammatiken wahrnehmen, wenn die Abstraktionen der einen denen der anderen zum Muster gedient haben? Wie soll man in einem Felsblock nicht die Umrißlinien eines Löwen erblicken, wenn der Felsblock künstlich zugehauen worden ist?

 

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